Finanzen + Vorsorge Noch mehr Zeit ist keine Lösung!

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Die Schuldenuhr des Die Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler, hier ein Bild vom Juni 2012

Die Schuldenuhr des Die Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler, hier ein Bild vom Juni 2012© dpa

Frankreich und Italien fordern mehr Spielraum beim Schuldenabbau. Unternehmerin Marie-Christine Ostermann warnt vor den Nachteilen, die das Erkaufen von Zeit mit sich bringt - und vor den Verlockungen des billigen Geldes, auch in Unternehmen.

Sigmar Gabriel hat vorgeschlagen, den europäischen Stabilitätspakt zu flexibilisieren. Wenn Länder Strukturreformen auf den Weg bringen, sollen sie mehr Zeit beim Defizitabbau erhalten. Außerdem setzt die Europäische Zentralbank ihre billige Geldpolitik fort, um den Schuldenländern noch mehr Zeit zur Erholung zu geben und die Kreditvergabe an Unternehmen anzukurbeln.

Doch hilft noch mehr Zeit weiter? Zeit wird schließlich schon seit Ausbruch der Finanzkrise erkauft. Erst durch die Einrichtung der Rettungsschirme, dann durch Draghis Niedrigzinspolitik mit der Garantie, alles zu tun, um den Euro zu retten. Sicherlich wurde die Situation im Euro-Raum auf diese Weise erst einmal beruhigt und vorübergehend stabilisiert. Strukturreformen wurden aber nur dort auf den Weg gebracht, wo echter Wille und Mut vorhanden waren, unbequeme aber nötige Maßnahmen zu realisieren. Zum Beispiel wurden in Irland, Portugal oder Spanien einige Reformen umgesetzt.

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Trotzdem reichen die Maßnahmen im Euro-Raum noch lange nicht aus, um auf dem Weltmarkt wieder genügend wettbewerbsfähig zu sein. Frankreich ist leider ein Beispiel dafür, dass die Flexibilisierung von Schuldenregeln und die Gewährung von noch mehr Zeit für Reformen und Schuldenabbau bisher nicht weiterhelfen. In Frankreich herrscht überwiegend Stillstand. Der Wille für mutige Reformen ist dort nicht sichtbar.

Aus der Vergangenheit nicht gelernt?

Das Erkaufen von Zeit hat auch viele Nachteile. Dringend nötige Reformen für eine bessere Wettbewerbsfähigkeit und somit mehr Arbeitsplätze und Wohlstand werden verzögert. Und durch die niedrigen Zinsen könnten Unternehmer (und auch Staaten) eher dazu motiviert werden, mehr Schulden zu machen und weniger Eigenkapital für Risikopuffer aufzubauen. Natürlich ist auch Fremdkapital zur Finanzierung von Investitionen nötig und wichtig. Auch unser Unternehmen Rullko investiert gerade viele Millionen Euro in den Bau einer neuen Lagerhalle.

Es ist sehr verführerisch, viel Fremdkapital aufzunehmen, da es so unglaublich günstig ist. Sicheres Sparen lohnt sich auf der anderen Seite nicht mehr. Die aktuelle Niedrigzinspolitik ist eine Enteignung von Sparern und Eigentümern mit offenem Ausgang. Durch das billige Geld können außerdem neue Finanzmarkt-Blasen und Verluste entstehen, weil die günstigen Zinsen dazu verführen, Risiken bei der Kreditaufnahme vermehrt außer Acht zu lassen. Doch durch Zockerei und das Ausblenden von Risiken ist die Finanz- und Schuldenkrise im Euro-Raum überhaupt erst entstanden. Haben wir seitdem nicht dazugelernt?

Nachts ruhig schlafen können

Die Neuinvestitionen bei Rullko finanzieren wir zum Großteil durch Eigenkapital und nur zu rund 30 Prozent aus Fremdkapital. Insgesamt sind Eigenkapitalquote und Liquidität in unserem Unternehmen hoch. Wir haben über die letzten Jahrzehnte Gewinne immer wieder in das Unternehmen gesteckt und nicht verfrühstückt. Sicherheit ist uns wichtig, denn der Wettbewerb in der Lebensmittelbranche ist hart. Außerdem soll das Unternehmen solide und gut aufgestellt an die nächste Generation abgegeben werden. Manchmal wird uns vorgeworfen, wir seien zu konservativ und könnten noch viel schneller wachsen und mehr verdienen, wenn wir mehr Fremdkapital einsetzen würden. Doch wir wollen nachts ruhig schlafen können und auch überwiegend bankenunabhängig bleiben.

Die Spielregeln der Marktwirtschaft sind in der Realwirtschaft verbindlich. Deshalb verhalten sich viele Familienunternehmer verantwortungsbewusst und denken langfristig. Denn sie wissen, dass sie für Fehlentscheidungen die Konsequenzen tragen und selbst haften müssen. Sie schieben nötige Veränderungsprozesse in ihren Unternehmen daher meist nicht auf die lange Bank, sondern halten ihre Betriebe fit und wettbewerbsfähig, um langfristig die Arbeitsplätze für die Mitarbeiter und die Zukunft der Unternehmen zu sichern.

Das ist nicht immer einfach. Auch ich erlebe es als Nachfolgerin in unserem 90jährigen Familienunternehmen manchmal, wie schwierig es sein kann und wieviel Überzeugungskraft es kostet, über Jahrzehnte gewachsene Strukturen zu erneuern und Veränderungen durchzusetzen. Es führt aber oft kein Weg an Neuerungen vorbei, um wettbewerbs- und zukunftsfähig zu bleiben. Das gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Staaten.

Aufweichung der Schuldenregeln hilft nicht weiter

Deshalb bin ich der Meinung, dass eine Flexibilisierung und somit doch auch eine Aufweichung der Schuldenregeln dem Euro-Raum nicht weiterhelfen werden. Die letzten Jahre haben gezeigt: wichtige Reformen werden mit noch mehr Zeit und noch mehr Schulden nicht überall genügend umgesetzt. Noch mehr teure Beschäftigungs- oder Konjunkturprogramme und noch billigere Geldpolitik sind keine Lösung, um Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze nachhaltig aufzubauen. Stattdessen würden Maßnahmen wie mehr Flexibilität auf den Arbeitsmärkten und weniger Bürokratie sicherlich schon mehr Unternehmer dazu motivieren, Arbeits- und Ausbildungsplätze zu schaffen und zu erhalten, ganz ohne teure politische Beschäftigungsprogramme.

Besser gestern als heute sollten die Euro-Länder keine weitere Rolle Rückwärts machen wie Deutschland mit der Rente mit 63 oder dem gesetzlichen Mindestlohn, sondern sie sollten durch mutige Reformen Europa für die Menschen wieder wettbewerbs- und zukunftsfähig machen, um Beschäftigung, Wohlstand und die Zukunftschancen gerade auch für junge Menschen zu sichern.

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