Finanzen + Vorsorge Deutschlands arme Stadtmenschen

Der IW-Studie zufolge sind Menschen in Städten, wie Berlin, häufiger von Einkommensarmut betroffen wie Menschen auf dem Land.

Der IW-Studie zufolge sind Menschen in Städten, wie Berlin, häufiger von Einkommensarmut betroffen wie Menschen auf dem Land.© LianeM - Fotolia.com

Industrie-Abbau und steigende Mieten: Für Städter ist ein Euro oft weniger wert als für Menschen auf dem Land. Nun ertönt der Ruf nach einer neuen Förderpolitik. Doch dafür müssten andere verzichten.

Eigentlich ist es eine Binsenweisheit: „Ich kann mit einem Euro in München weniger machen als in Greifswald, Jena oder Gelsenkirchen“, sagt Michael Hüther. Dennoch: Wenn von Armutsrisiko die Rede ist, geht es fast immer nur darum, wie hoch das Einkommen ist. Wieviel jemand ausgeben muss – für Miete, Kinderbetreuung und Restaurantbesuche etwa – spielt keine Rolle. Hüthers Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat das nachgeholt und erstaunliche Erkenntnisse gewonnen. Vollständig ist das Bild aber noch immer nicht.

Was haben die Ökonomen herausgefunden?

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Wenn es um Armut ging, war das Bild meist so: Ostdeutschland weitgehend in Alarmfarben wie Rot und Orange, der Westen überwiegend im Grünen Bereich. Die örtlichen Preise gegengerechnet sieht es anders aus: mehr Grün auch im Osten, dafür stechen die Großstädte hervor – tiefrot. Will sagen: Dort ist der Anteil derer, die mit ihrem Geld wirklich haushalten müssen, am höchsten. Schon, weil in der Stadt die Preise sechs Prozent höher seien als auf dem Land.

Welche Regionen sind die größten Sorgenkinder?

Es sind Städte wie Köln, Dortmund, der Westen Berlins, Bremerhaven, Leipzig, Frankfurt am Main, Gelsenkirchen und einige mehr, wo das arbeitgebernahe Institut rund jeden Vierten zu den Kaufkraftarmen zählt. Die altbekannte Ost-West-Teilung ist verwischt. In Mecklenburg-Vorpommern bleibt die Lage zwar schwierig – hohe Arbeitslosigkeit und tourismusbedingt hohe Preise. Thüringen aber hat nach der Studie mit 14 Prozent bundesweit schon die drittniedrigste Armen-Quote nach Bayern und Baden-Württemberg.

Geht es dem Osten wirklich besser als angenommen?

Dass einfache Ost-West-Vergleiche nicht ziehen, war schon vorher klar. Die Region Sachsen-Thüringen ist traditionell industriell stärker aufgestellt als der Norden der früheren DDR und beherbergt heute viele kleine Weltmarktführer mit spezialisierten Produkten, wie erst kürzlich ein neuer Atlas verdeutlichte. Und dass Regionen wie das Ruhrgebiet leiden, wo alte Industrien mit tausenden Arbeitsplätzen abgewickelt wurden, war auch klar. „Aber kleine Ruhrgebiete mit nicht bewältigtem Strukturwandel gibt es auch in Bremen, Lübeck, Kaiserslautern oder Offenbach“, betont Hüther.

Wie aussagekräftig sind die Erkenntnisse?

Die Datenbasis ist breit, der Ansatz naheliegend. Allerdings geht es nur um Einkommen, nicht um Vermögen. Davon haben Ostdeutsche nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht einmal halb so viel wie Westdeutsche – und damit auch weniger Zinsen. Kapitalerträge werden im Mikrozensus, auf den das IW zurückgreift, nicht abgefragt. Auch Immobilienbesitz spielt in der Studie keine Rolle. Dies hätte das festgestellte Land-Stadt-Gefälle aber eher noch verstärkt, wie Studienautor Christoph Schröder meint.

Geht es denn beim Thema Armut nur ums Geld?

Silvia Deckl, die für das Statistische Bundesamt Armutsquoten berechnet, zählt auch soziale Teilhabe dazu. Die Statistiker betrachten deshalb die Armutsgefährdungsquote, materielle Einschränkungen und den Grad der Erwerbstätigkeit. Danach sind knapp 20 Prozent der Deutschen von Armut oder Ausgrenzung betroffen. Das IW kommt bei seiner Kaufkraftarmutsquote auf gut 15 Prozent.

Was folgt aus der Studie?

„Neun von zehn Euro gingen in die neuen Länder“, bilanziert Hüther die Förderpolitik nach der Wende. Nun seien die Städte dran. Sie beherbergten viele Arbeitslose, Alleinerziehende und Menschen mit ausländischen Wurzeln – allesamt stark von Kaufkraftarmut betroffen. Der Deutschen Gewerkschaftsbund hält den Vorschlag dennoch für einseitig. Gebündelte Investitionen in Großstadtprojekte strahlten nicht aus. „Gerade die strukturschwache Fläche kämpft mit Bevölkerungsrückgang und verfallender Infrastruktur,“ betont Vorstandsmitglied Stefan Körzell. „Auch sie muss gezielt regionalpolitisch gefördert werden.“

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