Finanzen + Vorsorge Telematik-Tarife: Sage mir, wie Du fährst, und ich sage Dir, was Du zahlst

Fuß vom Gas: Telematik-Tarife sollen  bei der Autoversicherung das spezifische Schadensrisiko des Kunden berücksichtigen.

Fuß vom Gas: Telematik-Tarife sollen bei der Autoversicherung das spezifische Schadensrisiko des Kunden berücksichtigen.© rukawajung / Fotolia.com

Die neuen Telematik-Tarife der Autoversicherer sollen umsichtige Fahrer durch Preisnachlässe belohnen. Lohnt sich der Umstieg aufs überwachte Autofahren für die Versicherten?

Viele Autofahrer in Deutschland können ihren Fahrstil bald freiwillig von ihrer Versicherung überwachen lassen. Allianz, Huk-Coburg und andere Autoversicherer arbeiten an der Einführung sogenannter Telematik-Tarife, bei denen das Verhalten des Fahrers technisch erfasst und in die Prämienberechnung einbezogen wird.

In einigen anderen Ländern sind diese Tarife unter dem Namen „Pay as you drive“ (Zahle wie Du fährst) schon etabliert – in Deutschland stehen sie nach ersten kleineren Versuchen mit Überwachungsboxen im Auto jetzt vor dem Durchbruch. Wenn die beiden Riesen Huk-Coburg und Allianz mit ihren zusammen 18 Millionen Autoversicherungskunden damit starten, werden auch die anderen nach Einschätzung von Experten bald folgen.

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Künftig könnte sogar das Smartphone wichtige Daten wie Bremswege und Beschleunigung erfassen und an den Versicherer übermitteln. Im Visier für die neuen Tarife haben die Versicherer besonders Fahranfänger: Denn sie sind im Gegensatz zu langjährigen Autofahrern für die Unternehmen ein unbeschriebenes Blatt und somit ein hohes Risiko. „Mit dem Telematik-Tarif leisten wir einen Beitrag zur Verkehrssicherheit, gerade für junge Autofahrer“, sagt Allianz-Vorstand Alexander Vollert.

Günstigere Tarife durch überwachtes Fahren

Im hart umkämpften Markt für Kfz-Versicherungen versprechen sich die Anbieter aber auch Wettbewerbsvorteile, weil sie den überwachten Fahrern günstigere Tarife anbieten können. Aus Sicht der Versicherer seien möglichst passgenaue Tarife, die das spezifische Schadensrisiko des Kunden abbilden, die ideale Welt, sagt der Versicherungsexperte der Unternehmensberatung Accenture, Werner Rapberger. „Was sie aber sicher nicht wollen, ist die Prämien insgesamt zu senken.“

Bei vielen Autofahrern scheinen die Versicherer mit der Telematik offene Türen einzurennen. 43 Prozent der Deutschen würden sich eine Überwachungsbox in ihr Auto einbauen lassen, ergab eine Umfrage der Verbraucherkreditbank CreditPlus vor wenigen Wochen. Die Befürworter lockt vor allem die Aussicht auf niedrigere Versicherungsprämien.

„Fahrer des Monats“ spart sich 155,43 Euro Prämie

Als einer der ersten Anbieter hat die Sparkassen-Direkt-Versicherung Telematik-Boxen in die Wagen ihrer Kunden einbauen lassen: Die ersten 1000 Boxen waren trotz des Aufwands mit Werkstatttermin schnell vergriffen, inzwischen gibt es eine Warteliste. Dafür winken den Kunden Ersparnisse: „Uns als Versicherer interessiert natürlich, wie Sie fahren“, wirbt die Versicherung. „Erreichen Sie einen guten Jahres-Gesamtpunktewert (Score), erhalten Sie daher als Belohnung einen Rabatt von fünf Prozent auf Ihre nächste Jahres-Beitragsrechnung.“

Jeden Monat wird der „Fahrer des Monats“ im Internet gekürt: Im Juni gewann Herr Schwager aus Sachsen-Anhalt mit einem Score von 100 den Pokal und spart sich damit 155,43 Euro Versicherungsprämie.

„Vitality“-Tarif soll gesundheitsbewusstes Verhalten fördern

Einen ähnlichen Weg planen auch Versicherer auch in der Kranken-, Lebens-, oder Berufsunfähigkeitsversicherung: Die Generali-Versicherung beispielsweise will im kommenden Jahr ihren Tarif „Vitality“ auf den Markt bringen, der gesundheitsbewusstes Verhalten fördern soll. Gesunde Ernährung, Bewegung, Vorsorgeuntersuchungen oder der Verzicht auf das Rauchen sollen mit Boni oder Vergünstigungen belohnt werden.

Politiker, Verbraucher- und Datenschützer betrachten die Entwicklung mit Argwohn. „Weil Menschen die Freiheit behalten müssen, über ihr Verhalten selbst zu entscheiden, müssen sie über die Verwendung ihrer Daten autonom entscheiden“, schrieb Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) im „Handelsblatt“. Es müsse immer einen „Aus-Knopf“ geben. Und die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff mahnt die Bürger, in der Krankenversicherung nicht „unbedacht mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten umzugehen“. Sie sollten kurzfristige finanzielle Vorteile gegen langfristige Gefahren abwägen.

Schon ohne Dauerüberwachung kann die Preisgabe von Gesundheits- und Verhaltensdaten Versicherungskunden auf die Füße fallen. Wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen will und von einem Anbieter wegen gesundheitlicher Probleme eine Absage erhält, hat danach möglicherweise auch bei weiteren Versicherern schlechtere Karten. Denn die Ablehnung des Antrags wird in einer gemeinsamen Datenbank der Branche festgehalten.

Überwachung lohnt sich nicht

Dabei stellt sich die Frage, wie viel Geld die Kunden durch den Daten-Striptease überhaupt sparen. Das gemeinnützige Verbraucherportal „Finanztip“ hat die Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung untersucht – mit ernüchterndem Ergebnis. Die Versicherer versprächen 20 bis 40 Prozent Ersparnis, doch schon durch einen normalen Versichererwechsel könnten Kunden der untersuchten Anbieter ihre Beiträge um 25 Prozent senken.

Die Überwachung lohne sich daher meist gar nicht, schlussfolgert Finanztip-Versicherungsexperte Saidi Sulilatu. Sollten sich die Telematik-Tarife in der Breite durchsetzen, dürften klassische Tarife jedoch teurer werden, fürchtet er. Der Versicherer könne dann vermuten, dass überwachungsresistente Fahrer riskanter fahren.

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