Finanzen + Vorsorge CDU-Spitze beschließt Abbau der kalten Progression

Die Parteizentrale der CDU in Berlin

Die Parteizentrale der CDU in Berlin© CDU

Wenige Stunden vor dem Bundesparteitag verständigte sich die CDU-Spitze auf einen Kompromiss beim umstrittenen Abbau der sogenannten kalten Progression - unter bestimmten Bedingungen. Damit könnte das Parteitreffen ohne großen Krach verlaufen. Ganz nach Merkels Geschmack. Die FDP nennt die Pläne .

Lange lässt sich Angela Merkel Zeit, um die Halle zu begutachten, in der 1001 Delegierte über den Kurs der Partei diskutieren werden. Entspannt hört sie zu, als Generalsekretär Peter Tauber und Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler in der Messehalle 8 in Köln die Choreographie für den 27. CDU-Parteitag erklären. Dann geht sie nach vorn, probiert das Rednerpult aus. Nur das Magenta ihres Blazers beißt sich etwas mit dem Orange der Kulisse. Ein Blick zum Monitor: „Ja, ist gut. Ich bin im Bild“, sagt Merkel zufrieden.

Weiß die Kanzlerin da schon, dass es quasi in letzter Minute im monatelangen CDU-internen Streit um den Abbau der kalten Progression doch noch einen Kompromiss geben sollte?

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„Es war ein Stück Arbeit“, heißt es später nach einer eineinhalbstündigen Sitzung hinter verschlossenen Türen erleichtert aus dem Parteivorstand. Mit der Vereinbarung wird ein Showdown zwischen Parteiführung und großen Teilen der Delegierten auf dem Kongress vermieden. Danach soll noch in dieser – bis 2017 laufenden – Legislaturperiode mit einem ersten Schritt zur Abmilderung begonnen werden. Voraussetzung ist, dass es einen ausgeglichenen Haushalt und keine neuen Schulden gibt.

Erste Abmilderungen bis 2017

Wie groß ein erster Schritt sein könne, hänge von der Wirtschaftskraft und der Steuerentwicklung ab, sagt Generalsekretär Peter Tauber nach der Einigung. Doch zugleich räumt Tauber ein, „dass Glaube zwar eine starke Kraft ist, ich damit aber die Umsetzung noch nicht realisiert habe“.

Darum geht es: Die kalte Progression führt dazu, dass die Steuerbelastung der Bürger wächst, wenn eine Gehaltserhöhung gerade einmal die Inflationsrate ausgleicht. Die Kaufkraft bleibt gleich oder sinkt sogar. Für die Union heißt das: zweimal nix gewonnen.

Eigentlich ist sie gegen jede Steuererhöhung – also auch eine verdeckte. Zum anderen will sie die Wirtschaft ankurbeln – und dafür brauchen die Menschen mehr Geld in der Tasche.

Kompromiss: Keine Steuererhöhungen, ausgeglichener Haushalt

Die Kanzlerin hatte sich schon beim Hallenrundgang um Deeskalation gegenüber dem Wirtschafts- und Arbeitnehmerflügel bemüht. „Die Diskussionen werden so geführt, wie sie eben auf den Tisch kommen“, sagt sie gewohnt pragmatisch. „Und dass der Wirtschaftsflügel sagt, seid ambitioniert an dem Punkt und strengt euch an, das finde ich auch richtig.“

Nur eins ist ihr „persönlich sehr, sehr wichtig“, schiebt Merkel nach: „Ich möchte jedenfalls nichts versprechen, was ich hinterher nicht halten kann.“ Mit den Bedingungen, die im Kompromiss nun festgeschrieben sind – keine Steuererhöhungen, ausgeglichener Haushalt – dürfte sie ihren Vorsätzen ziemlich nahe gerückt sein.

Finanzminister Wolfgang Schäuble, ein CDU-Urgestein, hatte in der Steuerdebatte sicherheitshalber schon in gewohnt ruppigem Ton vorgebaut: „Die Delegierten können natürlich alles beschließen“, sagt er der „Süddeutschen Zeitung“ und ergänzt: „Ich werde mich aber nicht erschießen oder aus der CDU austreten, wenn der Parteitag mich überstimmt.“ Schäuble kann nun beruhigt sein.

Die kalte Progression

Die kalte Progression entsteht, wenn Gehaltserhöhungen nur die Inflation ausgleichen, der Arbeitnehmer aber in einen höheren Einkommensteuertarif rutscht. So muss er mehr Steuern zahlen und kann mit dem Lohnzuwachs nur die Preissteigerung auffangen. Dann sinkt seine Kaufkraft. Von seiner Gehaltserhöhung kann er sich real nicht mehr kaufen.

Die durchschnittliche Steuerbelastung steigt grundsätzlich bei einer Lohnerhöhung (Progressionseffekt). Weil der Fiskus überproportional von diesem Modell profitiert, sprechen Politiker, die die kalte Progression abschaffen wollen, auch von „heimlichen Steuererhöhungen“. Bekämpft werden kann der Effekt, indem der Tarifverlauf geändert wird – auch „Steuerbremse“ genannt.

Da die Inflationsrate derzeit niedrig ist (unter ein Prozent), würde eine Entlastung der Steuerzahler durch einen Abbau der kalten Progression nach Berechnungen des Bundesfinanzministeriums in den nächsten Jahren relativ gering ausfallen. 2015 machen demnach die „heimlichen Steuererhöhungen“ für einen Steuerzahler durchschnittlich rund 60 Euro aus.

Bei Jahreseinkünften zwischen 12 572 und 19 152 Euro schlägt die kalte Progression 2015 laut Finanzministerium mit durchschnittlich 32 Euro Mehrbelastung zu Buche. Bei Jahreseinkünften ab 74 978 Euro fallen Mehrbelastungen von durchschnittlich 222 Euro an. Die Steuermehrbelastungen infolge der kalten Progression insgesamt schätzt das Ministerium für 2015 auf rund 2,4 Milliarden Euro.

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