Finanzen + Vorsorge Optische Täuschung: BIP-Änderung senkt Schuldenquote der EU-Staaten

Die Schuldenuhr des Die Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler, hier ein Bild vom Juni 2012

Die Schuldenuhr des Die Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler, hier ein Bild vom Juni 2012© dpa

Der Drogenhandel und der Tabakschmuggel steigern jetzt das Bruttoinlandsprodukt - und auch Investitionen für Forschung und Entwicklung werden künftig eingerechnet. Die Politik dürfte sich freuen. Warum? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den BIP-Änderungen.

Was ändert sich bei der Berechnung des BIP?
Die statistischen Ämter in ganz Europa stellen spätestens zum 1. September 2014 die Berechnung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) auf Basis EU-weit vereinbarter Standards um. Das Statistische Bundesamt wendet die neue Methode schon jetzt an. In die BIP-Berechnung fließen nun zum Beispiel auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung ein und werden als Investitionen angesehen. Vorher galten sie als Vorleistung für andere Produkte, haben also das BIP nicht erhöht. Außerdem werden auch weitere Teile der Schattenwirtschaft einbezogen, zum Beispiel der Drogenhandel und Tabakschmuggel. Auch die Anschaffung militärischer Waffensysteme wird künftig eingerechnet.

Wie sinnvoll sind die Änderungen?
Die Einrechnung der Forschungsausgaben halten Experten für sinnvoll. „Das macht absolut Sinn, denn Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind keine Vorleistungen, sondern echte Investitionen in Unternehmen“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Auch weitere Teile der Schattenwirtschaft einzubeziehen, sei prinzipiell sinnvoll. „Die Frage ist nur, wie die Statistiker das erfassen wollen.“

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Welche Auswirkungen haben die Änderungen?
„Die Anpassung der deutschen BIP-Statistik an die europäischen Normen hat zur Folge, dass das nominale BIP etwa 3 Prozent höher ist als nach der alten Berechnung“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. Den Löwenanteil mache die Einbeziehung von Forschung und Entwicklung aus. Die Einbeziehung weiterer Teile der Schattenwirtschaft habe dagegen nur einen geringen Einfluss auf die Höhe des Bruttoinlandsproduktes.

Für Länder wie Belgien, Dänemark und Frankreich liegt das BIP durch die Umstellung nach Testrechnungen der Statistikbehörde Eurostat im Durchschnitt um zwei bis drei Prozent höher. In Finnland oder Schweden sind es sogar zwischen vier und fünf Prozent mehr.

Vor allem die Politik dürfte sich über die neue Berechnungsmethode freuen. Denn die Änderungen haben auch Auswirkungen auf die Schuldenquote der Staaten. Für die deutsche Schuldenstandsquote bedeute das für das vergangene Jahr einen Rückgang um etwa zwei Prozentpunkte von 78,4 auf 76,4, sagt Kater. Auch die Defizitquote dürfte in einigen europäischen Ländern um einige Zehntel niedriger sein als vorher. „Das heißt also: Ein Mini-Konjunkturprogramm durch die Statistik, weil die Defizitvorgaben nicht nach unten angepasst werden.“

Sinkt dadurch der Druck auf die Regierungen im Hinblick auf die Haushaltskonsolidierung?
„Ökonomisch nicht“, sagt Chefvolkswirt Krämer. „Denn volkswirtschaftlich ändert sich nichts, nur weil Statistiker das BIP anders erfassen. Es sieht eben nur besser aus.“

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