Diverses Die Rolle seines Lebens

Mitten in der Finanzkrise hat François Jozic die Noa Bank gegründet, die Finanzierungspartner für den Mittelstand sein will. Er ist charmant, charismatisch – und hat eine überraschende Vergangenheit.

Kurz reicht sie François Jozic die Hand, fast flüchtig. Lenah Strohmaier weiß nicht recht, was sie erwartet. Immerhin, der Eigentümer einer Bank trifft sich mit ihr. Im Tegel Terrace in Berlin, einem dieser unpersönlichen Flughafen-Bistros. Es ist nicht das erste Treffen. Im Februar hat der Bankchef Strohmaiers Tänzern von der Lissanga Dance Company beim Trainieren zugesehen und eine Spende seiner Noa Bank überreicht und kürzlich einen Kredit über 10.000 Euro gegeben. Wie läuft’s mit dem neuen ­Lissanga-Stück „Pass“, das die Gruppe ­gerade probt? Jozic stützt den Kopf auf seine rechte Hand, nimmt seine Brille ab und hört aufmerksam zu, während ­Strohmaier spricht.

Sie wird lockerer, die Stimmung ist gelöst, als Jozic auf seine eigenen Pläne zu sprechen kommt. Was Strohmaier hört, gefällt ihr. Jozic spricht von gänzlich neuen Wegen, die er bei der Kulturfinanzierung gehen will. Davon, dass er dieses Terrain mit der Noa Bank erschließen ­möchte. Dazu brauche er Kontakte zu Künstlern, zu kulturellen Einrichtungen. Er, der Bankier, bittet sie, die Choreografin, um Hilfe. Sie könne ihm sicher ein paar Leute vorstellen. Jozic könne ja zur Uraufführung von „Pass“ im August kommen, sagt Strohmaier, da gehe sicher was. Sie lächelt, verabschiedet ihn mit Küsschen links, Küsschen rechts, als Jozic nach 45 Minuten losmuss: der Flieger nach Düsseldorf. Auch er lächelt, entschuldigend.

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Vom Berater zum Banker

Der Mann Die Bank
François Jozic, geboren am 13. März 1973 im belgischen Lüttich, ist der ältere von zwei Söhnen eines Historikerpaars. Im Alter von 21 Jahren schmiss er sein Wirtschafts- und Jurastudium, um als selbstständiger Berater mittelständischer Firmen zu arbeiten. 2004 gründete Jozic gemeinsam mit seinem Studienfreund Frédéric Lodewyk die Factoringfirma Quorum in Düsseldorf. Im Jahr 2009 kauften die Geschäftspartner das Frankfurter Bankhaus Zwirn, um es in die Noa Bank umzuwandeln. Transparenz und Verzicht auf Spekulation – mit diesen Grundsätzen trat die Noa Bank im vergangenen November an. Der Fokus soll auf der Finanzierung des Mittelstands liegen. Das Kapital hierfür geben Privatkunden, die ein Festgeld- oder Tagesgeldkonto bei dem Geldhaus unterhalten. Sie können wählen, in welchen von vier Bereichen Noa ihr Geld als Kredit weiterreicht: Kultur, Leben, Planet, Region. Firmen, die einen Kredit aufnehmen, werden mit der geliehenen Summe und dem Verwendungszweck auf der Internetseite der Noa Bank aufgeführt. Aktuell betreibt die Bank mit gut 80 Mitarbeitern Niederlassungen in Düsseldorf und Frankfurt, weitere Filialen sollen folgen.

Als François Jozic geht, bleibt etwas: ein Hauch von Charme. Dabei wirft er nicht mit Komplimenten um sich, schmeichelt nicht mit Worten. Vielmehr vermittelt der 37-jährige Belgier das Gefühl, wichtig zu sein. Er nennt das: „Sie müssen Ihre Kunden fühlen.“

So viel Gespür lassen die Köpfe der Großbanken vermissen. Josef Ackermann auf ewig mit seiner Victory-Geste verbunden. Dirk Jens Nonnenmacher ist zum Gesicht des Milliardendesasters der HSH Nordbank geworden. Und Georg Funke führte die Hypo Real Estate erst an den Rand der Pleite, um dann sein Gehalt bis 2013 einzuklagen. Keine Moral, stattdessen grenzenlose Gier. Das ist das Bild des Bankers im Jahr zwei nach Lehman.

