Finanzen + Vorsorge Plötzlich ohne Krankenversicherung: Ein Arzt hilft Unternehmern

Uwe Denker rechnete mit Flüchtlingen oder Obdachlosen. Stattdessen kamen Unternehmer ohne Krankenversicherung. Der Arzt behandelt sie kostenlos.

Uwe Denker rechnete mit Flüchtlingen oder Obdachlosen. Stattdessen kamen Unternehmer ohne Krankenversicherung. Der Arzt behandelt sie kostenlos.© privat

Als Uwe Denker seine "Praxis ohne Grenzen" eröffnete, rechnete er mit Flüchtlingen, Obdachlosen und Menschen ohne Papiere. Stattdessen kamen Unternehmer ohne Versicherung. Die Private Krankenkasse wurde für sie im Alter zur Kostenfalle.

Die Rente hat sich Otto Schönfelder anders vorgestellt. Nie war geplant, dass er mit 81 Jahren immer noch jeden Tag um sechs Uhr aufsteht und in seinem Unternehmen arbeitet. Er gestaltet Flyer und Broschüren. Gerade hat er einen Auftrag für einen Tourismusverband erledigt. Ans Telefon bekommt man ihn am besten vor acht Uhr morgens oder abends, „nach der Tagesschau“. Viel Zeit hat er eigentlich nie.

Während es andere in seinem Alter ruhig ­angehen lassen, ist der Unternehmer aus Oste­rode im Harz Tag für Tag im Büro. Nicht weil er den Absprung nicht schafft oder ihm der Job sonst fehlen würde, sondern weil er das Geld braucht. „Ich muss arbeiten, um über die Runden zu kommen“, sagt er. Eigentlich ist er längst im Ruhestand. Aber 1500 Euro pro Monat reichen kaum zum Leben. Zumal fast die Hälfte davon allein für seine Krankenversicherung draufgeht.

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700 Euro Versicherungsbeitrag

Als sich Schönfelder 1971 selbstständig gemacht hat, zog es ihn direkt in die private Krankenversicherung (PKV). „Bei uns zahlen Sie nur die Hälfte“, habe der Berater zu ihm gesagt. 500 Mark pro Monat seien es am Anfang gewesen. Doch dabei blieb es nicht lange. Bis zu zweimal im Jahr seien die Beiträge erhöht worden, im Dezember 2014 kam die bislang letzte Steigerung: Rund 700 Euro zahlt der Rentner jetzt. Während die Beiträge für Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen im Alter sinken, müssen Privatversicherte im Ruhestand oft weit höhere Summen aufbringen als während ihrer Berufstätigkeit. Die Stiftung Warentest warnt vor der „Kostenfalle für Rentner“. Dies gilt besonders für Selbstständige und Unternehmer. Sie müssen ihre Beiträge in der Regel zu 100 Prozent allein tragen.

Uwe Denker kennt viele solcher Geschichten von Unternehmern, denen die Kosten für die Krankenversicherung über den Kopf wachsen. In seine „Praxis ohne Grenzen“ kommen die, die nicht versichert sind oder sich Medikamente nicht leisten können. Der Arzt hat 30 Jahre lang eine Hausarztpraxis in Bad Segeberg in Schleswig-Holstein geleitet. Seit 2010 betreibt er die „Praxis ohne Grenzen“ ehrenamtlich. „Wir hatten ganz andere Patienten erwartet“, sagt er. Mit Flüchtlingen, Obdachlosen und Menschen ohne Papiere habe er gerechnet, als er die erste Sprechstunde am Mittwochnachmittag im Konferenzraum einer AWO angeboten habe. Stattdessen liest sich seine Patientenliste aus den letzten sechs Monaten so: Stahlbauunternehmer, selbständiger Taxifahrer, Gastronom, Webdesigner, Verleger, Bauunternehmer, Heilpraktiker, Versicherungsmakler, Architekt, Hundesitter, Elektriker, Schausteller, selbständige Maurer, Tischler und Dachdecker.

„Das geht querbeet durch den Mittelstand“, sagt der Arzt. „Mich erschreckt es, dass die Mittelschicht so abstürzt“. Einige seiner Patienten würden aus ganz Deutschland zu ihm nach Bad Segeberg kommen, wahrscheinlich auch aus Scham und damit sie in der Heimatstadt nicht erkannt werden.

„Zum Basistarif wird man kaum behandelt“

„Viele haben lieber die Miete fürs Geschäft und die Gehälter fürs Personal gezahlt, als sich selbst zu versichern“, sagt Denker. Und viele stünden jetzt ohne Krankenversicherung da oder seien in einer privaten Krankenversicherung nur notdürftig versichert. „Zum Basistarif wird man kaum behandelt“, sagt er. Einige Patienten würden sich regelmäßig lebenswichtige Medikamente bei ihm abholen, zum Beispiel Blutdrucksenker. Andere würden mit schwerwiegenden Krankheiten so lange warten, bis es fast zu spät sei.

