Finanzen + Vorsorge Strafe oder Zinsen? Mittelständler suchen Wege aus Null-Zins-Szenario

Das Dauertief an der Zinsfront nagt an den Ersparnissen.

Das Dauertief an der Zinsfront nagt an den Ersparnissen.© EZB

Seit die ersten Banken im November Gebühren auf Guthaben ankündigten, geht es kleineren Firmen nicht viel besser als Privatanlegern. Sie suchen unter Hochdruck nach neuen Anlageformen. Dabei haben Mittelständler noch mehr Spielräume als der normale Kleinanleger.

Es ist das Szenario, vor dem sich viele Privatanleger befürchten: „Zwei Banken haben uns bereits eine Null-Prozent-Verzinsung angekündigt“, sagt Markus Ruf, Finanzchef des schwäbischen Dienstleisters Bertrandt, der Entwicklungsarbeiten für Autohersteller anbietet. Nervös wird Ruf deshalb noch nicht. „Bislang gibt es die Aussage, dass uns Strafzinsen nicht treffen.“

Seit erste Banken angekündigt haben, die Strafzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) für kurzfristige Anlagen an ihre Anleger weiterzugeben, sind nicht nur Privatanleger verunsichert. Auch mittelständische Firmen stehen vor der Frage. Was heißt das für ihr Geld? Nach der Finanzkrise haben viele von ihnen aus Sorge vor Liquiditätsengpässen dicke Geldpolster aufgebaut. Josef Trischler, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft beim Maschinenbauverband VDMA spricht von einem „allgemeinen Unbehagen“, auch wenn es konkrete Reaktionen noch nicht gebe.

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Beim Anlagenbauer Dürr macht man sich noch keine Sorgen: „Wir wurden von Banken noch nicht mit Negativzinsen konfrontiert“, sagt ein Sprecher. Auch Hermann Jung, der in der Konzerngeschäftsführung beim Anlagenbauer Voith für Finanzen und Controlling zuständig ist, sagt: „Uns gegenüber wurde das noch nicht geäußert.“

Banken beschwichtigen

„Von einer möglichen Guthabengebühr ist nur ein verschwindend geringer Anteil unserer Firmenkunden betroffen“, sagt Martin Keller, der bei der Commerzbank für die Zins- und Anlagegeschäft von Firmenkunden zuständig ist. Trotzdem muss auch sein Institut wirtschaften.

„Wenn Firmen Anlagebeträge zinslos im Kontokorrent – also auf dem Girokonto – parken, können wir damit nicht arbeiten.“ Die Commerzbank gibt das Geld dann an die EZB weiter und muss ihrerseits Strafzinsen zahlen.

Kunden werde nahe gelegt, auf dem Girokonto so wenig wie möglich liegen zu haben. So werde genau austariert, wie viel flüssiges Geld eine Firma für den normalen Zahlungsverkehr von Lieferanten benötigt. Für den Rest sucht man nach Alternativen.

Sicherheit geht vor Rendite

Doch riskante Anlagen kommen für die meisten Mittelständler nicht infrage: „Wir investieren nicht in Aktien, das ist nicht unsere Kernkompetenz“, konstatiert Bertrandt-Finanzchef Markus Ruf. Ähnlich sieht es sein Kollege Hermann Jung von Voith: „Überschüssige Liquidität wird nach dem Kriterium Sicherheit angelegt – denn Sicherheit geht vor Rendite.“ Voith und auch viele kleinere Firmen sind schon heute damit konfrontiert, für verfügbares Geld wenig Zinsen bekommen. Doch was fängt man stattdessen mit dem Geld an?

Der Anlagenbauer Dürr hat sein Geld für die Übernahme des Holz-Maschinenbauers Homag eingesetzt. Bertrandt hat im vergangenen Jahr doppelt soviel in neue Entwicklungs- und Prüfzentren gesteckt, wie im vergangenen Jahr – und es soll noch mehr werden. „Wir sind in einer Investitionsphase und brauchen liquide Mittel“, sagt Finanzchef Ruf. Investitionen ins operative Geschäft, um Geld anzulegen, kommen für ihn – wie für viele andere – nicht infrage.

Mitten in der Investitionsphase

„Unsere Kriterien für Investitionen sind unverändert“, sagt beispielsweise Frank Jehle, Finanzchef vom Autozulieferer Mann + Hummel. Jehle sucht stattdessen mit viel Fantasie nach neuen Anlagen.

„Wir prüfen sehr genau, welche Renditen wir in welchen Anlagen erhalten“, sagt er. „Wir haben den Bereich der Spezialfonds in den vergangenen Jahren stark ausgebaut.“ Ein Instrument, das etwa der individuellen Vermögensverwaltung bei Privatanlegern entspricht. „Da erreichen wir eine Rendite von vier bis fünf Prozent“, sagt Jehle.

Die Commerzbank etwa richtet solche Fonds erst ab einer Investitionssumme von 30 bis 50 Millionen Euro ein.

Banken mit guter Bonitätsstruktur

Auch Mann + Hummel wurden bislang keine Strafzinsen angedroht, im Gegenteil, sagt Jehle selbstbewusst: „Es gibt genug Banken mit einer guten Bonitätsstruktur, die sogar minimal positive Zinsen zahlen“, sagt er. Die Banken subventionierten bestimmte Anlagen, um wichtige Kunden zu halten. Wie lange das beide Seiten noch durchhalten, ist unklar. Martin Keller von der Commerzbank beteuert: „Bis heute ist kein einziger Kunde der Mittelstandsbank mit einer Guthabengebühr belastet worden.“

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