• Diese Mittelständler sind Sieger im Transparenz-Vergleich

    Die Gewinner des Preises für die "Beste Finanz-Kommunikation im Mittelstand" reden mit Banken und Mitarbeitern auch über schlechte Zeiten - und sind gerade deswegen so erfolgreich.

    Mutter ist schuld, dass Andreas Contag irgendwie anders ist. Dass er, im Unterschied zum typischen Mittelständler, gern erzählt über die Lage seiner Technologiefirma – und zwar auch dann, wenn’s mal nicht so toll läuft. “Man kann über alles reden”, bläute die gelernte Erzieherin ihrem Filius ein. Eine Lebenseinstellung, der Contag auch als Unternehmer stets konsequent folgt. Zum Beispiel, als ihn der Stress mit dem Neubau seiner nach ihm benannten Firma (Umsatz 2011: 9 Mio. Euro, 80 Mitarbeiter) plötzlich aus der Bahn warf. Diagnose: Burn-out.

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    Der Umzug in die neue Zentrale im Westen Berlins vor fünf Jahren war der vorläufige Höhepunkt der erfolgreichen Entwicklung des Herstellers von Platinenprototypen. Eine Herzensangelegenheit für Contag, der den Betrieb vor mehr als 30 Jahren als Schüler gegründet hatte: “Drei Jahre lang habe ich mich beim Neubau reingekniet, mich um jede Schraube gekümmert, schlaflose Nächte verbracht.” Im Rückblick gibt er unumwunden zu: “Es war zu viel.” Am Morgen nach der glanzvollen Eröffnung vor 900 Gästen bekam er die Quittung: Contag war am Ende – körperlich, psychisch. Er brauchte eine Pause. Zwei Monate war er nicht im Betrieb, zwei Jahre dauerte es, bis er genesen war.

    Erstaunlich an dieser Geschichte ist vor allem, wie offen Contag über diese kurze Auszeit im Laufe seines erfolgreichen Unternehmerlebens spricht. Doch wie sagte seine Mutter stets: “Offenheit schafft Vertrauen.” Diesem Leitspruch folgt der Unternehmer auch bei der Kommunikation in Finanzdingen, und zwar in einer Weise, die ihm nun eine Auszeichnung für die “Beste Finanz-Kommunikation im Mittelstand” einbringt.

    Den Fikomm-Award vergaben bereits zum sechsten Mal der Kreditversicherer Euler Hermes, die Commerzbank und GE Capital gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium, dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Financial Times Deutschland und impulse an drei Unternehmen für ihren vorbildlichen Umgang mit den Geschäftszahlen. Neben Contag ebenfalls ausgezeichnet wurden der Dämm- und Isolierstoffhersteller Kaimann sowie der Mischkonzern Kurtz Ersa.

    Gar nicht typisch Mittelstand

    Alle drei Unternehmen pflegen einen transparenten Umgang mit ihren Geschäftszahlen, ganz im Gegensatz zum tradierten Bild des verschlossenen Mittelständlers, der sich doch am liebsten ganz still und heimlich zum Weltmarktführer in einer Nische seiner Branche entwickeln möchte. Muss ja keiner merken.

    Offenheit jedoch, das haben Studien ergeben, erleichtern den Zugang zu Kapital und können mitunter helfen, die Finanzierungskosten niedrig zu halten. In Zeiten, in denen die Krise zum Dauermodus zu werden scheint, kaum verzichtbar. Wer seine Banken und Versicherer nicht permanent auf dem Laufenden hält, hat geringe Chancen, den nötigen Kredit für die nächste Innovation oder den anstehenden Wachstumsschritt bewilligt zu bekommen.

    “Die Zahlen können mal besser oder schlechter sein, die Kommunikation darüber darf es nicht sein”, sagt Thomas Mühleck, Finanzchef des Mischkonzerns Kurtz Ersa (Umsatz 2011: 160 Mio. Euro; 950 Mitarbeiter). In der Krise 2009 begann er, die Eigentümer, Geldgeber und Versicherer besser über die Geschäftslage zu informieren. “Wir müssen mehr tun”, erkannte Mühleck, als damals das traditionsreiche Familienunternehmen einen Einbruch von 50 Prozent verkraften musste, weil infolge der Bankenkrise plötzlich viele Kunden in Abwartestellung verharrten und das Unternehmen zum Beispiel deutlich weniger Getriebe für Windkraftanlagen gießen und verkaufen konnte.

