Finanzen + Vorsorge 125 Jahre Rente: Probleme einer sozialen Errungenschaft

Von der Kleinstrente für Arbeiter zum Lohnersatz für Millionen - die Rente in Deutschland hat 125 Jahre Geschichte mit harten Schlägen und regelmäßigen Aufschwüngen hinter sich. Heute dominieren Sorgen.

Die Rente für einen etwas besser verdienenden Arbeiter betrug 161 Mark im Jahr. Als Beitrag waren zwischen 14 und 30 Pfennig pro Woche fällig. Bei ihrer Gründung vor 125 Jahren nahm sich die gesetzliche Rentenversicherung noch bescheiden aus. Heute fließen jährlich 260 Milliarden Euro in die Rentenkasse. Trotzdem sind die Zukunftssorgen groß. Das dürfte an diesem Dienstag nicht ausgeblendet bleiben, wenn die Rentenversicherung ihr Jubiläum in Berlin feiert.

Der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck fasste bereits Anfang der 1880er Jahre den Plan einer gesetzlichen Sozialversicherung. Infolge der Industrialisierung waren breite Arbeitermassen im Elend. Es gab zwar Vorläufer – bei den Bergarbeitern mit ihren Knappschaftskassen sogar seit dem Mittelalter. Doch die meisten Arbeiter waren bei Krankheit oder im Alter auf Almosen der Gemeinden angewiesen und wurden entrechtet. Bismarck wollte der immer bedrohlicheren sozialen Frage begegnen und eine weitere Radikalisierung der Arbeiter stoppen.

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Aus „Furcht der herrschenden Klassen“ vor dem Aufstieg der Sozialdemokratie, wie ein Mitarbeiter Bismarcks später notierte, empfahl der gewiefte Politiker Kaiser Wilhelm I., die für die damalige Welt einmalige Sozialgesetzgebung zu schaffen. 1881 kündigte Wilhelm in einer „Kaiserlichen Botschaft“ entsprechende Beratungen an. Es vergingen Jahre. Kranken- und Unfallversicherung waren eingeführt, da wurde 1889 der Grundstein der Rentenversicherung verabschiedet, das „Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz“. Es galt seit 1891.

1911: Eigene Rentenversicherung für Angestellte

Ab 16 herrschte Versicherungszwang für Arbeiter. Der Durchschnittsbeitragssatz betrug 2 Prozent des Lohns – heute sind es 18,9 Prozent. Besonders wichtig waren zunächst die Invalidenrenten. Altersrente bekam man im Prinzip erst mit 70 nach 30 Beitragsjahren.

Heute gilt eine Altersgrenze, die seit 2012 stufenweise von 65 auf 67 Jahre steigt. Die Lebenserwartung eines Mannes betrug damals aber nur gut 37 Jahre im Schnitt.

Alte Bilder lassen die oft schweren Bedingungen der Betroffenen erahnen – etwa bei der Rentenauszahlung in der Hamburger Hauptpost noch 1898. Männer am Stock oder in gebückter Haltung und Frauen mit Kopftüchern stehen dort Schlange. 1911 bekamen die Angestellten eine eigene Rentenversicherung. In der Arbeiter-Rentenversicherung waren nur Angestellte mit bis zu 2000 Mark Jahreseinkommen gewesen.

Adenauer führte „Rentenschlacht“ gegen die Wirtschaft

Schwere Schläge musste die Rentenversicherung in der Weimarer Republik hinnehmen. Während der Inflation von 1921 bis 1923 verlor sie drei Milliarden Mark, 90 Prozent ihres Vermögens. Die Nationalsozialisten schafften die bestehende Selbstverwaltung der Rentenversicherung ab, zerschlugen die freien Gewerkschaften und drängten Regimegegner und Juden aus ihren Ämtern. Ab 1938 flossen hohe Summen der Rentenkasse in Kriegsvorbereitungen und Krieg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erholte sich die Versicherung in der Bundesrepublik. Erhöhungen sicherten den Älteren zumeist einen beschaulichen Lebensabend. So gewann Kanzler Konrad Adenauer (CDU) 1957 eine „Rentenschlacht“ gegen die Wirtschaft. Die Renten wurden an die Entwicklung der Löhne angepasst und dynamisiert – sie wurde zum Lohnersatz. Die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt (SPD) ließ den Sozialstaat expandieren und verbesserte in einer Reform 1972 auch die Lage der Rentner. 1986 kam die „Mütterrente“ – Erziehungszeiten wurden anerkannt.

