Finanzen + Vorsorge Bundesregierung plant schärfere Vorschriften für Crowdfunding

Crowdfunding: Wenn viele Investoren Geld geben.

Crowdfunding: Wenn viele Investoren Geld geben.© Mimi Potter - Fotolia.com

Für Start-ups ist Crowdfunding eine wichtige Möglichkeit, Geld einzusammeln. Um Anleger zu schützen, will die Bundesregierung nun aber die Vorschriften für große Finanzspritzen über den Schwarm verschärfen. Von Start-ups wie Protonet, das jüngst drei Millionen Euro einnahm, kommt scharfe Kritik an den Plänen.

Mit einem neuen Gesetzentwurf will die Bundesregierung Kapitalanleger besser vor riskanten Anlageformen schützen. Für bisher kaum kontrollierte Anlageformen sollen künftig schärfere Regeln gelten. Auslöser ist die spektakuläre Pleite des Windenergieunternehmens Prokon, in das rund 75 000 Anleger etwa 1,4 Milliarden Euro investiert hatten – und jetzt voraussichtlich einen großen Teil ihres Geldes verlieren werden.

Die Pläne dürften aber auch Auswirkungen auf die Finanzierungsmöglichkeiten von Gründern und etablierten Unternehmen haben. Denn auch für das Einsammeln von Kapital über Crowdfunding-Plattformen sollen künftig strengere Vorschriften gelten.

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Immer mehr Start-ups sammeln über einen Schwarm von Anlegern Kapital für die Startphase und für wichtige Investitionen ein – mit zunehmendem Erfolg. Erst jüngst schaffte das Hamburger Start-up Protonet, für die Serienproduktion eines Servers für kleine Büros innerhalb kurzer Zeit mehrere Millionen Euro einzunehmen – und stellte damit sogar einen neuen Weltrekord auf.

Sonderregelungen für Crowdfinanzierungen

Um Gründern nicht zu viele Hürden in den Weg zu legen, sieht der Gesetzentwurf der Regierung aber immerhin einige Sonderregelungen für Finanzierungen über die Crowd vor. Anbieter von Geldanlagen sollen demnach verpflichtet werden, Anlegern einen von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) geprüften Prospekt zur Verfügung zu stellen. Start-ups sollen von der Prospektpflicht jedoch ausgenommen werden, wenn sie insgesamt weniger als eine Million Euro an Kapital einsammeln und Anleger sich mit jeweils maximal 10.000 Euro beteiligen. „So ein Prospekt kostet schnell mal 50.000 Euro“ rechnete Florian Nöll vom Bundesverband Deutscher Start-ups gegenüber Spiegel Online vor.

Fällt das Projekt unter diese Grenze, muss der Anbieter ein Infoblatt mit allen Angaben und Risiken erstellen, das er bei der BaFin hinterlegt. Aber auch diese Vorschrift bringt einiges an Aufwand mit sich. Investiert ein Kleinanleger mehr als 250 Euro, muss er das Formular dem Gesetzentwurf zufolge ausgedruckt und unterschrieben zurück an den Anbieter senden. Das sei im Ergebnis desaströs, sowohl für den Erfolg von Crowdfunding-Kampagnen als auch im Hinblick auf den Aufwand für die Anbieter, sagt Kay-Michael Schanz, Rechtsanwalt und Gründer der Frankfurter Crowdfinancing-Plattform LightFin.

„Der Aufwand durch die Pflicht zur Rücksendung des Informationsblatts wird immens.“ Denn der Anbieter müsse künftig kontrollieren und dokumentieren, dass der jeweilige Investor das Informationsblatt tatsächlich zurückgeschickt hat. „Das macht die Transaktionen teurer. Wir befürchten aber auch, dass viele Nutzer vor dem Aufwand zurückschrecken werden und nicht investieren – obwohl sie es sonst vielleicht getan hätten“, sagt Schanz. „Dies wird zu deutlichen Einschränkungen der Finanzierungsmöglichkeiten junger Unternehmen führen.“

