Finanzen + Vorsorge EZB-Zinssenkung: „Der tiefste Punkt ist erreicht“

EZB-Präsident Mario Draghi

EZB-Präsident Mario Draghi© dpa

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins im Euroraum überraschend auf nur noch 0,05 Prozent gesenkt. Ist jetzt der Tiefstand erreicht? Experten wie der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, sagen: ja.

Herr Kater, die weitere Senkung des Leitzinses auf 0,05 Prozent hat heute viele überrascht. Haben Sie mit diesem Schritt gerechnet?

Mit der weiteren Zinssenkung hatten auch wir nicht gerechnet. Es ist aber gut möglich, dass noch weitere Maßnahmen folgen werden, weil der Ausblick für die Inflationsrate in der Eurozone noch einmal schwächer ausgefallen ist als vor einem Monat.

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Mit welchen weiteren Maßnahmen rechnen Sie konkret?

Mario Draghi hat heute ein Anleihekaufprogramm für Asset Backed Securities (ABS) angekündigt. Ich halte es für wahrscheinlich, dass am Ende noch weitere Wertpapiere angekauft werden. Das ist aber nicht etwas, das in den nächsten Wochen oder Monaten passieren wird, sondern eher im nächsten Frühjahr.

ABS steht als englische Abkürzung für durch Forderungen (Asset) gedeckte (Backed) Wertpapiere (Securities). Forderungen aus Krediten wurden gebündelt, in Risikoklassen aufgeteilt und handelbar gemacht. Geschäfte mit solchen Kreditpaketen gelten als Mitauslöser der Finanzkrise 2007/2008. Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte eine Wiederbelebung befördern, indem sie gezielt ABS-Pakete kauft. Das würde Geschäftsbanken entlasten, die dann Freiräume für neue Kredite hätten.

 
Und beim Leitzins? Ist dort der Tiefpunkt erreicht?

Über den Leitzins brauchen wir uns keine Gedanken mehr machen. Dort ist der tiefste Punkt erreicht. Das noch einmal zu wiederholen wäre reine Symbolik. Auch die Einlagenzinsen für Banken werden nicht mehr viel negativer gestaltet werden können, ohne dass Banken von ihren Kunden ebenfalls negative Zinsen einfordern. Das will man auf keinen Fall. Daher ist auch an dieser Stelle Schluss.

Was bewirken die heute beschlossenen Maßnahmen Ihrer Einschätzung nach?

Das ABS-Programm wird dazu führen, dass die Kreditvergabemöglichkeit an Unternehmen erhöht wird. Am wichtigsten ist das für die Länder, in denen die Kreditvergabe derzeit schwierig ist. In Deutschland ist das nicht der Fall. Hier gibt es keine Probleme beim Kreditangebot. Insofern wird sich für deutsche Unternehmen nicht allzu viel ändern. Im Fokus stehen vielmehr Länder der Währungsunion, die am meisten unter den Spätfolgen der Finanzkrise leiden, eine hohe Verschuldung haben und deswegen Schwierigkeiten haben, Kredite zur Verfügung zu stellen.

Auch die Inflationserwartungen werden sich erst einmal wieder stabilisieren. Denn die Kapitalmarktteilnehmer wissen, dass die EZB weiterhin Maßnahmen unternehmen wird, um die Wirtschaft weiter zu stimulieren.

Man darf aber nicht erwarten, dass die Probleme Europas durch die jetzt beschlossenen Maßnahmen über Nacht gelöst werden. Die größten Probleme sind das schwache Wirtschaftswachstum und das fehlende Investitionsvertrauen in vielen Ländern. Hier kann die EZB alleine keinen Erfolg haben, das ist Sache der Regierungen.

Interview: Verena Bast

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