Milliardenbelastung: Abschlagsfreie Rente mit 63

Die Rentner in der DDR mussten sich dagegen in der Mehrzahl mit Kleinstrenten zufriedengeben. Nach der Wiedervereinigung sollte es schnell gehen mit einem einheitlichen Sozialsystem – eine komplette Angleichung der Renten in Ost und West gibt es jedoch bis heute nicht.

Derzeit steht die Rentenversicherung blendend da. Zwar belastet die abschlagsfreie Rente mit 63 und die erweiterte Mütterrente die Rentenkasse mit Milliarden. Der Beitragssatz sinkt dennoch 2015 um 0,2 Punkte, die Renten sollen im Sommer so erhöht werden, dass auch die Kaufkraft steigt. Doch die Babyboomer-Generation der zwischen 1950 und 1970 Geborenen, die heute die Sozialkassen als Beitragszahler stützen, verabschieden sich bis 2035 aus dem Erwerbsleben – der Beitrag steigt und es gibt immer weniger Sicherheit vor Altersarmut durch Rente. Die Zukunft der Rentenversicherung in heutiger Form ist unsicher.

Wichtige Etappen der Rentenversicherung:

22.6.1889: Das vom Reichstag verabschiedete «Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz» wird verkündet. Eingeführt wird eine Pflichtversicherung für Arbeiter und gering verdienende Angestellte.

1911: Eine Hinterbliebenenrente wird eingeführt. Die Angestellten bekommen eine eigene Rentenversicherung.

1922: Angesichts der Inflation nach dem Krieg werden Kommunen verpflichtet, durch Aufstockung niedriger Renten eine Verelendung von Rentnern aufzuhalten.

1934: Per Gesetz beenden die Nationalsozialisten die bereits zuvor faktisch abgeschaffte Selbstverwaltung der Sozialversicherung.

1941: Jüdischen Versicherten und anderen rassisch Verfolgten im NS-Regime werden Ansprüche in der gesetzlichen Rentenversicherung entzogen.

1947: In der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands schafft die Militärverwaltung eine Einheitsversicherung.

1949: In Westdeutschland wird das alte Rentensystem wiederhergestellt.

1957: Mit der ersten im Bundestag beschlossenen Rentenreform wird der Weg freigemacht, die Renten als Lebensstandard sichernde Leistungen mit Lohnersatzfunktion fortzuentwickeln.

1972: Ein Rentenbeginn schon mit 63 Jahren wird ermöglicht.

1986: Unter CDU-Sozialminister Norbert Blüm wird die Anrechnung von Kindererziehungszeiten eingeführt.

1991: Die rentenrechtlichen Regelungen werden auf die neuen Bundesländer übertragen. Die zentralen Bemessungs- und Berechnungsgrößen bleiben unterschiedlich – sie sollen parallel zum wirtschaftlichen Aufholen angepasst werden.

2001: Die Formel zur Rentenanpassung wird verändert: Die Entwicklung der Renten bleibt fortan hinter der Lohnentwicklung zurück, das Rentenniveau sinkt langsam. Zugleich wird eine staatliche Förderung der kapitalgedeckten Zusatzvorsorge eingeführt, die «Riester-Rente».

2008: Beschlossen wird, die Regelaltersgrenze schrittweise vom 65.
auf das 67. Lebensjahr anzuheben.

2014: Die erweiterte Mütterrente und die abschlagsfreie Rente ab 63 Jahren werden beschlossen.

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