Diverses Obama will die ganze Welt verändern

Die Amerikaner haben sich für "Hoffnung" und "Wandel" entschieden. Mit der historischen Wahl des schwarzen Senators Barack Obama zum Präsidenten schlagen die Amerikaner ein neues, beeindruckendes Kapitel ihrer 232 Jahre Geschichte als Demokratie auf.

Gut 140 Jahre nach dem Ende der Sklaverei zieht am 20. Januar 2009 ein Afro-Amerikaner ins Weiße Haus ein. „Wir alle haben einen neuen Stolz auf unser Land, … es ist überwältigend“, jubelte die schwarze Publizistin Eugene Robinson. Der schwarze Rapper Will.I.Am sprach von „einem neuen Tag in Amerika“.

Barack Obama hat die Welt mit einem fulminanten, hochmodernen Wahlkampf beeindruckt. Er hat in der teuersten und längsten innenpolitischen Schlacht der Geschichte die Rekordsumme von 640 Millionen Dollar an Spenden gesammelt; der 47-Jährige setzte sich in einem erbitterten politischen Auswahlprozess durch, der in den Demokratien der Welt einmalig ist. Aber Wahlkampf und die Führung eines Staates unterscheiden sich gravierend: Und nach vier Jahren als Senator in Washington hat Obama keine große innen- oder außenpolitische Erfahrung, Verantwortung für eine größere Institution oder Unternehmen hat er nie getragen.

Anzeige

Der charismatische Wahlsieger hat schon vor seinem Triumph keinen Zweifel daran gelassen, dass nicht nur die USA den Wandel brauchen – „Lasst uns die ganze Welt verändern!“, rief er noch am Vorabend Zehntausenden Anhängern in Manassis (Virginia) zu. Millionen Menschen in aller Welt setzen nun enorme Hoffnungen auf den Demokraten. Mahnende Stimmen warnen vor zu viel Euphorie, manche Konservative sagen politische Desaster voraus.

Obama siegte nicht unerwartet. Die US-Gesellschaft ist bedrückt und pessimistisch, 89 Prozent meinen laut Umfragen, dass sich die USA „auf dem falschen Kurs befinden“. Dafür machen sie vor allem den republikanischen Präsidenten George W. Bush verantwortlich, der so unpopulär ist wie kein Präsident mehr seit Richard Nixon. Den Schatten des Parteifreundes Bush hat John McCain nie abschütteln können – eine der Erklärungen für seine Niederlage. Eine drohende schwere Wirtschaftskrise, die Verstrickung in zwei Kriege mit ungewissem Ausgang und manche Fehler des Senators aus Arizona im Wahlkampf machten den Erfolg Obamas möglich.

Freund und Feind sind sich einig, dass Obama das Land gravierend verändern wird. Die USA unter Obama befinden sich eindeutig auf dem Weg nach links: Die Demokraten setzen auf den Einser-Juristen und Sozialarbeiter, dass er als Präsident die wachsende soziale Kluft in den USA beseitigt, die Wirtschaft ankurbelt, Millionen Bürger endlich den Zugang zu einer Krankenversicherung ermöglicht, das Land auf den internationalen Kampf gegen die Klimaerwärmung einschwört und das angeschlagene Ansehen Amerikas in der Welt wieder korrigiert. Es wird mehr Staat, mehr Steuern und mehr soziale Fürsorge und ein Streben nach „sozialer Gerechtigkeit“ geben.

Republikaner sehen allerdings eine „Katastrophe“ kommen, so der Publizist Thomas Sowell. „Wenn die Wahl vorbei ist, zählen glitzernde Rhetorik und Stil nichts“ – und an politischen Leistungen habe der Senator nichts vorzuweisen. „Obamas Sieg bedeutet das Ende der amerikanischen Zeit“, schwadronierte Jeffrey Kuhner in der „Washington Times“. Die USA würden sozialdemokratisch, dominiert von „wirtschaftlichem Dirigismus, moralischer Zügellosigkeit und zahnlosen Internationalismus.. eine nordamerikanische Variante Skandinaviens“. Aber Obamas Sieg bedeute auch „die Totenglocke für die moderne konservative Bewegung“.

Einig sind sich in den USA viele, dass Obama die Hoffnungen vor allem der Europäer enttäuschen wird. Dialog auf einer Cocktailparty in Washington: „In neun Monaten sind die Europäer ernüchert“, meint ein hoher Diplomat aus Europa. „Das dauert keine drei Monate“, so die Erwiderung eines hohen Beamten aus dem US-Außenministerium.

Obama will die Europäer vor allem an den Krisenherden der Welt in die Pflicht nehmen, in erster Linie in Afghanistan, wo er auch von den Deutschen mehr Truppen und mehr Geld verlangen wird. Und auch wenn er wohl mehr als Bush zu direkten Gesprächen mit dem Iran bereit sein sollte, hat er betont, dass ein „atomar bewaffneter Iran mit allen Mitteln verhindert werden muss“. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die auf Diplomatie eingeschworenen Europäer mit dem US- Standpunkt – auch unter Obama – kollidieren.

Kriegsgegner Obama hat sich auch längst still und leise von dem Gedanken verabschiedet, US-Truppen im Irak binnen kurzer Zeit abzuziehen. Wie in so vielen politischen Fragen hat Obama seine Meinung geändert. Die ihm wohl gesonnene „Washington Post“ erinnerte ihn am Wahltag daran, dass seine frühen Rückzugsforderungen 2007 „zu einer Katastrophe geführt hätten“. Obama hat in diesem Wahlkampf bewiesen, dass er flexibel und lernfähig ist – aber selbst in seiner Partei gibt es Unsicherheit, wie seine Politik wirklich aussehen wird. Eine neue Ära beginnt mit viel Euphorie und noch mehr Fragezeichen.

Weitere Informationen
Mehr über die US-Wahl und Barack Obama finden Sie auf ftd.de.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.