Diverses Mir san a bayerisches Bier

Steiner Chiemgau Hell wird in der Schlossbrauerei Stein an der Traun ohne Computer gebraut, heutzutage eine Seltenheit. 1489 gegründet, gehört die Brauerei drei Familien und betreibt ein Internat. impulse.de zeigt, wie der Hopfen in die Flasche kommt.

Das Steiner Chiemgau Hell bekam den World Beer Award, zweimal den European Beerstar, dreimal die DLG-Medaille in Gold. Es ist kein computerisiertes Bier, das bedeutet: Braumeister Markus Milkreiter verändert das Gemisch je nach Qualität von Hopfen und Gerste. Bei Großbrauereien errechnen Computer die Mischung und halten sie stabil. Der Geschmack des Chiemgau Hell wird vom Braumeister allein bestimmt.

Die Schlossbrauerei in Stein an der Traun, neben einer steilen Felswand, gehört drei Familien, betreibt das Internat am Ort und besitzt auch das alte Schloss auf der 52 Meter hohen Steilwand. Das gehörte jeweils für einige Jahre der Witwe des Kaisers von Brasilien, der Königin von Norwegen und Schweden und einem russischen Fürsten, der sich hier mit einer bürgerlichen Geliebten vor Häschern aus Russland versteckte. Gebraut wird dort seit 1489, also schon bevor Christoph Columbus Amerika entdeckte.

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Zur Brauerei gehört auch ein Erlebnispark, in dem die Abenteuer des Raubritters Stein erzählt werden. Und, seit ein paar Jahren wieder die Dorfwirtschaft. Die hatte um 1880 der Kutscher einer der Besitzerfamilien bekommen, als er alt war. Dessen Familie hat sie nun zurückverkauft.

So funktioniert’s: Drücken Sie den Play-Button, um die Grafik zu starten. Am rechten unteren Bildrand befindet sich das Vorwärts-Symbol – jeder Klick darauf lässt einen neuen Bestandteil des Bieres erscheinen – und den dazugehörigen Zulieferer.

Copyright Bild: Henner Flohr

 

Die Zulieferer und ihre Geschichte:

 

Hopfen: Hopfengenossenschaften Holledau

Nur Holledauer Hopfen kommt in dieses Bier. In der Gegend gibt es einige Genossenschaften von Hopfenbauern. Ernte ist im August und eine High-Tec-Angelegenheit. Früher gingen Kinder, Hausfrauen und alte Leute mit Hopfenkübeln neben den Erntemaschinen, um die Dolden zu sammeln, die runtergefallen waren. „Da hat man als Schüler a gute Brotzeit für bekommen und recht viel Geld“, erinnert sich Helmut Mühleisen, der Geschäftsführer der Schlossbrauerei. Die wechselt oft die Hopfengemeinschaft, je nach Qualität der Hopfen, die sie im eigenen Labor testet. Die Brauerei kauft aber immer solchen, der um den Ort Markt Wolnzach angebaut wird. Der sei einfach der Beste.

 

 

 

Gerste: Gerstenbauern Chiemgau

Die Schlossbrauerei hat Verträge mit 98 Gerstenbauern der Gegend, kauft denen jährlich 1200 Tonnen ab. Eigentlich gab es gar keine Gerste im Chiemgau. Die Brauerei warb aber die Landwirte mit Garantieverträgen, das Getreide doch anzubauen. Helmut Mühleisen: „Wir wollten halt a heimische Gerste“. Nun soll die Sorte Jennifer die Sorte Auriga ersetzen. Die Gerste wird im Lagerhaus der BayWa in Emertsham, einem Ortsteil von Tacherting gelagert. Die BayWa ist eine AG, aber das, was man landläufig eine Raiffeisen-Genossenschaft nennt und in fast ganz Bayern aktiv.

 

 

Mälzerei: Wurm Pappenheim

Die Mälzerei Wurm in Pappenheim holt die Gerste bei der BayWa ab, mälzt sie, liefert sie just in time der Brauerei. In Pappenheim weicht die Gerste einen Tag ein, sechs Tage keimt
sie, ein Tag trocknet sie unter einem Riesenfön. Friedrich Wurm und die Schlossbrauerei
kamen auf dem Bierfest im Dorf Frühling zusammen. Vor 30 Jahren. Bei Blasmusik.
Zufällig. Oder fast zufällig: ein Kommunalpolitiker hatte beide gebeten zu kommen und sie nebeneinander gesetzt. Wurm mälzt für 70 Brauereien in Bayern und Baden-Württemberg. Die Familie hatte auch mal eine eigene Brauerei. Den Transport übernehmen wechselnde Spediteure. Die Mälzerei hat aber einen Lastwagen, „um beim Preis besser mitreden zu können“, so Friedrich Wurm.

 

 

Bierhefe: Schlossbrauerei Stein

In einem feuchten, kühlen Kellerraum, züchtet Braumeister Markus Milkreiter die Bierhefe. „Sie ist unser großes Geheimnis, Top Secret.“ Nur er hat den Schlüssel zum „Tresor“. Soviel ist bekannt: Die Brauerei Weihenstephan liefert Hefestämme, die Milkreiter veredelt, das heißt, er mischt sie und züchtet sie weiter. Das Bier der Schlossbrauerei ist kein „computerisiertes“, darauf legen er und Geschäftsführer Mühleisen Wert. Große Brauereien überlassen die Mischung aus Hefe, Malz, Gerste heute dem Rechner, um einen konstanten Geschmack zu haben. Bei der Schlossbrauerei bestimmt der Braumeister den Geschmack noch selbst.