„Wegen Husten oder Halsschmerzen kommt keiner zu uns.“ Einen Patienten mit Herzinfarkt hatte er schon genauso wie eine Schwangere kurz vor der Entbindung und einen Patienten mit fast abgestorbenem Fuß. „Das sind keine Leute, die sich die Prämie gespart haben, sondern die können wirklich nicht zahlen“. Die Behandlung bei Denker ist kostenlos, auch Medikamente gibt er den Patienten mit. Finanziert ist das Angebot durch Spenden. Dass seine Praxis von der Mittelschicht genutzt wird, findet Denker besonders dramatisch. „Nicht krankenversichert zu sein ist lebensgefährlich.“
So kommen Sie zurück in die Gesetzliche Krankenversicherung
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4 Kommentare
  • DerMakler 1. März 2015 15:45

    Viele der Probleme ,die hier immer wieder von der Presse aufgebracht werden, spiegeln sich immer nur die „böse“ PKV wieder ? Ich vermittle nun seit gut 20 Jahren Krankheitskosten Voll & Zusatz Vorsorgen und leider (be)herrschen immer noch starke Fehlinformationen Thema & die Vorsorgen …

    Unsere GKV Beiträge werden steigen bis dato 2022 auf ca. 20,8 % ( siehe Lagebericht Sozialfaktor GKV Prof. Raffelhüschen) , der Bereich Zahn wird bis dahin nur noch eine Basis sein und weder Zahn Ersatz & Orthopädie behandeln ..auch für Jüngere unter 18 ! Familienversicherte soll(en) zum Teil ihrer „Einer zahlt einen Beitrag für alle Kinder der Familie mit“ Sonderprämienform aberkannt bekommen und zumindest „pro Kopf“ Festbeiträge zahlen müssen!

    Wenn ich so etwas der breiten Öffentlichkeit erzählen würde , würden Rufe wie “ GKV Hasser“ „Vermittlerabzocker“ „Keine Ahnung“ schneller laut als es mir lieb wäre..

    Dies sind aber hochoffizielle Thesenpapiere zu denen namenhafte Kenner, Wissenschafler der Thematik KV kommen ..und zum Schweigen verurteilt wurden !

    Leider muss man aber auch sagen ,das viele PKV Interessenten & Versicherte dem Ratschlag sich einen mtl. festen Betrag für ihre zukünftigen PKV Beiträge zu sparen, Beitragsreduzierungtarife in Ihre PKV mit zu integrieren oder ab dem Rentenalter ( oder vorher ) ihre PKV nach Maßgabe § 204 VVG umstellen , einfach nicht folgen !

    Die oben geführte Disskusion werden wir in ein paar Jahren zum Thema GKV führen …

    In diesem Sinne..

    HG DerMakler

  • Joe 26. Februar 2015 20:06

    Ich sehe das etwas anders. Ich denke schon, dass die PKV eine Kostenfalle ist bzw. sein kann. Das anfangs gesparte Geld zurückzulegen ist ja schön und gut, aber man will ja auch irgendwie leben und nicht dafür sparen, dass man im Alter eventuell mal dies oder jenes an Krankheiten bekommen könnte.
    Anders gesagt, ist die PKV eine Perversion des Systems. Dass man irgendwann mal alt und gebrechlich wird ist kaum zu vermeiden und das kostet nun mal Geld. Diesem Risiko ist man sich als junger, gesunder Mensch aber nicht bewusst. Leider ist die PKV aber eine Risikoversicherung. Damit führt sie den Versicherungsgedanken eigentlich ad absurdum, denn eine Krankenversicherung sollte einen anderen Zweck erfüllen.
    Ich bin heilfroh, dass ich mich vor einigen Jahren für die GKV entschieden hatte.

    Die beste Kombination ist GKV und bei Bedarf einfach private Leistungen extra bezahlen, wenn gewünscht. Das kann man z.B. bei Krankenhausaufenthalt tun, Einzelzimmer, Chefarztbehandlung etc.. Und man kann Zusatzversicherungen abschließen. Das bedeutet man zahlt nicht ständig für den Fall, dass irgendwann mal was passieren könnte drauf, sondern direkt bei Bedarf.

    Ansonsten ist die GKV natürlich auch nicht das Gelbe vom Ei. Die Beiträge steigen auch hier dauernd, außerdem werden Selbständige massiv benachteiligt durch fiktive Einkommensgrenzen.

  • Name Worobjew 26. Februar 2015 17:45

    Guten Tag,
    ich bin selbständiger Versicherungsvermittler, selbst privat krankenversichert und selbst unzufrieden mit dem eigenen Beitrag und selbst bald Rentner. Man kann also sagen, dass ich das Problem aus beiden Perspektiven kenne: als Versicherter und als „gieriger“ Versicherungsvertreter. Ich bin ein überzeugter Verfechter der privaten Krankenversicherung. Das Problem liegt, meiner Meinung nach, darin, dass bei der Entscheidung GKV oder PKV viele denken nur an den momentanen Nutzen und für fast alle Betroffene heisst das: Beitragsersparnis jetzt! Viele wollen dabei gar nichts hören, dass Sie das Ersparte oder wenigstens Teil davon bei Seite legen sollen und der Hinweis, dass es im Alter teurer wird, der wird einfach überhört. Das ist keine „Kostenfalle“! Und wenn man schon Wort Falle benutzen will, dann ist es eine, die einfach nicht gesehen werden wollte. Dazu kommt oft noch das falsche Verhalten bei den ersten Schwierigkeiten mit der Beitragszahlung. Oft taucht man einfach unter, statt ein Gespräch mit dem Versicherer zu suchen. Die Schulden häufen sich, Probleme werden unlösbarer.
    Ein Glück, dass es solche Menschen wie Uwe Denker gibt.
    Hut ab, Herr Denker!

  • Rosenberger 26. Februar 2015 16:46

    Über welche „Unternehmer“ sprechen wir hier, die sich keine 700€ für ihre Krankenversicherung leisten können?

    1500€ monatliche Rente?
    Da ist aber einiges schief gelaufen und… sicher, Schuld sind immer die Anderen… .
    Wahrscheinlich kommt die Rente auch vom Storch… .

    Wie haben diese Leute denn während ihrer aktiven Zeit im Job gewirtschaftet?
    Entweder zu gut „gelebt“ oder es wurde ganz offensichtlich versäumt, den Laden rechtzeitig dicht zu machen.

    Unverständlich, dass so etwas noch immer in den Medien landet.

    @ Frau Wehmeier: Gibt es sonst nichts zu berichten?

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