Finanzen + Vorsorge Bayern vor dem Abstieg? Studie sieht beachtliche Schwächen des Freistaats

Die Bayern gelten als Gipfelstürmer. Doch können sie ihre wirtschaftliche Spitzenposition halten?

Die Bayern gelten als Gipfelstürmer. Doch können sie ihre wirtschaftliche Spitzenposition halten?© Dirk Vorderstraße/flickr/Lizenz: CC BY 2.0

Bayern sieht sich gern als Einserschüler, als Alleskönner, Wachstumskönig. Aber wird das so bleiben? Ein McKinsey-Report sieht die bayerische Wirtschaft in Gefahr. Der Freistaat sei auf wichtige Entwicklungen nicht vorbereitet.

Bayern gehört zu den produktivsten, wirtschaftsstärksten, reichsten Bundesländern Deutschlands. Das sagen nicht nur Statistiken, das betont gerne auch die bayerische Landesregierung: Wir haben die geringste Arbeitslosigkeit, die anspruchsvollsten Gymnasien. Champions League.

Erfolgsmodell in Gefahr?

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Eine neue Studie der Unternehmensberatung McKinsey bestätigt nun zwar, dass Bayern in vielen Bereichen stark positioniert ist. Die klassischen volkswirtschaftlichen Kennzahlen, wie das Bruttoinlandsprodukt, die Exportquote oder die Produktivität, seien aber nur bedingt geeignet, um die Zukunftsfähigkeit einer Region zu bestimmen. An ihnen können man vielmehr ablesen, wie erfolgreich man in der Vergangenheit gewesen sei.

Daher zieht McKinsey andere Parameter heran: etwa Innovation (zum Beispiel die Start-up-Quote und Patentrate), Diversität (Integrationsindex und Bildungsmobilität), Zugang zu schnellem Internet oder Nachhaltigkeit: Die Schonung von Umwelt, Menschen und Ressourcen sichere schließlich die langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Und bei diesen Indikatoren zur Zukunftsfähigkeit eines Landes sei Bayern im nationalen und internationalen Vergleich etwas, was geradezu unerhört klingt: Mittelmaß.

Bayern lässt das nötige Engagement vermissen

Die Studie wirft dem Bundesland vor, auf sich abzeichnende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen „nicht ausreichend vorbereitet“ zu sein, außerdem vermisst man offenbar das Engagement, es fehle die „nötige Agilität“, sich auf die Veränderungen einzustellen. Die Stärken Bayerns lägen vor allem in einer kräftigen traditionellen Industrie. Die Frage ist, wie lange diese die Wirtschaft noch weiter nach vorn bringen kann.

MyKinsey sieht daher 40 Prozent der Arbeitsplätze potentiell gefährdet. „Von der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung werden 40 Prozent der Arbeitsplätze in Bayern betroffen sein und damit bedroht, wenn nicht reagiert wird“, sagte Johannes Elsner, Leiter des Münchner McKinsey-Büros.

 

Wenig Start-ups, schlechter Internetzugang – einige Ergebnisse des Reports

Gründungen: Bei der Startup-Quote liegt Bayern bundesweit nur auf Platz 8. Pro 1000 Einwohner gab es zuletzt 3,8 Unternehmensgründungen, in Berlin lag diese Quote bei 6,0, in Hessen bei 5,6. Auch schafft es Bayern nicht so recht, genügend Venture Capital anzuziehen: In Berlin wurden im Jahr 2013 knapp 140 Millionen Euro an Wagniskapital in IT- und Internet-Start-ups gesteckt, in Bayern waren es weniger als 50 Millionen Euro.

Bildungsqualität: Lange Vorreiter in Deutschland, hat Bayern diese Position verloren. Zwar lag das Land im Bildungsmonitor 2014 noch auf Platz 3 hinter Sachsen und Thüringen, bei einigen Indikatoren wie der „Schulabbrecherquote“ und „Abiturientenquote Ausländer“ schneidet der Freistaat aber schlecht ab (Platz 11 bzw. 13).

Patentrate: Hier liegt Bayern vorn, Platz 1. Auch international belegt das Bundesland einen Spitzenplatz.

Internetzugang: Beim Internetzugang kommt der Freistaat nicht über das Mittelfeld hinaus, ebenfalls Platz 8.

Bildungsmobilität: Kinder aus Nicht-Akademikerhaushalten haben es in ganz Deutschland vergleichsweise schwer, einen Hochschulabschluss zu erreichen. In Bayern stehen die Chancen aber besonders schlecht: Weniger als 50% der Studierenden stammen aus einer Nichtakademikerfamilie – das sind weniger als in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, heißt es in dem McKinsey-Report. In Zeiten des demografischen Wandels ist es jedoch zentral, das Potential des Nachwuchses auszuschöpfen und jedes Kind zu fördern.

Einkommensverteilung: Gibt es ein großes Gefälle zwischen Top- und Geringverdienern, kann dies zu sozialen Spannungen führen. In Bayern ist der Abstand vergleichsweise groß, der sogenannte Gini-Index, der die Einkommensverteilung misst, liegt bei 0,29. Damit befindet sich Bayern im Mittelfeld.
Wo Bayern ansetzen sollte

Die Studie ermittelt 15 Handlungsfelder, auf denen Bayern aktiv werden sollte, wenn er seine Führungsrolle national und international bewahren wolle. Es geht zum Beispiel um eine „digitale Bildungsrevolution“ oder neue Mobilitätskonzepte, wie neue Antriebe, autonome Fahrzeuge und Carsharing-Plattformen. Außerdem sollte Bayern in eine „smarte Agrarpolitik“ und eine größere Energieeffizienz investieren. Auf diesen Gebieten könne sich Bayern durchaus profilieren. In der Bevölkerung gebe es zum Beispiel ein großes Umweltbewusstsein. Dieses liefere „einen idealen Nährboden für einen beschleunigten Ausbau dezentraler und kommunaler Energieverbünde und virtueller Kraftwerke.“

Für die Studie hatte McKinsey unter anderem über 50 Analysen zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Bayern und vergleichbaren Regionen ausgewertet und um Regionalentwicklungsmodelle ergänzt. Der komplette Report ist hier downloadbar.

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