Nichts wird sehnsüchtiger erwartet als ein Gegenentwurf – als François Jozic. Seine Bank zockt nicht an den Finanzmärkten mit dem Geld ihrer Kunden, sondern konzentriert sich auf das Kredit­geschäft für den Mittelstand. Seine Bank ist transparent und gibt ihren Kunden die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, was das Institut mit ihrem Kapital macht. Das ist zumindest der Anspruch, als Jozic im Herbst 2009 mit seinem Geschäftspartner Frédéric Lodewyk das Frankfurter Bankhaus Zwirn kauft – eine leere Hülle, ohne Kunden und Kreditgeschäft, aber mit ­einer Lizenz. Jozic nennt sie Noa Bank.

Noa, wie der Noah mit der Arche, der letztlich das Gute auf der Welt rettete. ­Eine solche Bank kommt anders daher. Weder kleinbürgerlich-spießig wie Sparkassen und Volksbanken noch großspurig-arrogant wie Deutsche und Commerzbank. Nein, es geht bunt zu bei Noa, frech, lebendig und unangepasst.

„Wir nehmen das selbst in die Hand“

Das muss verkörpert werden, und damit kommt Jozic ins Spiel. Er verzichtet auf Dreiteiler und Krawatte, trägt eine Paul-Frank-Brille mit absurd großen Gläsern, das Hemd offen und dazu regelmäßig eines seiner elf Paar Turnschuhe. Jozic wohnt – hip! – in Barcelona, mit seiner ­Lebensgefährtin und ihren zwei Kindern. Sein ganzer Auftritt sagt: „Seht her! Ich schere mich nicht um Konventionen.“

Vor drei Jahren scherte er sich noch. Fotos von damals zeigen ihn im dunklen Anzug, mit Krawatte und dezenter Brille. Das Klischee des seelenlosen Finanzprofis.

Ist der Gutmensch ein Abzocker?

Damals führte Jozic den Factoring­anbieter Quorum, gemeinsam mit Frédéric Lodewyk. Die beiden kennen sich seit ihrem Studium in Lüttich, arbeiten seit 2003 zusammen. „Wir sinnierten bei einem Glas Wein über Möglichkeiten, die Finanzierungssituation für Mittelständler zu verbessern“, so erzählt Jozic die Geschichte. „Irgendwann sagten wir: Lass uns aufhören zu jammern. Wir nehmen das selbst in die Hand.“

Im damals formulierten Leitbild von Quorum klingt das weniger menschen- als geldorientiert: „Wir wollen die Nummer eins im Hinblick auf die Kundenzahl sein und unter die top fünf in Bezug auf das Einkommen gehören.“ Unrealistisch war das nicht. In Deutschland war Factoring – das Verkaufen von offenen Rechnungen an einen Dritten, den Factor – 2004 kaum verbreitet. Das Duo sah enormes Potenzial. Mit rund zwei Dutzend Verkäufern akquirierte das Düsseldorfer Unternehmen nach eigenen Angaben über 500 Kunden, überwiegend Kleinunternehmen aus dem Transportgewerbe. Der Umsatz soll 2008 bei 434 Millionen Euro gelegen haben.

Geldgeschäfte mit Moral
Die Noa Bank knüpft die Kreditvergabe an verschiedene ethisch-ökologische Kriterien. Einige Beispiele: keine Waffengeschäfte, Verzicht auf Gentechnik, keine Tätigkeit für die Atomindustrie. Der Ansatz ist nicht neu. Noas wichtigste Wettbewerber:
Ethikbank Das 2002 gegründete Institut bietet zwar Geschäftskonten an, vergibt aber keine Kredite an Firmen, lediglich an Privatleute. Die Kundeneinlagen investiert die Bank in die Förderung von sozialen oder ökologischen Projekten im Bereich Energie, Umwelt, Bauen und Menschen.
Internet: www.ethikbank.de
GLS Bank Das Bochumer Geldhaus war 1974 das erste ethisch-ökologische Institut Deutschlands. Ende 2009 hatte die Bank über 700 Millionen Euro an Privat- und Geschäftskunden verliehen. Schwerpunkte der Kreditvergabe liegen etwa auf regenerativen Energien, ökologischer Landwirtschaft und Naturkost. Die GLS Bank ist bundesweit an sieben Standorten vertreten.
Internet: www.gls.de
Triodos Bank Das niederländische Geldhaus ist seit Dezember 2009 in Deutschland vertreten. Die Bank vergibt Kredite an Unternehmen zweckgebunden für ökologische, soziale oder kulturelle Projekte. Es gibt ­einen umfangreichen Katalog an Ausschlusskriterien von Pornografie bis hin zur Zusammenarbeit mit Diktaturen.
Internet: www.triodos.de
Umweltbank Seit 1994 vergibt das Institut Kredite ausschließlich zur Finanzierung von ökologischen Projekten. Das Angebot wird hauptsächlich von privaten Bauherren genutzt, die etwa eine Fotovoltaikanlage an ihrem Haus installieren. Aber auch Unternehmen, die den strengen Ökomaß­gaben entsprechen, erhalten Kredite.
Internet: www.umweltbank.de