    Also schaffte Mühleck als Erstes das sogenannte Telefonbuch ab, einen rund 100 Seiten starken Wälzer voller Zahlen zur Gewinn-und- Verlust-Rechnung des Konzerns, den die Finanzpartner bis dato erhalten hatten. Stattdessen konzipierte der Manager, der von sich selbst sagt, kein klassischer Bilanzbuchhalter zu sein, einen 30-seitigen Quartalsbericht, der aussagekräftige Finanzkennzahlen enthält, Angaben zur Auftragslage und eine Erläuterung der Maßnahmen zum Erreichen der gesteckten Umsatzziele sowie eine Bilanz.

    Und weil er nicht erwartet, dass alle Fragen der Banken damit automatisch beantwortet sind, telefoniert er anschließend rund eine Stunde mit den Experten der Institute, um die Zahlen im Detail zu erläutern. Eine Menge Aufwand, der viel Zeit frisst, zumal der Finanzchef die Berichte auch noch persönlich schreibt. Mühleck schätzt, dass er rund ein Viertel seiner Arbeitszeit für diese intensive Art der Finanzkommunikation aufwendet, Tendenz steigend. Lohnt sich das denn?

    Hoher Aufwand, aber messbare Vorteile

    Aber ja, meint er, durch den engen Austausch mit den Banken spare er unheimlich viel Zeit, die sonst für individuelle Erläuterungen der Geschäftszahlen draufgehe oder gar für kurzfristig angesetzte Gespräche nötig sei. Den praktischen Nutzen seiner offenen Art erlebte er erst neulich in der Maschinenbausparte des Konzerns.

    Durch die Quartalsberichte umfassend und rechtzeitig informiert, halfen ihm die Banken bereitwillig, einen Kredit über mehrere Mio. Euro als ERP-Darlehen zu einem äußerst attraktiven Zinssatz für ein Innovationsprojekt zu beschaffen. Nun können Mühlecks Maschinenbauer in Ruhe neue Lötanlagen entwickeln, auf denen sich Tablet-Computer wie das iPad herstellen lassen.

    Eigentlich erstaunlich, dass nicht alle Finanzchefs ihre Vorhaben in dieser Weise planen. Ergaben doch empirische Forschungen von Stephan Paul, Professor am Institut für Kredit- und Finanzwirtschaft der Ruhr-Universität Bochum und wissenschaftlicher Begleiter des Fikomm-Awards, dass die Verfügbarkeit und die Kosten von Finanzierungsmitteln eng mit dem Einblick zusammenhängen, den der Kapitalgeber in die Geschäfte des Kapitalnehmers hat, jedenfalls bei börsennotierten Gesellschaften, die Finanzexperte Paul untersuchte. Aber warum sollte das nicht ebenso für Mittelständler gelten, die nicht an der Börse sind?

    Auch wenn die laut Paul traditionell emotionale Vorbehalte gegenüber einer offenen Finanzkommunikation pflegen. Viele Mittelständler informierten ihre Kapitalgeber aus einem Unabhängigkeitsanspruch heraus ungern, empfänden den Kontakt mit den Banken gar als lästig und wüssten oft nicht genau genug, wie der Kapitalgeber die ihm übermittelten Informationen überhaupt nutze, fand Paul in seinen Studien heraus.

    Martin Eilerts, den Geschäftsführer des dritten Preisträgers Kaimann (Umsatz 2011: 84 Mio. Euro; 330 Mitarbeiter), kann er nicht gemeint haben. “Solche managementtauglichen Finanzberichte sehen wir bei Firmen Ihrer Größe nur selten”, hört er immer wieder vonseiten seiner Finanzierungspartner, den Banken, den Leasinggesellschaften und den Kreditversicherern. Die erhalten von Eilerts monatlich einen 30-Seiten-Report mit Lagebericht, den wichtigsten Bilanzkennzahlen, der Liquiditätsplanung und einem Kennzahlen-Cockpit, das den Finanzstatus der Firma per Grafiken auf einen Blick veranschaulicht.

    Um derart offen mit internen Zahlen umzugehen, war auch bei Kaimann ein Wandel nötig. “Als ich hier vor fünf Jahren zum Geschäftsführer Finanzen berufen wurde, herrschte eine ausgesprochene Zurückhaltung im Umgang mit Unternehmensinformationen. Das hatte sowohl bei Finanzierungspartnern als auch bei Mitarbeitern zu einer spürbaren Unsicherheit geführt”, sagt Eilerts. Mit der offenen Finanzkommunikation gelang es, diese Unsicherheiten zu beseitigen.

    Wobei es im Fall des Hövelhofener Unternehmens sogar einen guten Grund für die Geheimniskrämerei gibt. Kaimann stellt Schläuche und sogenannte Felle her, mit denen etwa Heizungsrohre und Maschinengehäuse isoliert und gedämmt werden. Ein großer Markt für wenige Spezialisten; ein Oligopol, in dem hart um Marktanteile gekämpft wird.

