Finanzen + Vorsorge Leitzins fast bei Null, Strafzins für Banken

EZB-Präsident Mario Draghi, hier bei seiner ersten Pressekonferenz Ende 2011.

EZB-Präsident Mario Draghi, hier bei seiner ersten Pressekonferenz Ende 2011.© EZB

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf ein neues Rekordtief von 0,15 Prozent gesenkt. Erstmals gibt es auch einen Strafzins von minus 0,10 Prozent für Bankeinlagen. Experten kritisieren diesen Kurs heftig. Die positive Wirkung der Maßnahmen ist fraglich - die negativen Folgen für Sparer gelten dagegen als sicher.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins im Euroraum nochmals von 0,25 Prozent auf 0,15 Prozent gesenkt. Außerdem beschloss der EZB-Rat nach Angaben der Notenbank am Donnerstag in Frankfurt, erstmals einen Strafzins von minus 0,10 Prozent für Bankeinlagen.

Mit dem Maßnahmenpaket reagieren die Währungshüter auf die seit Monaten sehr niedrige Inflation. Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und können so die Wirtschaft ankurbeln. Das stärkt in der Regel auch den Preisauftrieb. Auch der negative Einlagenzins soll die Inflation antreiben: Er soll den Euro schwächen und so Importe verteuern. Zudem sollen Banken durch die Strafzinsen dazu gebracht werden, überschüssiges Geld nicht bei der EZB zu parken, sondern Verbrauchern und Unternehmen Kredite zu geben. Diese könnten investieren und so der Konjunktur auf die Sprünge helfen.

Anzeige

Im Mai war die Jahresteuerung im Euroraum auf 0,5 Prozent gesunken. Sie liegt damit deutlich unterhalb der Zielmarke der EZB von knapp unter 2,0 Prozent. „Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt“, hatte Draghi erst in der vergangenen Woche betont. Der geringe Preisauftrieb schürt Sorgen vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale der Preise quer durch alle Warengruppen.

Niedrigzinsphase dürfte noch länger dauern

Auch wenn der Leitzins – also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können – nicht direkt auf die Anlagezinsen durchschlägt: Für Sparer dürfte es schwieriger werden, Geld ohne realen Verlust anzulegen. Und es dürfte noch eine Weile so weiter gehen: Draghi kündigte am Donnerstag an, dass die Notenbank die Zinsen noch über einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau belassen wird.

Nach Einschätzung von DIW-Chef Marcel Fratzscher müssen Sparer noch mehrere Jahre mit niedrigen Zinsen leben. Während EZB-Präsident Mario Draghi stets schwammig von „einem längeren Zeitraum“ spricht, erwartet Fratzscher, dass die Zinsen für die kommenden zwei bis drei Jahre so niedrig wie jetzt bleiben werden: „Die Sparer müssen daher nach alternativen Sparmöglichkeiten suchen, im Inland wie im Ausland“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der „Berliner Zeitung“.

Fratzscher zeigte Verständnis für die Klagen über die Folgen für Sparer. „Die Niedrigzinspolitik trifft die Sparer hart, da sie schwerer Vorsorge betreiben können“, sagte der DIW-Chef. Er verteidigte aber auch die Strategie der Währungshüter: „Höhere Zinsen würden die noch immer niedrige Wirtschaftsleistung weiter schwächen und noch mehr Menschen ihre Beschäftigung kosten.“

Experten warnen vor einer „Enteignung der Sparer“

Kurz vor der Zinsentscheidung hatten Experten vor den Folgen einer Verschärfung der Politik des billigen Geldes gewarnt. „Das ist ein ganz gefährlicher Weg, den die EZB da einschlägt“, sagte Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin. Allein in Deutschland würden Sparer, die fürs Alter vorsorgen, 15 Milliarden Euro verlieren: „Das sind vom Baby bis zum Großvater 200 Euro pro Kopf. Und das ungefragt. Und das Geld fehlt. Es ist weg.“

Im Interview mit dem Deutschlandfunk spitzte Fahrenschon seine Warnungen noch einmal zu. Auf die Frage, ob die Niedrigzinspolitik von EZB-Präsident Mario Draghi eine schrittweise Enteignung der Bürger sei, antwortete er: „Ja, ganz klar.“

Draghi betonte: „Die Behauptung, wir wollten Sparer enteignen, ist völlig falsch.“ Die EZB wolle genau das Gegenteil erreichen, nämlich das Wirtschaftswachstum zu unterstützen. Dann werde auch das Zinsniveau wieder anziehen.

Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick warnte angesichts des billigen Geldes vor „Risiken und Nebenwirkungen“. In der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstag) sagte er: „Die Anleihe-, Aktien- und Immobilienmärkte zeigen erste Zeichen einer Überhitzung, auf der Suche nach Rendite werden auch toxische Altlasten wieder zu einer lukrativen Investition.“

Wirkung der Maßnahmen ist umstritten

Auch die mögliche Wirkung der Zinssenkung ist umstritten. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält sie für sehr begrenzt. „Der Handlungsspielraum der EZB ist mehr homöopathisch“, sagte das Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung dem Südwestrundfunk. Ein Leitzins, der noch näher bei null liege, und ein Strafzins für Geschäftsbanken, die überschüssiges Geld bei der EZB parken wollten, stellten als Konjunkturimpulse keine schweren „Geschütze“ dar.

Um die Wirtschaft im Euroraum zu beleben, sei weniger die Geldpolitik als die Finanzpolitik gefordert. Die Politik solle darüber nachdenken, wie man die Investitionsanreize stärken kann, sagte Bofinger: „Dass also mehr Kreditmittel auf den Märkten von Investoren aufgenommen werden, und dann steigen auch die Zinsen wieder.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.