Finanzen + Vorsorge Misstrauen entsteht durch Heimlichkeit – Vertrauen durch Transparenz

Wie im Neandertal: Frauen verdienen auch bei gleicher Qualifikation und Leistung weniger als Männer. Daran hat sich in den letzten 20 Jahren kaum etwas geändert.

Wie im Neandertal: Frauen verdienen auch bei gleicher Qualifikation und Leistung weniger als Männer. Daran hat sich in den letzten 20 Jahren kaum etwas geändert.© lculig, fotolia

Ein Lohntransparenz-Gesetz würde langfristig zum Erfolg der deutschen Wirtschaft beitragen. Ein Kommentar von Catalina Schröder.

Susanne – eine gute Freundin von mir – ist Fotografin und hat vor kurzem zusammen mit einer Kollegin ein Fotoshooting organisiert. Die Tochter der Kollegin – Romy, fünf Jahre alt – war auch dabei. Ob sie auch mal ein Foto von ihr machen dürfe, wollte Susanne von Romy nach dem Shooting wissen. 20 Cent würde sie ihr im Gegenzug schenken.

Romy – rotblonde Locken und nie um eine Antwort verlegen – überlegte kurz und schüttelte dann entschlossen den Kopf. Ein Fotomodel, das wisse sie ganz genau, erklärte Romy der verdutzten Susanne, verdiene viel mehr als 20 Cent für ein Bild. Sie fordere deshalb 80 Cent – und die bekam sie dann auch. Eine Lohnsteigerung von beeindruckenden 300 Prozent, die Romy ohne ihre exzellenten Kenntnisse des Gehaltsniveaus im Model-Business sicher nicht erreicht hätte. Familienministerin Manuela Schwesig wäre stolz auf Romy. Denn das Beispiel zeigt: Lohntransparenz schafft – in diesem Fall zumindest aus Romys Sicht – Lohngerechtigkeit. Und die ist in deutschen Unternehmen längst überfällig!

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Denn Frauen verdienen in Deutschland noch immer deutlich weniger als Männer – im Durchschnitt ganze 22 Prozent. Rechnet man heraus, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten und seltener in hochbezahlte Industriebranchen gehen, bleibt immer noch ein Unterschied von 7 Prozent.


Lohntransparenz führt zu Lohngerechtigkeit

Mit einem Entgeltgleichheitsgesetz – so heißt Schwesigs Forderung im Bürokratendeutsch – würden solche Unterschiede auf lange Sicht verschwinden. Eine andere Konsequenz ist gar nicht möglich. Denn wie soll ein Arbeitgeber einer weiblichen Mitarbeiterin gegenüber begründen, dass sie auf demselben Posten wie ein männlicher Kollege leider mehrere hundert oder gar tausend Euro weniger verdient? Eben! Lohntransparenz führt zu Lohngerechtigkeit.

Zu Gute kommen würde das Gesetz übrigens nicht nur Frauen, sondern ganz allgemein den weniger Selbstbewussten: Denjenigen, die sich schwertun, mit dem Chef über ein höheres Gehalt zu reden.

Den Reaktionen der Unternehmerverbände zufolge, könnte man allerdings meinen, Lohntransparenz führe in einen sofortigen Verwaltungs-GAU: Von Bürokratiewahnsinn ist da die Rede und von überlasteten Personalabteilungen. Als wären Personaler nach der Verabschiedung des Gesetzes an fünf Tagen in der Woche von morgens bis abends nur noch damit beschäftigt, emsig nachzuschlagen, was die einzelnen Mitarbeiter verdienen.

Datenschutz bleibt gewahrt
Davon abgesehen, dass der Arbeitsaufwand nicht ganz so hoch ausfallen dürfte, sei allen Bürokratie-Fürchtigen ein zweiter Blick auf Schwesigs Vorschlag empfohlen. Es geht lediglich darum, jedem Angestellten das Recht zuzugestehen, das Durchschnittsgehalt der Gruppe vergleichbarer Kollegen zu erfahren. Sprich: Von denjenigen, die auf derselben Hierarchiestufe stehen und vergleichbare Aufgaben haben wie man selbst, soll man auch wissen dürfen, was sie im Durchschnitt verdienen. Alle, die um den Datenschutz besorgt sind, können also beruhigt aufatmen. Das ganz persönliche Gehaltsgeheimnis jedes einzelnen bleibt gewahrt.

Holger Schwannecke, der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, warnte angesichts des Gesetzesvorschlags im SPIEGEL sogar vor einem „Klima das Misstrauens und Ausforschens“. Eine seltsame Logik, denn ist es nicht viel mehr die Unkenntnis über die Gehälter der Kollegen, die einen dazu veranlasst, den einen oder anderen ins Vertrauen zu ziehen und ihn über den Lohn der anderen auszufragen? Misstrauen entsteht durch Heimlichtuerei. Vertrauen durch Transparenz.

Auf lange Sicht wird Lohntransparenz zu einer stärkeren Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen und zu einer geringeren Fluktuation führen: Wer sich fair behandelt fühlt, hat schließlich keinen Grund, den Job zu wechseln.

Lohntransparenz sichert langfristig den Unternehmenserfolg
Ein eingespieltes Team arbeitet erfolgreicher zusammen und sichert damit langfristig den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Und welcher Unternehmer hat daran kein Interesse? Wer seinen Mitarbeitern also auf Augenhöhe begegnet, offen kommuniziert, was in den unterschiedlichen Bereichen im Durchschnitt verdient wird – und mögliche Ungerechtigkeiten ausgleicht – der sichert damit langfristig den Erfolg seines Unternehmens.

Übrigens: Ob die fünfjährige Romy eines Tages tatsächlich ins Model-Business einsteigen will, ließ sich leider nicht in Erfahrung bringen. Wird das der Fall sein, sollten sich ihre künftigen Auftraggeber rechtzeitig wappnen: Über die angemessenen Branchen-Honorare wird Romy sich garantiert rechtzeitig informieren.

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