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Wie im Neandertal: Frauen verdienen auch bei gleicher Qualifikation und Leistung weniger als Männer. Daran hat sich in den letzten 20 Jahren kaum etwas geändert.

Wie im Neandertal: Frauen verdienen auch bei gleicher Qualifikation und Leistung weniger als Männer. Daran hat sich in den letzten 20 Jahren kaum etwas geändert.© lculig, fotolia

Die Familienministerin möchte die peinliche Lohnlücke zwischen Frauen und Männern per Gesetz schließen. Der Plan scheint hoffnungslos. Ein Konter von Nicole Basel

Es war ein Abend unter Freunden, der nett anfing und ungemütlich endete. Irgendwer hatte angefangen, sich nackig zu machen und erzählt, was er verdient. Nach und nach machten alle mit beim Gehaltsstriptease. Am Ende stand ein Ranking. An der Spitze: Freundin A., Projektmanagerin im Controlling einer Bank. 37-Stunden-Woche, keine Personalverantwortung. Jahresgehalt: 65 000 Euro. Das Gegenstück: Freund G., Erzieher in einer Unterkunft für schwererziehbare Jungen. Schichtdienst. Jahresgehalt 33 000 Euro.

Eigentlich waren alle ganz zufrieden in ihren Berufen. Trotzdem blieb ein schlechtes Gefühl. Sogar bei Freundin A. Müsste sie beim nächsten Kneipenbesuch mal eine Runde mehr ausgeben?

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Solche schlechten Gefühle könnte es demnächst häufiger geben. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig will Unternehmen verpflichten, Gehaltsgruppen offenzulegen. Ihr Ziel: Frauen sollen die Chance bekommen, ihr Gehalt im Vergleich zu den Männern im Team zu überprüfen. Denn zwischen dem Lohn von Mann und Frau klafft in Deutschland immer noch eine Lücke von 22 Prozent.

Kann Transparenz das Problem lösen?

Das ist peinlich, skandalös. Die Frage ist aber, ob Transparenz tatsächlich eine scharfe Waffe ist, diese Ungerechtigkeit zu beheben.

In vielen Branchen ist eine weitgehende Gehaltstransparenz schließlich längst üblich, etwa dort wo Flächentarifverträge gelten. Zu überragender Fairness hat das nicht geführt. Müllmänner werden vergleichsweise gut bezahlt, weil sie schwere Lasten zu tragen haben. In der Altenpflege scheint dieses Argument plötzlich nicht mehr zu zählen. Arbeiten zwei in einer Branche, verdienen sie trotzdem nicht das gleiche, weil die Bezahlung an Kriterien wie Alter oder Betriebszugehörigkeit festgemacht wird. Wer schon mal neben einer unmotivierten Schnecke gearbeitet hat, die nach 40 Jahren im Job die Tage bis zu Rente zählt, der weiß: Mit Leistungsgerechtigkeit hat das selten etwas zu tun.

Frauen wissen längst, dass sie ungerecht bezahlt werden

Schwesig glaubt trotzdem, dass Transparenz zu mehr Gerechtigkeit führt. Sie hofft, dass Frauen, wenn sie nur wüssten, dass sie weniger verdienen als der männliche Kollege, im nächsten Mitarbeitergespräch härter verhandeln. Es kann gut sein, dass diese Hoffnung der Ministerin unerfüllt bleibt.

Denn Frauen sind auch bisher nicht naiv. Sie können Gehaltsspiegel lesen, sitzen in Betriebsräten mit Einblick in die Gehälter, sprechen mit Freunden und Kollegen über Geld. Das Wissen hilft aber nur denen, die bereit sind, aufzubegehren und zudem fest genug im Sattel sitzen, um den Kampf bis zu Ende auszufechten und notfalls zu klagen. Keine Frage: Mehr Transparenz kann hilfreich sein, damit mehr Frauen genau das tun. Bewusstsein und Aufklärung sind gut. Nur: Das Problem ist größer.

Das zeigt der Blick nach Schweden. Dort kann jeder mit nur einem Anruf herausfinden, was der Nachbar verdient, der Kollege, der Chef. Dieses Wissen hat an der Lage kaum etwas geändert. Es hat Frauen offenbar nicht darin bestärkt, forscher Geld zu fordern. Das Lohngefälle zwischen Mann und Frau ist kaum geringer als hierzulande.

Schwesigs Idee bekämpft nur einen kleinen Teil der Ungerechtigkeit

Wie also kann man die Lücke dann schließen? Es lohnt ein genauerer Blick auf die Zahlen. Der Unterschied beim Gehalt liegt nämlich auch darin begründet, dass Mütter häufiger Teilzeit arbeiten als Väter (70 Prozent der Frauen, 6 Prozent der Männer), seltener in Führungspositionen kommen und Berufe wählen, die schlecht bezahlt sind. Die Gesellschaft hat sich über Jahrhunderte daran gewöhnt, dass Frauen ohne aufzumucken Erziehung, Altenpflege und Haushaltsführung kostenlos erledigen, daher genießen diese Berufe keinen hohen Stellenwert. Daran kann Schwesigs Vorschlag nichts ändern.

Der Gesetzesentwurf zielt allein auf die Ungleichheit, die übrig bleibt, wenn man Arbeitnehmer mit gleicher Qualifikation und ähnlichem Job vergleicht. Dann schrumpft der Unterschied zwischen Mann und Frau laut Statistischem Bundesamt auf sieben Prozent zusammen. Diese sieben Prozent sind immer noch skandalös, keine Frage. Will man echte Fairness erreichen, dann müssen aber die kompletten 22 Prozent ins Visier.

Do it yourself

Das Streben nach Gerechtigkeit muss daher von der Gesellschaft ausgehen: Von Männern, die in Teilzeit arbeiten. Von Frauen, die Physik studieren. Von Arbeitgebern, die ihre Rollenklischees über Bord werfen. Von Tarifpartnern die für Frauenberufe wie Erziehung und Pflege bessere Gehälter verhandeln. Von Müttern, die an ihren beruflichen Plänen festhalten. Von Vätern, die in ihrer Elternzeit nicht mit der Familie nach Thailand fliegen, sondern Kind und Haushalt wuppen, während die Partnerin im Job wieder angreift. All das kann man nur bedingt per Gesetz verordnen.

Es ist wie so oft: Wer einen gesellschaftlichen Wandel will, muss mutig voranschreiten – und bei sich selbst anfangen.

 

Die Gegenrede: Misstrauen entsteht durch Heimlichkeit – Vertrauen durch Transparenz, schreibt Catalina Schröder

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