Konkurrenten lästern, es gebe keine Factoringgesellschaft, über die ihnen mehr Beschwerden von Kunden zu Ohren gekommen seien. „Die sind nicht seriös“, lautet das Urteil eines norddeutschen Wettbewerbers. Einige Quorum-Kunden haben anwaltlichen Rat gesucht, weil sie sich über den Tisch gezogen fühlen. Es ist von Drückermethoden und überhöhten Gebühren die Rede. Und davon, dass Quorum zwar beim Kassieren fix war, sich beim Bezahlen der aufgekauften Rechnungen mitunter aber viel Zeit ließ. Das, so der Vorwurf, soll einige Kunden derart in Liquiditäts­nöte gebracht haben, dass sie sogar Insolvenz anmelden mussten.

Ist der Gutmensch ein Abzocker? Die Frage würde irgendwann auftauchen, das war François Jozic klar. So zeigte er sich vorbereitet, als im März ein Journalist einen Katalog mit 35 Fragen vorlegte, auch zu seiner unternehmerischen Vergangenheit. Jozic ging in die Offensive und ­mutmaßte in seinem Blog auf der Internetseite der Noa Bank, die Recherche sei von den Wettbewerbern initiiert worden: „Ich kenne die Vorgehensweise meiner Konkurrenten – das Establishment. Zerstöre Jozics Ruf, und die Kunden werden die Noa Bank verlassen.“

Unhaltbare Versprechungen

Da hatte Spiegel Online den Text des Reporters noch nicht veröffentlicht, das passierte erst zwei Tage später. Auf der Website der Noa Bank präsentierte Jozic nicht nur den kompletten Fragenkatalog, sondern auch seine Antworten. Quintessenz: Quorum habe sich immer korrekt verhalten; lediglich die Zusammenarbeit mit frei­beruflich tätigen Verkäufern sei ein Fehler gewesen. „Das größte Problem waren Versprechungen, die die Selbstständigen den Kunden gemacht ­haben, die aber von der Firma nicht eingehalten werden konnten.“ 2008 habe Quorum daher das Vertriebs­modell mit Freiberuflern beendet.

Die Botschaft: Es gibt nichts zu verschweigen. Totale Transparenz.

Im Flieger nach Düsseldorf zeigt sich Jozic angefasst von der Kritik. Unternehmen, die sagen, Quorum habe sie in die Insolvenz getrieben, hätten diese selbst verschuldet – mit fingierten Rechnungen oder weil ihre Zahlungseingänge vom Finanzamt gepfändet wurden. Nervös spielt er mit seinem abgeschalteten iPhone, dann wird er laut: „Bisher haben wir jeden Prozess gewonnen. Und wir werden jeden weiteren gewinnen.“ Er drückt Daumen und Zeigefinger aneinander, während die Hand mit dem Stakkato seiner Worte auf und niedergeht.

Quorum gibt es immer noch, heißt heute Noa Factoring und ist eine Tochter der Bank. Die Geschäfte führt weiter Jozic-Kumpel Lodewyk. Der gibt sich geläutert: „Sie brauchen ­zufriedene Kunden, um nachhaltig Erfolg zu haben.“ Und, mit schelmischem Grinsen: „Es hat fast 40 Jahre gedauert, bis ich das begriffen hatte. Ich bin wohl etwas langsam.“

Könnte man sagen. Mitte der 90er- Jahre hatte der hagere Belgier Targas gegründet, die Kleinunternehmern Hilfe bei der Suche nach einem Käufer für ihre Firma anbot. In Standardwerbebriefen lockte Targas Mittelständler, denen suggeriert wurde, es gäbe konkrete Kaufinteressenten. Selbst wenn es sie gab: Es klappte selten. Bezahlen mussten die Kunden trotzdem. Kein Wunder, dass es viele Beschwerden gab. Das Landgericht Frankfurt am Main entschied 2007 in einem rechtskräftigen Urteil, mit ­dieser Form der Kundenwerbung verstoße Targas gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG).

Mit Noa habe das nichts zu tun, sagt Jozic im Flieger. Allerdings war er bis vor Kurzem bei der inzwischen in der Abwicklung befindlichen Firma im Aufsichtsrat. Und der frühere Targas-Vorstand Torsten Ansmann leitet heute das Kreditgeschäft der Noa Bank.

