Finanzen + Vorsorge Arbeitslosenversicherung: Was Selbstständige wissen sollten

Selbstständige müssen bei der Arbeitslosenversicherung gut durchrechnen, ob sie sich überhaupt lohnt.

Selbstständige müssen bei der Arbeitslosenversicherung gut durchrechnen, ob sie sich überhaupt lohnt.© picture alliance / Keystone

Auch Selbstständige können in die gesetzliche Arbeitslosenversicherung aufgenommen werden. Doch was kostet es? Und für wen lohnt es sich überhaupt? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was bringt die freiwillige Arbeitslosenversicherung für Selbstständige? Und für wen lohnt sie sich überhaupt? Die wichtigsten Fakten im Überblick.

 

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Wer kann sich freiwillig versichern?

Voraussetzung ist, dass der Antragsteller innerhalb der letzten 24 Monate vor der Aufnahme der selbstständigen Tätigkeit mindestens zwölf Monate versicherungspflichtig beschäftigt war. Dabei muss es sich nicht um einen zusammenhängenden Zeitraum handeln. Einzelne Beschäftigungsabschnitte können zusammengerechnet werden.

Freiwillig versichern können sich außerdem Selbstständige, die unmittelbar vor der Aufnahme ihrer Tätigkeit Arbeitslosengeld bekommen haben. Die Bezugsdauer spielt dabei keine Rolle.

Wichtig: Der Aufnahmeantrag muss spätestens drei Monate nach Aufnahme der Tätigkeit bei der Arbeitsagentur des Wohnortes abgegeben werden!

Mit dem Antrag müssen Selbstständige einen Nachweis über ihre Arbeit vorlegen, also zum Beispiel einen Gewerbeschein oder andere Belege, aus denen die Tätigkeit zweifelsfrei hervorgeht. Wer einen Antrag auf Existenzgründung stellt, braucht keine Nachweise einzureichen.

 

Wie hoch ist das Arbeitslosengeld für Selbstständige?

Bei Selbstständigen, die in den letzten zwei Jahren vor der Arbeitslosmeldung freiwillig versichert waren, orientiert sich die Höhe des Arbeitslosengeldes an einem fiktiven Arbeitsentgelt. Dessen Höhe hängt unter anderem von der beruflichen Qualifikation ab.

Dabei wird nach vier Qualifikationsgruppen unterschieden:

  • Hochschul- oder Fachhochschulausbildung
  • Fachschulabschluss, der Nachweis über eine abgeschlossene Qualifikation als Meister oder ein Abschluss in einer vergleichbaren Einrichtung
  • abgeschlossene Ausbildung in einem Ausbildungsberuf
  • keine Ausbildung

Als Richtschnur für die Höhe des Arbeitslosengeldes gilt nach Angaben der Arbeitsagentur für das vergangene Jahr (Steuerklasse III, ohne Kind):

  • Hoch-/Fachhochschule: 1389,30 Euro (West) bzw. 1222,20 Euro (Ost)
  • Fachschule/Meister: 1206,90 Euro (West) bzw. 1061,70 Euro (Ost)
  • Abgeschlossener Ausbildungsberuf: 1013,10 Euro (West) bzw. 882,90 Euro (Ost)
  • Keine Ausbildung: 786,30 Euro (West) bzw. 666,90 Euro (Ost)

 

Was kostet die Versicherung im Monat?

Selbstständige in Westdeutschland müssen pro Monat 85,05 Euro bezahlen, in Ostdeutschland sind es 72,45 Euro. Gründer zahlen in den ersten beiden Jahren nur die Hälfte, also 42,53 Euro (West) und 36,23 Euro (Ost).

Selbständige, die ihre Tätigkeit zum Beispiel aus witterungsbedingten Gründen immer wieder beenden und nach der Unterbrechung die gleiche Tätigkeit wieder aufnehmen, zahlen allerdings den vollen Beitrag (falls bei ihnen die zweijährige Startphase abgelaufen ist).

 

Muss ich im Fall der Arbeitslosigkeit meine Selbständigkeit ganz aufgeben?

Nein, wer sich wegen einer Auftragsflaute arbeitslos meldet und Leistungen in Anspruch nimmt, muss nicht gleich sein Gewerbe abmelden oder seine Freiberuflichkeit für immer aufgeben. Während der Bezugszeit können bis zu 165 Euro problemlos dazuverdient werden. Darüber hinausgehende Einnahmen werden vom Arbeitslosengeld abgezogen.

 

Ist die Arbeitslosenversicherung für Selbstständige überhaupt sinnvoll?

Bis Ende 2010 brauchten Selbstständigen pro Monat lediglich 17,89 Euro (Westdeutschland) beziehungsweise 15,19 Euro (Osten) zu zahlen. 2011 und 2012 haben sich die Beiträge jeweils verdoppelt. Seither kehren Selbstständige der Versicherung massenhaft den Rücken.

„Der hohe Beitrag steht in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen“, sagt Andreas Lutz, Vorsitzender des Verbands der Gründer und Selbstständigen Deutschland. Der erworbene Arbeitslosengeldanspruch liege bei vielen Selbstständigen nur geringfügig über dem, was sie auch an Arbeitslosengeld II erhalten würden. Das gelte vor allem für Gründer, die nicht über einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss verfügen und bei gleichem Beitragssatz weniger Arbeitslosengeld erhalten.

Für Leute, die frisch gründen und noch nicht absehen können, wie sich das Geschäft entwickelt, könne die Versicherung dennoch sinnvoll sein. „Wenn man sich etabliert hat, sollte man aber überprüfen, ob die Versicherung dann noch in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen steht“, sagt Lutz. „Jeder Versicherte sollten abwägen, ob das Risiko einer Arbeitslosigkeit den Beitrag rechtfertigt. Informieren Sie sich, wie viel Arbeitslosengeld Sie im Leistungsfall überhaupt erhalten würden!“

 

Wann kann ich die Arbeitslosenversicherung kündigen?

Eine Kündigung der Arbeitslosenversicherung ist frühestens nach fünf Jahren möglich. Danach beträgt die Kündigungsfrist drei Monate zum Ende eines Kalendermonats.

Das Versicherungsverhältnis endet laut Arbeitsagentur aber auch, wenn der Versicherte mit seiner Beitragszahlung länger als drei Monate in Verzug ist. „Wenn man nicht bezahlt, wird man rausgeworfen“, sagt Lutz. Eine Gesetzeslücke, die zuletzt einige Selbstständige genutzt hätten, die weniger als fünf Jahre versichert waren und deshalb nicht regulär kündigen konnten.

 

Wo finde ich noch mehr Informationen?

Einen guten Überblick über die freiwillige Arbeitslosenversicherung für Selbstständige gibt es auf dem Existenzgründerportal des Bundeswirtschaftsministeriums. Ausführliche Informationen gibt es bei der Bundesagentur für Arbeit.

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