Finanzen + Vorsorge „Druck auf Bitcoin-Plattformen steigt massiv“

Geschäfte und Bars mit einem solchen Hinweisschild akzeptieren Bitcoins als Zahlungsmittel.

Geschäfte und Bars mit einem solchen Hinweisschild akzeptieren Bitcoins als Zahlungsmittel.© Bitcoin Project/www.bitcoin.org

Die digitale Währung Bitcoin machte im vergangenen Jahr Furore, ihr Kurs schoss in die Höhe. Doch jetzt sorgt die Insolvenz der größten Handelsplattform Mt. Gox für Wirbel. Im Interview mit impulse.de sagt Jörg Platzer, Mitgründer des Bundesverbands Bitcoin, warum er auf die Pleite sogar erleichtert reagiert hat - und welche Vorteile das Debakel in Zukunft für Nutzer bringt.

Impulse: Was bedeutet die Insolvenz von Mt. Gox für die Nutzer von Bitcoins?

Jörg Platzer: Für die Kunden von Mt. Gox bedeutet es wahrscheinlich den Verlust ihres Geldes. Für die anderen Nutzer der Digitalwährung bedeutet es erst mal gar nichts. Die Digitalwährung selbst ist vollkommen unberührt von der Mt. Gox-Insolvenz. Mt. Gox ist nicht Bitcoin.

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Was war das Problem bei Mt. Gox?

Mt. Gox ist eine Firma, eine für Gaming-Nerds gebaute Webseite, die ursprünglich dazu diente, Spielkarten zu handeln. Als es dann Bitcoins gab, fingen sie dort an, die Digitalwährung zu handeln. Sie waren einfach die ersten und deswegen sind sie so groß geworden. Aber die Firmenstruktur hat nie diesen unglaublichen Summen, die über diese Plattform gewandert sind, Rechnung getragen, auch in Sachen Computersicherheit.

Die Hintergründe der Insolvenz von Mt. Gox sind ja immer noch unklar, in der Presse ist von Hacker-Angriffen die Rede. Ist das eine realistische Erklärung für die Insolvenz?

Viele in der Bitcoin-Community haben große Zweifel an den Aussagen von Mt. Gox, denn darin gibt es ganz klare Widersprüche. Die Firma erklärte zum Beispiel, dass Bitcoins aus ihrer so genannten „Cold Storage“ gestohlen wurden. Das bedeutet, dass sie so gespeichert sind, dass sie vom Internet abgekoppelt sind. Sie liegen also nicht auf einem Rechner, der mit dem Internet verbunden ist.  Aus einem „Cold Storage“ können Hacker nun mal nichts stehlen. Das ist alles sehr dubios.

Mit welchen Konsequenzen für andere Bitcoin-Nutzer ist zu rechnen?

Für alle anderen Bitcoin-Nutzer wird die Pleite kurz oder mittelfristig wohl einen evolutionären Schritt in Richtung sicherer Börsen führen. Aus dem Debakel werden jetzt Konsequenzen gezogen. Der Druck auf alle anderen Anbieter, die Bitcoins für ihre Nutzer verwalten, steigt gerade ganz massiv. Nach diesem großen Debakel werden die allermeisten Nutzer in Zukunft darauf achten, dass sie Börsen benutzen, die ein sicheres System bieten. Und einen sogenannten „Proof of Reserves“, also ein System, bei dem die Anbieter jederzeit kryptografisch belegen, dass sie die ihr anvertrauten Bitcoins auch tatsächlich haben. Das hätte eigentlich schon lange passieren müssen.

Sie haben den Bundesverband Bitcoin mitgegründet und betreiben eine Bar in Berlin, in der Kunden mit der Digitalwährung bezahlen können. Viele in Deutschland sind verunsichert. Was sagen Ihre Kunden und andere Nutzer über die Insolvenz der ehemals größten Onlineplattform?

Ich bin nicht der einzige in der Bitcoin-Community, der nach der Insolvenz ein erleichtertes, tiefes Durchatmen von sich gegeben hat. Damit findet dieser Schrecken endlich ein Ende. Außerdem wird durch die Pleite jetzt viel Aufklärungsarbeit geleistet. Viele merken, dass man doch ein bisschen genauer hinschauen muss. Ich glaube, dass die Pleite eher zu einem Vertrauensgewinn führt – und zu mehr Transparenz. Wenn sich der Rauch verzogen hat, werden die Leute feststellen, dass das Netzwerk ganz normal weiterläuft – und die Währung auch nicht auf 10 Dollar gesunken ist.

Dennoch ist der Bitcoin-Kurs zum Beispiel auf der Plattform www.coindesk.com in diesem Jahr eingebrochen, von etwa 950 Dollar Anfang Januar auf gut 500 Dollar in der vergangenen Woche. Jetzt hat sich der Kurs zwar wieder stabilisiert. Aber das Kursrisiko ist trotzdem hoch…

Natürlich ist für Neueinsteiger in Bitcoin viel Verwirrung entstanden. Das hat sich sicherlich auf den Preis ausgewirkt. Ich denke, wenn sich der ganze Rauch etwas verzieht, werden wir auf jeden Fall höhere Stabilität sehen. Man muss aber bedenken, dass man zum jetzigen Zeitpunkt keine Stabilität erwarten kann. Bitcoin ist noch im Experimentierstadium, die Software ist immer noch eine Beta-Software.  Und die Digitalwährung ist wirtschaftlich noch in einer Preisfindungsphase. Welchen Preis ein Coin haben wird, wird man erst in ein paar Jahren wissen können. In einer Preisfindungsphase ist es natürlich völlig absurd, Preisstabilität zu erwarten. Das ist ausgeschlossen. Und das muss auch jeder sehen, der darin investieren möchte.

Wie funktionieren der Handel und das Bezahlen mit Bitcoins ganz konkret? Sind Nutzer auf Plattformen wie Mt. Gox angewiesen?

Sie brauchen prinzipiell keinen Dienstleister, um Bitcoins zu halten, empfangen oder verschicken zu können. Die meisten benutzen eine eigenständige Software auf ihrem Laptop, ihrem Mobiltelefon oder ihrem Tablet. Transaktionen finden dann zwischen den einzelnen Endgeräten der Nutzer statt, ohne irgendeine Instanz dazwischen. Das ist ja eigentlich auch die Intention von Bitcoin. Bitcoins auf dem Server von einem Anbieter liegen zu haben, entspricht überhaupt nicht der Philosophie von Bitcoin. Das ist ja gerade ein System, das geschaffen wurde, damit man nicht mehr das Geld bei der Bank liegen haben muss, sondern damit man es selbst verwalten kann.

Wie sicher sind die virtuellen Geldbörsen, in denen man die Bitcoins zuhause auf seinem Rechner speichern kann?

Die Wallets auf ihrem Rechner können Sie verschlüsseln und dann sollten Sie tunlichst ein Back-up davon haben. Und dann sind sie technisch eigentlich vollkommen auf der sicheren Seite. Wenn jemand das Laptop stiehlt, können sie die Bitcoins nicht ausgeben, weil sie ja verschlüsselt sind. Und wenn sie sich ein neues Laptop kaufen, spielen sie einfach ihr Backup auf.

 

Jörg Platzer ist Mitgründer des Bundesverbands Bitcoin. In Berlin-Kreuzberg betreibt er die Bar Room 77, in der Nutzer auch mit Bitcoins bezahlen können. Zehn bis 20 Prozent seines Umsatzes macht er dort inzwischen in der digitalen Währung.

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