Protonet kritisiert Pläne der Bundesregierung

Auch das Hamburger Start-up Protonet kritisiert die Pläne der Bundesregierung. „Das ist ein herber Rückschlag für das Finanzierungsumfeld deutscher Start-ups“, sagt Thomas Reimers, der bei Protonet für Marketing und Vertrieb zuständig ist und die Crowdfunding-Kampagne betreut hat. „In Deutschland gibt es im Vergleich zu den USA nur sehr wenige Venture-Kapitalgeber – und wenn, dann sind die Investoren oft extrem zögerlich und risiko-avers“, sagt er. Eine der wenigen Alternativen sei deshalb das Crowdfunding. „Es ist schade, dass die Bundesregierung nun versucht, dort einen regulatorischen Deckel draufzusetzen.“

Protonet hatte im Juni über die Crowdfunding-Plattform Seedmatch in zwei Schritten insgesamt drei Millionen Euro eingesammelt. Allein an der zweiten Kampagne hatten sich insgesamt mehr als 1800 Geldgeber beteiligt. „Die neue Regelung zur Prospektpflicht wird zwar nur einen Teil crowdfinanzierter Start-ups betreffen, die es wie wir schaffen, die 1- Million-Euro-Grenze zu knacken“, sagt Reimers. „Meine Befürchtung ist aber, dass es dann in Zukunft sehr bürokratisch, zeit- und kostspielig wird, größere Summen über Crowdfunding einzusammeln. Die Politik muss sich dann nicht wundern, wenn Deutschland keine schnell wachsenden Vorzeige-Startups hervorbringt oder diese sich dann doch an ausländische VCs wenden und ins Ausland abwandern, samt Wertschöpfung und Arbeitsplätzen.“

„Wir haben Schlimmeres befürchtet“

Es sei zwar löblich, dass Anleger besser geschützt werden sollen, sagt Reimers. Auf den Crowdfunding-Plattformen werde jedoch ganz offen kommuniziert, dass es sich bei Investitionen um Risikokapital handelt. Auch Florian Nöll vom Bundesverband Deutscher Start-ups sieht die Pläne der Bundesregierung mit gemischten Gefühlen. „Wir haben Schlimmeres befürchtet“, sagt er. Man könne der Bundesregierung aber nicht den Vorwurf machen, dass sie die Crowdinvesting-Szene mit der Gesetzesreform auf einen Schlag erstickt.

Der Gesetzentwurf ging zu Beginn vergangener Woche an die Bundesländer. Nach der Sommerpause soll das Gesetz im Bundeskabinett beschlossen werden.

Hier können Sie sich den Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Kleinanlegerschutz herunterladen. Die neuen Vorschriften für Finanzierungen per Crowdfunding finden Sie auf den Seiten 29 und 30.

5 Kommentare
  • Marco Angermann 14. August 2014 15:39

    Meine Meinung: Jeder hat einen Kopf zum Denken ist mit vollendetem 18. Lebensjahr voll bzw. unbeschränkt geschäftsfähig. Aus diesem Grund sollte der Staat hier seine Finger weg und den Markt sich selbst „regulieren“ lassen. Jeder derartige Eingriff ist ein weiteres Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, dass ganz klar „erwachsene“ Menschen im eigenständigen und vor allem eigenverantwortlichen Denken und Handeln einschränkt bzw. bevormundet…

    Wenn mit falschen Tatsachen geworben wird oder falsche Versprechungen gemacht werden, dann gehören die Anbieter entsprechend bestraft. Und wer auf solche Anbieter hereinfällt bzw. mit seinem Geld nicht umgehen kann und sich „verspekuliert“, d.h. dem Beispiel aus einem vorherigen Kommentar entsprechend von seinen 30.000 EUR ganze 10.000 EUR in der Form investiert, der sollte ebenfalls „bestraft“ werden und eben sein Lehrgeld zahlen. Ansonsten sind Crowdfundings nach meiner Erfahrung nach sehr seriös – weisen auf die Risiken hin und stellen das Projekt / Geschäftsmodell, in das man investieren kann, ausführlich vor. Der Rest ist – und sollte es auch bleiben – der eigenen Intelligenz überlassen! Oder?

    Bin übrigens kein Cowdfunding-Investor oder gar Anbieter, sondern nur ein freiheitsliebender und eigenverantwortlich denkender und handelnder Mensch! 😉

  • […] Start-ups betreffen, die es wie wir schaffen, die 1-Million-Euro-Grenze zu knacken“, so Thomas Reimers in einem Interview. „Meine Befürchtung ist aber, dass es dann in Zukunft sehr bürokratisch, zeit- und kostspielig […]

  • Bernd Niemeyer 5. August 2014 10:06

    Es ist in der Tat nicht ganz einfach, Startkapital für Existenzgründer zu bekommen – und damit meine nicht die innovativen Start-ups, sondern die Gründer von nebenan, die z.B. nur 50.000 € benötigen.