 

 

Brauwasser: Schlossbrauerei Stein

Wasser der Chiemgauer Berge wird aus dem 38 Meter tiefen Brunnen auf dem Brauereigelände geholt. Es stammt aus der gleichen Wassersohle wie das Adelholzer Mineralwasser. Heißt aber Quellwasser, weil die Brauerei nicht 15.000 Euro für das Mineralwassersiegel bezahlt hat. „Das würde Biertrinker auch irritieren, die Leute würden vielleicht denken, unser Bier sprudelt wie Mineralwasser“, so Helmut Mühleisen.

 

 

Abfüllanlage und Ettikettenleim: Krones Neutraubling

Der Weltmarktführer bei Abfüllmaschinen ist, das ist für Helmut Mühleisen von der Schlossbrauerei Stein wichtig, „auch a bayerische Firma“. Krones AG liefert alle sieben Maschinen, die zum Abfüllen gebraucht werden: den Kistenauspacker, die Waschmaschine, den Bottle-Inspektor, den Abfüller, die Kronkorkenmaschine, den Etikettierer, den Einpacker.

Lange benutzte die Schlossbrauerei Stein Leim der Firma Hirsch, „auch a bayerische Firma“. Aber auf Krones-Anlagen funktioniert der Leim, den Krones selbst liefert, besser, die Eticketten halten dann besser. Hermann Graf Castell von Krones erklärt das so: „Unsere Forschungsabteilung entwickelt den Leim, er ist genau abgestimmt auf die Maschinen und die Flaschen.“ Es produzieren aber verschiedene Subunternehmen. Im Fall des Chiemgau Hell der Schlossbrauerei Stein ist dies die Firma Henkel in Düsseldorf, „kaa bayerische Firma“.

 

 

Etikettendesign: Schützsack & Uhl Augsburg

Die Kernkompetenz der Agentur sei „Kommunikations-Design für Getränke“, sagt Udo Schützsack. Also Bier, weil Bayern. Einige Brauereien lassen bei den Augsburgern designen. „Für die Steiner arbeiten wir seit vier Jahren.“ Und das kam so: Schützsack & Uhl entwarf für das Fürst Wallerstein Brauhaus. Als dessen Geschäftsführer Helmut Mühleisen zur Schlossbrauerei wechselte, holte er Schützsack & Uhl schrittweise nach, erst für Einzelprojekte, dann für die Eticketten. Für Schützsack & Uhl arbeiten einige freie Grafiker.

 

 

Etikettendruck: Engelhardt Druck Nördlingen

350 Mitarbeiter drucken schon immer die Etiketten für die Schlossbrauerei. Wie für hunderte Brauereien in Deutschland, Europa, der Welt. Ein Druckbogen reicht für 1000 Etiketten. Nach dem Druck werden Rüttler, Stanz- und Schneidemaschinen eingesetzt. Engelhardt druckt auch Lebensmittelverpackungen, zum Beispiel für Schokoriegel. Gehört inzwischen einer Investoren-AG.

 

Flasche: Schmid, Großberghofen

Chiemgau Hell wird in der NRW-Flasche verkauft. Die wurde vor 25 Jahren irgendwo in Nordrhein-Westfalen entworfen. Für Augustiner-Bräu. Die NRW hat die Euro-Flasche verdrängt, ist braun, mit Kronkorkenmündung. Flaschenhändler Dieter Schmid und seine 23 Mitarbeiter haben etwa 10 Millionen Flaschen auf dem 20000-Quadratmeter-Firmengelände gelagert.

Im Mai 2008 wurden 56.644 NRW-Flaschen an die Schlossbrauerei Stein geliefert. Seitdem hat die, es sind ja Mehrwegflaschen, keinen Nachschub gebraucht. Hergestellt wurden die Flaschen in der Glashütte Bad Wurzach mit Alt- und Neuglas, wegen des steuerlich geförderten Recycling-Effekts. Die Glashütte gehört dem französischen Konzern St. Gobain. Schmid liefert auch die Kästen für die Schlossbrauerei, die er in Bayern und Österreich bei mehreren Firmen produzieren lässt. Seine Firma gründete er 1998.

 

 

Kronkorken: Rauh Blechwarenfabrikation, Küps

Rauh, gegründet 1947, produziert Drehverschlüsse, seit 1949 auch Bügelverschlüsse, seit 1969 Kronkorken. 729 Kronkorken entstehen aus einem Quadratmeter Blech. Dieses liefern wechselnde Firmen, je nach Preis. Die Kronkorken werden lackiert, manche, wie die der Schlossbrauerei auch bedruckt.

Die Offset-Maschine ist von König und Bauer, Stanz- und Lackiermaschinen von Sacmi, Imola, Italien. Eine Sacmi schäumt auch den Kronkorkenboden mit Granulat der DS Chemie, Bremen, einer Altana-Tochter. Die DS ist eine Tochter der Altana AG, hat über die gemeinsame Teilhaberin Susanne Klatten also Verbindungen zu den Bayerischen Motorenwerken, aber „is kaa bayerische Firma“. Die Rauh GmbH und Co KG beliefert viele Brauereien. Das Stammwerk ist nahe Bayreuth, ein Zweigwerk in Ljubijana, Slowenien.

 

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