Finanzen + Vorsorge Klug investieren statt Geld verpulvern: Wie Gemeinden ohne Schulden auskommen

Bargteheide - im Bild das alte Rathaus - ist seit Jahren schuldenfrei.

Bargteheide - im Bild das alte Rathaus - ist seit Jahren schuldenfrei.© Lukas Riebling/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Schuldenwettlauf? Nicht mit uns, sagen viele Gemeinden im Norden. Sie haben die geringste Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland. Das hat zum Teil mit Standortvorteilen zu tun, aber auch mit Mentalitäten.

Mancher Statistik mag man kaum glauben. Dass die Gemeinden in Schleswig-Holstein bundesweit die niedrigsten Schulden je Einwohner haben, gehört dazu. Zum Stichtag 31. Dezember 2012 waren es durchschnittlich 2175 Euro, berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag. Und das in einem Land, das seit langem zu den armen in Deutschland zählt. Jede dritte der 1110 Gemeinden im Norden ist sogar schuldenfrei.

Das sind ganz überwiegend jene mit wenigen hundert Einwohnern. In ihrer Größe liegt schon eine Erklärung: „Kleinere Strukturen neigen zu wirtschaftlichem Handeln“, sagt der Geschäftsführer des Gemeindetages, Jörg Bülow. Die Verhältnisse sind übersichtlich, die Mentalität sagt: Wir geben nur aus, was wir haben.

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Bargteheide seit Jahren schuldenfrei

Das kann auch in größeren Strukturen funktionieren: „Wir sind die einzige schuldenfreie Stadt in Schleswig-Holstein“, sagt Bargteheides Bürgermeister Henning Görtz (CDU). Seit sechs Jahren ist das so. Klar profitiert die Kommune mit fast 16.000 Einwohnern von ihrer Lage im Hamburger Speckgürtel. Die ganze Wahrheit sei das aber nicht, sagt Görtz.

Bei zwei von vier Neubaugebieten, die seit 2000 für je 600 bis 1000 Menschen entstanden, nahm die Stadt von Anfang bis Ende alles in die eigene Regie, vom Grundstückserwerb über die Erschließung bis zum Verkauf an den Bauherrn. „Das war eine mutige Entscheidung, da mit wirtschaftlichem Risiko verbunden, aber die Rechnung ging voll auf.“

Die Stadt musste erst investieren, profitierte dann aber von der Wertschöpfung. Dass in den Wohngebieten gleich von Anfang an eine Kita stand, gehörte zum Konzept. Als Erfolgsfaktor sieht Görtz auch, dass die Kommunalpolitik in entscheidenden Fragen über die Parteigrenzen hinweg einig sei. „Das ist ein ganz wesentlicher Punkt.“ Auch sei die Stadt noch so überschaubar groß, dass vieles ehrenamtlich erledigt werde, was anderswo teuer bezahlt werden muss.

Die Standortvorteile Bargteheides mit leistungsstarken Unternehmen, der Nähe zu Hamburg und guter Verkehrsanbindung erleichtern vieles. In einer halben Stunde ist man in Hamburgs Innenstadt oder an der Lübecker Bucht. An zwei Gymnasien und zwei Gemeinschaftsschulen können Schüler das Abitur machen, elf Kitas hat die Stadt. „Wir sind absolut ausgerichtet auf junge Familien“, sagt der Bürgermeister. 5000 Menschen fahren täglich zur Arbeit nach Hamburg, etwa die gleiche Zahl kommt aus dem Umland in die Stadt.

Die örtliche Wirtschaft ist so stark, dass jährlich zehn bis zwölf Millionen Euro an Gewerbesteuern fließen. Die Finanzkrise von 2008/2009 bewirkte zwischendurch einen Einbruch auf drei Millionen. Erst 2013 wurde mit zwölf Millionen der Vorkrisenstand wieder erreicht. „Wir haben auch nicht in allen Bereichen höchstes Niveau und leisten uns nicht alles, was wir gerne hätten“, sagt Görtz. So würden mehr Parkplätze in der Innenstadt gebraucht, aber als die Kosten für einen Parkhaus-Bau ausuferten, habe man darauf verzichtet.

Gut abschneiden mit solider „Hausfrauen“-Mentalität

Da weit über die Hälfte der Schleswig-Holsteiner in Gemeinden unter 20.000 Einwohnern leben, sind die Aussichten nicht so schlecht, dass die Nord-Kommunen auch in Zukunft bei der Pro-Kopf-Verschuldung im Bundesvergleich gut abschneiden – wenn sie an ihrer soliden „Hausfrauen“-Mentalität festhalten. Die Haltung, nicht über die finanziellen Verhältnisse zu leben, schlage schon auf die Kommunalpolitik durch, sagt Gemeindetag-Geschäftsführer Bülow.

Die nackten Zahlen sagen nicht alles. Manche Kommunen stehen in der Verschuldungstabelle eines Jahres auch deshalb schlecht da, weil sie gerade kräftig in Schulen oder Kitas investiert haben, also in die Zukunft. Da kann die Statistik im nächsten Jahr schon wieder viel besser aussehen. Die kreisfreien Städte leiden aber generell unter überproportional hohen und weiter steigenden Sozialausgaben, gegen die sie sich nicht wehren können.

Einige Gemeinden wie die Halligen oder Helgoland müssen dauerhaft mit tiefroten Zahlen leben, weil Kosten wegen ihrer exponierten Lage so hoch sind. So errechneten die Statistiker für 2012 den höchsten Einzelbetrag in Deutschland für Hallig Gröde: Auf jedem der elf Bewohner lasteten demnach kommunale Schulden von 26.767 Euro. Im Folgejahr wurden es noch mehr. Zum 31. Dezember 2013 waren es 35.060 Euro – bei allerdings nur noch neun Bewohnern.

 

So verschuldet sind Deutschlands Städte und Gemeinden:

Anmerkung: Die Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg sind nicht berücksichtigt, da sie in den amtlichen Finanzstatistiken nicht der kommunalen, sondern der staatlichen Ebene zugeordnet werden.

(Quelle: Statistisches Bundesamt)

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