    Solche Investments sind meiner Meinung nach nur etwas für Investoren, denen das hohe Risiko bewusst ist – also z.B. anderen Unternehmern.

    Das nicht jeder Existenzgründer eine Finanzierung von Banken erhält, hat oftmals auch gute Gründe. Fehlende Planung, unklare Maßnahmen oder eine Finanzplanung die von vornherein nicht aufgehen kann, sind gute Argumente dafür, das Crowdfunding stärker zu reglementieren.

    Zum Glück gibt es aber auch Banken, die Existenzgründer unterstützen und finanzieren, wie z.B. die Grenke Bank, über die man schnell und unkompliziert Fördergelder beantragen kann. Dann trägt das Risiko wenigstens eine professionelle Institution und nicht ein Verbraucher, der sein Erspartes aufs Spiel setzt.

  • Jochen Haller 4. August 2014 15:47

    VC-Investments sind generell nichts für Verbraucher. Meines Erachtens sollten diese auf „qualifizierte“ Investoren mit z.B. mindestens 1 Mio. EUR Vermögen begrenzt werden.

    Was bringt es, wenn jemand zwar nur 10 TEUR anlegen darf, er aber nur 30 TEUR Vermögen besitzt?

  • Dr. Kay-Michael Schanz 4. August 2014 15:41

    Sehr interessanter Artikel zum vorliegenden Entwurf eines Kleinanlegerschutzgesetzes.

    Leider werden die gravierenden Auswirkungen auf die Crowdfinancing-Industrie auch nicht ansatzweise deutlich. Dies ist kein Vorwurf an die Verfasserin – die tatsächliche Brisanz liegt in Bereichen, die für den unbefangenen Leser völlig unscheinbar wirken und erst bei näherem Nachdenken in ihren tatsächlichen Auswirkungen deutlich werden: dem vorgesehenen Werbeverbot und der Verpflichtung, künftig das unterschriebene Vermögensanlagen-Informationsblatt unterschrieben per Post (!) zurückzusenden.

    Schlichtweg falsch ist das dort zu findende Zitat „Die neue Regelung wird zwar nur einen Teil crowdfinanzierter Start-ups betreffen, die es wie wir schaffen, die 1- Million-Euro-Grenze zu knacken“. Das trifft nur die Prospektpflicht. Richtig ist: das Werbeverbot und die Verpflichtung zur postalischen Rücksendung treffen alle Crowdfinanzierungen (sofern nicht alle Anleger weniger als Euro 250 investieren).

    Nur bedingt richtig ist das nächste Zitat, “Wir haben Schlimmeres befürchtet.” Fakt ist, dass sowohl das Werbeverbot als auch die Rücksendeverpflichtung mit ihrem Medienbruch massiv-schädliche Auswirkungen für die Erfolgschancen von Crowdfinanzierungen haben (Medienbruch führt zu einem deutlichen Rückgang der Konversionsraten) und einem deutlichen Anstieg des Aufwands der Finanzierungsplattformen.(Näher hierzu http://blog.lightfin.de/)

    Im Ergebnis wird das Gesetz die Finanzierugnsmöglichkeiten von jungen Unternehmen/Unternehmern weiter einschränken -volks wie betriebswirtschaftlich katastrophal!

    Fakt ist auch, dass beide Maßnahmen für das eigentlich verfolgte und allseits begrüßte Ziel (Stärkung des Schutzes von Kleinanlegern) denkbar ungeeignet sind. Es wird das Gegenteil des tatsächlich Gewollten erreicht: Kleinanleger verlieren den Zugang zur Assetklasse „Private Equity / Venture Capital“ und eine Möglichkeit, ihre Anlagen zu diversifizieren. Im übrigen: weder das Werbeverbot noch die Rücksendungverpflichtung findet sonst im eCommerce irgendein Vorbild. Warum hier?

    P.S.: Ab wann wird eigentlich die Bundesrepublik Deutschland dazu verpflichtet, Anleger auf das massive Verlustrisiko aufmerksam zu machen, das Zeichner von Bundesanleihen im Falle von Zinserhöhungen haben ?

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