Lodewyk zieht hinten die Strippen

Jozic fungiert dort als Aufsichtsratschef. Da er keine Erfahrung im Bank­geschäft hat, fehlt ihm die für einen ­Vorstand formal notwendige sogenannte ­Geschäftsführungsbefähigung. In den Vorstand holte Jozic daher zwei altgediente Banker. Zum einen den ehemaligen Sparkassen-Manager Wilfried Klein, 53. Zum anderen Friedrich-Leopold Freiherr von Stechow, 67, Ex-Vorstand der DG/DZ-Bank und Beirat beim Noa-Vorgänger Zwirn. Der macht zum 1. Juli den Platz frei für Burkhard Brenig, 52, zuletzt Direktor des Bankhauses Von Essen.

Eigentlich ist unerheblich, wer im Vorstand sitzt. „Der eigentliche Lenker ist ­Jozic“, sagt ein Ex-Mitarbeiter und ergänzt: „Und Frédéric Lodewyk.“

Lodewyk zieht hinten die Strippen, und vorn turnt Jozic. Und das kann er richtig gut. Ständig steht er unter Strom. Ohne Unterlass arbeitet er daran, ins Gespräch zu kommen und zu bleiben. Mehr als 40 Interviews habe er in den ersten Monaten nach der Noa-Gründung geführt, sagt er. Nie hält er seine Hände still. Hat er gerade nicht sein iPhone zur Hand, kratzt er sich am Daumen.

Der Mann mit der disruptiven Vision

Sein Arbeitstag dauert meist von acht in der Früh bis acht Uhr abends. Hinzu kommen wöchentlich zwei bis drei Be­suche von Abendveranstaltungen oder Verabredungen zum Essen, mit Leuten aus Wirtschaft, Kultur oder Politik. Jozic braucht ein Netz, um Noa zu stärken.

Gelegenheit, Beziehungen zu knüpfen, ergab sich Anfang Juni. Die Deutsche Telekom hatte rund 50 Topmanager ins Hotel Schloss Neuhardenberg in Brandenburg eingeladen. Franco Bernabè, Vorstandsvorsitzender von Telecom Italia, war dabei, Jim Balsillie, Co-CEO des Blackberry-Herstellers RIM, Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski. Und als einziger Banker François Jozic. Leicht zu erkennen an den blauen Asics-Turnschuhen. Wieso gerade er? „Sie wollten wohl auch einen Banker“, vermutet Jozic. „Und zwar einen mit einer disruptiven Vision.“

Disruptiv, dieses Wort benutzt er gern, wenn er in flüssigem Englisch mit fran­zösischem Akzent seine Idee vom Bank­geschäft und seine Vorstellung von einer modernen Wirtschaft erklärt. Im Wortsinn stören und zerstören, ein altes Geschäftsmodell durch ein neues und besseres ersetzen, für Unruhe im Markt sorgen.

Das schafft die Noa Bank. Rund 300 Millionen Euro Einlagen von 11.000 Kunden verbuchte das Geldhaus bis Ende Mai. Die Bank stoppte zwischenzeitlich sogar die Eröffnung neuer Tagesgeldkonten, weil sich ansonsten zu viel Kapital angesammelt hätte. Geld, für das die Noa Bank Zinsen an die Kontoinhaber zahlen muss, das sie aber gleichzeitig nur in Teilen zinsbringend an Firmen verleihen kann.

Zwar, heißt es, sind bereits Finanzierungen im Volumen von mehr als 60 Millionen Euro vereinbart. Um deutlich mehr zu verleihen, braucht die Bank mehr Eigenkapital. Nur 5,6 Millionen Euro stehen bislang zur Verfügung. Zu wenig, um nach den Regularien des Bankgeschäfts das von den Kontoinhabern eingezahlte Geld komplett als Kredite weiterzugeben.

Jozic verhandelt daher mit Investoren. Im Gespräch ist ein Engagement im Bereich von zehn Millionen Euro oder mehr. Die Ausgabe von Genussscheinen soll weiteres Kapital liefern. Um die dann gewonnenen Möglichkeiten der Kreditvergabe zu nutzen, startet die Noa Bank in diesen Wochen eine neue Werbekampagne. Im Mittelpunkt: natürlich Jozic. Für die neue Internetseite posiert er geduldig auf einem Ikea-Kinderstuhl. Auf der Seite soll neben seinem Bild das Motto stehen: „Sie brauchen eine Finanzierung für Ihr Unternehmen? Fragen Sie keinen Banker!“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 07/2010.

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