Finanzen + Vorsorge Deflationsgefahr setzt EZB vor Zinssitzung unter Druck

Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main

Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main© Getty Images

Auch wenn die Notenbanker in Frankfurt die Gefahr seit Monaten kleinreden: Die immer niedrigere Inflation im Euroraum schürt Sorgen vor einem gefährlichen Preiszerfall. Der Druck auf die EZB steigt. Wird EZB-Chef Mario Draghi den Geldhahn noch einmal aufdrehen?

Die Inflation im Euroraum ist so niedrig wie seit vier Jahren nicht mehr. Kraftstoffe und Heizöl werden immer billiger, und auch der im vergangenen Jahr so starke Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln in Deutschland ebbt allmählich ab. Im März sank die Inflation in den 18 Euro-Ländern auf 0,5 Prozent, berichtet die Statistikbehörde Eurostat in Luxemburg nach einer ersten Schätzung.

Für Verbraucher ist das zunächst erfreulich: Ihr Geld verliert nur sehr langsam an Wert, sie können günstig tanken oder verreisen. Doch gleichzeitig befeuert der mickrige Preisdruck die Sorgen vor einer Deflation – also einer Spirale sinkender Preise quer durch die Warengruppen, die zum Käufer- und Investitionsstreik führen und so die Konjunktur einfrieren könnte. Deshalb steigt aus Sicht von Experten der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), vielleicht schon auf ihrer Ratssitzung an diesem Donnerstag (3. April) den Geldhahn weiter aufzudrehen.

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Im Februar lag die Inflationsrate noch bei 0,7 Prozent – das war genau der Wert, der die EZB im November 2013 dazu veranlasst hatte, den Leitzins auf das Allzeittief von 0,25 Prozent zu senken. Weil niedrige Zinsen tendenziell Kredite verbilligen, hoffte die Notenbank, dass sich mehr Unternehmen und Privatpersonen Geld bei den Banken leihen und damit mehr investieren und konsumieren. So sollte die Konjunktur angeschoben werden und der Preisauftrieb steigen.

Die meisten Volkswirte erwarten keine weitere Zinssenkung

Doch die Kreditvergabe lahmt weiter. Und die Inflationsrate entfernt sich sogar noch vom Zielwert der EZB von knapp 2,0 Prozent, bei der die Währungshüter die Preisstabilität gewahrt sehen. In Spanien sanken die Verbraucherpreise auf Jahressicht im März sogar erstmals seit Oktober 2009 wieder.

„Im Frankfurter Euro-Tower wird man wohl über kurz oder lang auf die deflationären Tendenzen in den Peripheriestaaten reagieren müssen“, prognostiziert Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe. Auch die BayernLB sieht angesichts der überraschenden Zinssenkung im November ein „Restrisiko einer erneuten Lockerung, da sich die Inflationsrate am unteren Rand des Toleranzbereichs der EZB befindet“.

Die meisten Volkswirte erwarten am Donnerstag aber keine weitere Zinssenkung. Das ist eine gute Nachricht für Sparer, die schon jetzt real Geld verlieren – weil die Zinsen auf Spareinlagen noch unter der Inflationsrate liegen. Dass die EZB die Zinsen anheben könnte, wie dies die Bundesregierung nach „Spiegel“-Informationen erwartet, spielt in der Debatte der Ökonomen hingegen derzeit keine Rolle. Schon deshalb, weil EZB-Präsident Mario Draghi regelmäßig sein Zinsversprechen bekräftigt. Demnach bleiben die Zinsen auf absehbare Zeit extrem niedrig – auf dem aktuellen Niveau oder darunter.

Ursachen der niedrigen Inflationsraten

Deflationssorgen weisen die Frankfurter Notenbanker bei EZB und Bundesbank bisher zurück. „Sicherlich stimmt es, dass die derzeitigen Inflationsraten recht niedrig sind, doch meiner Ansicht nach hält sich die Gefahr einer Deflation in Grenzen. In diesem Punkt sind sich Bundesbank und EZB einig“, sagt Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. Er betont, dass rund zwei Drittel des Inflationsrückgangs auf sinkende Preise für Energie und Nahrungsmittel zurückzuführen seien – und die Auswirkungen daher zeitlich begrenzt. „Zweitens sind die niedrigen Teuerungsraten im Euro-Währungsgebiet zum Teil das Ergebnis notwendiger Anpassungen in den Krisenländern.“

Zudem gebe es keine Anzeichen für eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale bei Preisen und Löhnen, betont Dombret: „Die privaten Haushalte schieben ihre Ausgaben offenbar nicht in Erwartung eines weiteren Preisrückgangs auf.“ Einige Volkswirte werfen der EZB vor, die Gefahren einer Deflation herunterzuspielen. Sie sehen ein ernstes Problem, denn die niedrige Inflation gehe einher mit mickrigen Nominallohn- und Umsatzsteigerungen.

Allerdings dürfte die geringe jährliche Teuerungsrate auch damit zusammenhängen, dass die Osterferien im März 2013 bereits begonnen hatten – und in den Ferien ziehen zumeist die Preise etwa für Pauschalreisen, Flüge oder Ferienwohnungen deutlich an. Auch deshalb dürfte die Inflationsrate im April wieder anziehen, glaubt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil: „Durch die späte Lage von Ostern in diesem Jahr werden insbesondere die Preise für Pauschalreisen im April stärker steigen als im Vorjahr.“ Zudem laufe der Effekt des milden Winterwetters aus: „Die Winterartikel sind weitgehend abverkauft. Und auf die Preise der neuen Sommerware hat das milde Winterwetter keinen Einfluss.“

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