Finanzen + Vorsorge Komplett-Überprüfung steht bevor: Stressige Zeiten für Europas Banker

Das Bankenviertel in Frankfurt.

Das Bankenviertel in Frankfurt.© Epizentrum/CC-BY-SA-3.0/Wikimedia Commons

Die EZB durchforstet als künftige Aufsicht die Bilanzen der Banken. Der bisher umfangreichste Stresstest soll im besten Fall das Vertrauen in die Finanzbranche wiederherstellen. Doch auch das Gegenteil könnte passieren.

So tief wie derzeit mussten sich Europas Banken noch nie in die Bücher blicken lassen. Mehrere hundert Millionen Euro kostet die laufende Überprüfung insgesamt. Die Ergebnisse sollen Mitte oder Ende Oktober veröffentlicht werden.

Der gewaltige Aufwand hat vor allem ein Ziel: Die Europäische Zentralbank (EZB) als neue zentrale Bankenaufsicht im Euroraum soll am 4.November möglichst ohne Altlasten ihre Arbeit aufnehmen. Die größten und wichtigsten Institute wird sie dann direkt überwachen und auch die Oberkontrolle über die kleinen Banken haben. Wichtige Fragen und Antworten im Überblick.

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Um welche Banken geht es in den laufenden Tests?
Den Tests der EZB müssen sich 131 Institute im Euroraum stellen. Darunter sind 23 deutsche Institute plus der Deutschland-Ableger der schwedischen SEB und weitere Auslandstöchter von Banken, die ihren Hauptsitz nicht in der Eurozone haben. Weil Litauen zum Jahreswechsel den Euro einführt, müssen sich inzwischen auch drei Institute des Landes überprüfen lassen.
Was unterscheidet die Überprüfung von bisherigen Bankentests?
Das mehrstufige Verfahren. Seit Monaten durchforsten Experten der EZB, nationale Aufseher und unabhängige Wirtschaftsprüfer die Bilanzen der Euro-Banken nach möglichen Altlasten oder Kapitallöchern. Bei diesem Bilanzcheck (im englischen Fachjargon Asset Quality Review) hatten sich die Prüfer Risikopapiere im Volumen von 3,72 Billionen Euro vorgenommen. Verknüpft wird diese Überprüfung mit dem bislang nach Angaben von Aufsehern härtesten Stresstest für Banken in Europa. Dabei müssen die Institute beweisen, dass sie auch im Ernstfall – wenn die Wirtschaft einbricht und die Immobilienpreise abstürzen – ausreichend Kapital haben, um ihr Geschäft fortzuführen.
Worauf achten die Aufseher besonders?
Entscheidend ist, ob die Banken die Risiken in ihren Bilanzen mit ausreichend eigenem Kapital abgesichert haben. Dabei schaut die EZB auch, ob die Institute das Gefahrenpotenzial ihrer Anlagen richtig berechnen. Besonders im Blick haben die Aufseher etwa Kredite auf dem seit Jahren angeschlagenen Schiffsmarkt, Gewerbeimmobilien und erstmals auch Staatsanleihen, die nicht mehr als komplett risikolos gewertet werden. Entscheidend sind dabei die Daten zum Stichtag 31. Dezember 2013. Wichtige Veränderungen in den ersten neun Monaten sollen in einem Extra-Punkt ausgewiesen werden.
Werden die Tests zu mehr Vertrauen in die Finanzbranche führen?
Das ist die große Hoffnung von Politik, Aufsehern und Finanzbranche. Nach den Erfahrungen der Finanzkrise, in der etliche Banken mit Milliarden an Steuergeldern gerettet wurden, ist das Misstrauen groß. „Die Märkte haben immer noch Zweifel an den europäischen Bankbilanzen“, sagte Jaime Caruana, Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) – quasi die Notenbank der Notenbanken – im August im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Mit dem Asset Quality Review besteht die große Chance, diese Zweifel auszuräumen.“ Erste Mutmacher gibt es: Einige Banken haben auf die Tests reagiert – und etwa Altlasten radikal abgeschrieben oder ihr Kapital erhöht.
Was ist die größte Gefahr bei der Überprüfung?
Der Test könnte zu neuen Verwerfungen an den Finanzmärkten führen. Die EZB steckt in einem Dilemma. Für einen glaubwürdigen Test, der möglichst alle Altlasten aufspürt, muss sie streng vorgehen. Das aber könnte bedeuten, dass sich so große Kapitallöcher auftun, dass viele Investoren erst recht das Vertrauen in die Kraft der Banken verlieren. Dann könnten neue staatliche Rettungsaktionen drohen. Ob sich das gerade kleine Schuldenstaaten leisten können, wird vielfach bezweifelt. So könnte der Bankentest schlimmstenfalls die Schuldenkrise neu entflammen.
Wie groß ist die Gefahr, dass vor Oktober Ergebnisse herauskommen?
Die EZB will die mit Spannung erwarteten Ergebnisse bis in die zweite Oktoberhälfte geheimhalten. Um weitere Unruhe an den Märkten zu vermeiden, soll vorher nichts durchsickern. Doch die Gefahr besteht – schon wegen der Zahl der potenziellen Mitwisser. Mehr als 6000 Mitarbeiter sind allein auf Seiten der Aufsicht mit den Bankentests beschäftigt. Dazu kommen Hunderte bei den Instituten selbst. Und da die Tests letztlich eine politische Veranstaltung sind, sind auch die Regierungen eingebunden.
Was passiert mit Banken, die bei den Tests durchfallen?
Sie müssen Kapitallöcher stopfen – indem sie sich frisches Geld von ihren Eigentümern oder am Markt besorgen. Dafür haben sie sechs bis neun Monate Zeit. Gelingt es nicht, die Lücken aus eigener Kraft zu schließen, sollen letztlich wieder die Nationalstaaten, also die Steuerzahler, herhalten. Gegebenenfalls, wenn der Finanzbedarf der Banken die Möglichkeiten der einzelner Länder übersteigt, könnten auch europäische Hilfsprogramme angezapft werden – so wie bei der Rettung der portugiesischen Bank Espírito Santo Santo Anfang August. Die Hoffnung ist, dass das reicht.
Was passiert mit den Banken in Großbritannien?
Auch die größten Geldhäuser in den nicht zur Eurozone gehörenden EU-Ländern müssen sich dem Stresstest stellen. Dafür verantwortlich ist die EU-Bankenaufsichtsbehörde EBA, die die Krisenszenarien zusammen mit der EZB entwickelt hat. Allerdings gibt es bei der EBA keinen vorgeschalteten Bilanzcheck.

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