Lebensversicherungen Der Garantiezins steht vor dem Aus

Senioren auf einer Bank: Bei Lebensversicherungen ohne Garantiezins ist die Rendite schwer vorhersagbar.

Senioren auf einer Bank: Bei Lebensversicherungen ohne Garantiezins ist die Rendite schwer vorhersagbar. © eyetronic / Fotolia.com

Jahrelang galt der Garantiezins als Verkaufsargument für Lebensversicherungen. Doch jetzt scheint sein Ende absehbar. Was bedeutet das für Sparer, die fürs Alter vorsorgen wollen?

Die klassische Kapitallebensversicherung mit Garantiezins steht vor dem Aus: Künftig soll der bisher für alle Lebensversicherer verbindliche Zins nur noch für einige kleine Assekuranzen gelten. Größeren Unternehmen will das Bundesfinanzministerium den Zins, mit dem Kunden sicher rechnen können, laut Referentenentwurf nicht mehr vorgeben. Dies gilt nur für Neuverträge.

Was ist der Garantiezins?

Mit dem Garantiezins können Besitzer von Kapitallebensversicherungen nach Abzug der Vertragskosten sicher rechnen. Ein Großteil der mehr als 90 Millionen Verträge des Altersvorsorgeklassikers basiert auf diesem Modell.

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Die Höhe des Garantiezinses wird bisher vom Bundesfinanzministerium auf Empfehlungen von Versicherungsmathematikern und der Finanzaufsicht Bafin festgelegt. Änderungen gelten jeweils nur für Neuverträge. Assekuranzen dürfen den Kunden weniger bieten, aber nicht mehr. Sie sollen so ihre langfristigen Versprechen auch in der Zukunft erfüllen können.

Die garantierte Rendite – auch Höchstrechnungszins genannt – ist angesichts der Niedrigzinsen am Kapitalmarkt von einst 4,00 Prozent auf mittlerweile 1,25 Prozent gesunken. Daneben gibt es weitere Renditekomponenten, beispielsweise die Überschussbeteiligung, über die die Unternehmen jedes Jahr neu entscheiden.

Warum will die Bundesregierung den Garantiezins nicht mehr vorgeben?

Das Bundesfinanzministerium verweist auf die schärferen Eigenkapitalvorschriften „Solvency II“ ab Anfang 2016, mit denen die Versicherungsbranche krisenfester gemacht werden soll. Danach müssen Versicherer für langfristige Versprechen an Kunden wie den Garantiezins mehr Eigenmittel zurücklegen.

Der bisherige Höchstrechnungszins werde für Zwecke der Aufsicht nicht mehr benötigt, heißt es im Finanzministerium. Versicherer könnten aber weiterhin Garantieversprechen abgeben.

Lohnt sich die Lebensversicherung für die Altersvorsorge noch?

Ohne einen Garantiezins macht die Lebensversicherung als Altersvorsorge aus Sicht des Bundes der Versicherten keinen Sinn mehr. „Der Garantiezins war der Hauptgrund dafür, dass es immer noch rund 90 Millionen Verträge in Deutschland gibt“, sagt Sprecherin Bianca Boss. Als Schutz vor finanziellen Risiken durch den Todesfall reiche eine Risiko-Lebensversicherung völlig aus. Sie ist deutlich günstiger als eine kapitalbildende Lebensversicherung, da sie nur den Todesfall absichert und die eingezahlten Beiträge nicht erstattet werden.

Die Versicherer argumentieren hingegen, dass neue Lebensversicherungen mit einer flexiblen Verzinsung sogar mehr Gewinn abwerfen können als die klassischen Verträge, weil die Versicherer bei der Anlage der Kundengelder mehr Spielraum haben.

Marktführer Allianz verkaufte seit der Einführung vor zwei Jahren mehr als 130.000 Verträge der neuen Versicherung ohne Garantiezins. Die klassische Versicherung empfiehlt die Allianz ihren Kunden inzwischen nicht mehr, bietet sie aber auf Wunsch weiterhin an.

Sollte man alte Lebensversicherungen nun besser kündigen?

Der Bund der Versicherten warnt vor Hysterie: Denn bestehende Versicherungsverträge, in denen ein Garantiezins zugesagt wird, sind von der geplanten Neuerung nicht betroffen.

Wer noch eine Lebensversicherung aus alten Zeiten in der Schublade hat, kann sich sogar freuen: Mitte der 90er-Jahre sicherten die Versicherer den Kunden noch eine Verzinsung von vier Prozent zu – über die gesamte Versicherungsdauer.

Wie reagiert die Branche?

Zwar ist die klassische Lebensversicherung mit einem lebenslangen Garantiezins bereits zunehmend ein Auslaufmodell. Dennoch will die Branche keinen endgültigen Schlussstrich ziehen. Der Branchenverband GDV fordert, dass der Höchstrechnungszins weiterhin für alle Lebensversicherer gelten soll.

Auch die Versicherungsmathematiker der einflussreichen Deutschen Aktuarvereinigung machen sich für eine Beibehaltung der Vorgabe bei klassischen Lebensversicherungsprodukten stark – allerdings mit Anpassungen.

Wie steht die Branche da?

Für die Lebensversicherer sind die hohen Zinsversprechen in Altverträgen von bis von 4 Prozent angesichts der anhaltenden Niedrigzinsen ein Problem. Sie können die Zinsen an den Kapitalmärkten kaum erwirtschaften.

Immer mehr Versicherungen kündigten zuletzt eine Abkehr von Lebensversicherungspolicen mit Garantiezins an – nach Generali und Talanx folgte im September auch der Branchenriese Ergo.

Wie geht es weiter?

„Die Unternehmen müssen sehen, welchen Zins sie anbieten können und wollen“, sagt Reiner Will von der Ratingagentur Assekurata. Den meisten Kunden seien Garantiezusagen wichtig. Die Versicherer werden diese nach seiner Einschätzung künftig allerdings sehr unterschiedlich ausgestalten. „Das erhöht die Vielfalt, macht die Vergleichbarkeit aber schwieriger. Für Kunden wird die Welt komplexer.“

Der Bund der Versicherten fürchtet, „dass im Neugeschäft zukünftig nur die neuartigen und besonders intransparenten Tarife angeboten werden“.

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