    Mit dem Antritt des Gründersohns Georg Kaimann 2006 als Chef des Unternehmens und dem Eintritt von Eilerts änderte sich die Grundhaltung. Seitdem bekommen die Führungskräfte und die ausländischen Niederlassungen per “Weekly Flash” regelmäßig einen detaillierten Bericht über die Firmenlage. “Manche Mitarbeiter bezeichnen mich gern als Transparenzbeauftragten”, sagt Eilerts. Und wenn nun einer der Topleute zur Konkurrenz wechseln sollte, bestens informiert über sensible Betriebsinterna? “Ich glaube, dass die Vorteile einer offenen Kommunikation in Bezug auf die Mitarbeiterbindung überwiegen”, sagt Eilerts.

    Den Nutzen der Offenheit im Umgang mit den Finanzierungspartnern kann er handfest benennen. Die offene, aktive Kommunikation honorieren die Finanzierungspartner mit reduzierten Zinssätzen.

    An der Transparenz allein liegt das jedoch nicht. Der Grund dafür ist auch das bunte Granulat, das Eilerts in einem kleinen Glasbehälter auf den Tisch stellt. Was auf den ersten Blick aussieht wie Bastelspielzeug für Kinder, ist eine Innovation, die Kaimann nach Eilerts Worten die Technologieführerschaft im Markt sichert.

    Das Dämmmaterial muss extreme Temperaturschwankungen aushalten können. Seine Herstellung aus fünf Dutzend Grundstoffen ist ein komplizierter chemischer Prozess, der viel Know-how erfordert. Bei der bisherigen Produktionsmethode mussten die Felle wegen des fortschreitenden chemischen Reaktionsprozesses schnell zu Schläuchen verarbeitet werden. Vor einigen Jahren haben es die Kaimann-Techniker geschafft, diesen Prozess an einer bestimmten Stelle zu stoppen und das Material in ein Granulat zu verwandeln.

    Kommunikation bringt Zinsvorteile

    Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Granulat kann gelagert und zu einem späteren Zeitpunkt weiterverarbeitet werden. Und: Es lässt sich gut und günstig transportieren. “Für eine Menge von mehreren Containern mit Isolierschläuchen genügt heute ein einziger Container mit Granulat”, sagt Eilerts.

    Was hat diese Erfindung mit guter Finanzkommunikation zu tun? Ohne einen offenen und frühzeitigen Kontakt mit den Banken wäre eine solche Innovation finanziell wohl kaum zu stemmen gewesen. Früher galt bei Kaimann das Motto: Lieber möglichst viel produzieren und ordentlich verkaufen statt über Erfindungen und Betriebsinterna zu reden.

    Seit der Sohn des Firmengründers am Steuer ist und Eilerts mit den Banken redet, gilt das Gegenteil. Dank der vielen Gespräche mit den Geldgebern war es nicht schwer, ihnen den weitreichenden Nutzen und die Bedeutung dieser Erfindung für die Zukunft des Unternehmens zu vermitteln. Nun verdient Kaimann nicht nur am Verkauf der Schläuche und Platten, sondern auch am Verkauf des Granulats sowie am Bau von Fabriken, in denen das Granulat zu Dämm- und Isolierstoffen weiterverarbeitet wird.

    Ein guter Unternehmer, das zeigen die drei Sieger des diesjährigen Fikomm-Awards, wartet nicht darauf, dass die Bank anruft und ihn mit womöglich prekären Fragen zum Finanzstatus bedrängt. Er informiert seine Finanzierungspartner frühzeitig und umfassend.

    Oder wie es Andreas Contag ausdrückt: “Wir sind die Aktiven.” Dass dieser Spruch bei dem Berliner Unternehmen gelebte Unternehmenskultur ist, zeigt auch die offene Kommunikation mit Kunden und Mitarbeitern, etwa wenn es um pünktliche Lieferung oder die Auftragslage im Unternehmen geht. Kann zum Beispiel eine Serie von Platinen erst nach sechs statt der vereinbarten fünf Tage geliefert werden, ruft ein Vertriebsfachmann am vierten Tag beim Kunden an, um die Verzögerung anzukündigen. Und macht sich ein Mitarbeiter Sorgen um seinen Arbeitsplatz, weil der täglich veröffentlichte Auftragseingang auf eine tiefere Absatzdelle hindeutet, erklärt Contag ihm persönlich die Gründe dafür.

    Offenheit schafft Vertrauen. Den Wahlspruch seiner Mutter begreift der Unternehmer eben auch als Leitbild seiner Unternehmensführung. In guten wie in schlechten Zeiten. Eine Einstellung, die eine Auszeichnung verdient.

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    • Quelle: impulse
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