Finanzen + Vorsorge Wachstum über alles? Kritik an Wohlstandsmessung wächst

In München soll wie in Berlin, Kiel und Bonn ein verpackungsfreier Supermarkt eröffnen.

In München soll wie in Berlin, Kiel und Bonn ein verpackungsfreier Supermarkt eröffnen.© Eisenhans - Fotolia.com

Was ist Wohlstand: ein hohes Einkommen? Führen uns hohe Zinssätze oder nachhaltiges Wirtschaften dorthin? Die Kritik an herkömmlicher Wohlstandsmessung wächst, doch über Alternativen ist man sich noch nicht einig.

Schon vor gut 30 entschied der König des südasiatischen Kleinstaates Bhutan sich für das „Bruttonationalglück“ zum Maß für den Wohlstand seines Volkes. Statt auf reinen ökonomischen Faktoren – wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – basiert die Maßzahl auf buddhistischen Prinzipien und Werten, die Nachhaltigkeit und die eigene nationale Identität beinhalten. Ein Vorbild auch für westliche Länder?

Seit Jahren wächst die Kritik an dem rein auf wirtschaftlichem Wachstum basierenden Denken. Spätestens seit der Club of Rome 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ anmahnte, fand die Diskussion eine breite Aufmerksamkeit. Inzwischen nehmen Initiativen auch auf politischer Ebene zu. Die EU-Kommission empfahl Anfang des Jahres Werte wie Bildungsabschlüsse, Gesundheit oder Artenvielfalt, die das BIP ergänzen sollen.

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Eine Expertenkommission unter dem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz formulierte im Auftrag der französischen Regierung 2009 Alternativen zum BIP. Der deutsche Sachverständigenrat entwarf 2010 Indikatoren, die neben Wirtschaftsleistung auch Lebensqualität und Nachhaltigkeit berücksichtigen.

Gesucht: Auswege aus der Wachstumslogik

„Die Menschen in den Industrieländern realisieren, dass sie in einem unglaublichen Tempo leben“, erklärt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. „Es wächst das Unbehagen gegenüber der Vorherrschaft des Ökonomischen in allen Lebensbereichen. Die Sehnsucht nach Alternativen ist groß.“ Ein Großteil der Menschen sehe aber keinen Ausweg aus der Wachstumslogik, weil auch die Sozialsysteme an Wachstum gekoppelt sind. Ein Dilemma, so Unmüßig: „Wirtschaftswachstum gilt nach wie wir als die Antwort auf ökonomische und soziale Krisen, auch wenn sich dann die ökologische Krise verschärfen wird.“

Doch was ist dann der richtige Ansatz, um eine Gesellschaft zu Wohlstand zu bringen? Eine Enquete-Kommission, die sich im Auftrag der Bundesregierung dieser Frage widmete, schlug 2013 Indikatoren vor, die neben materiellem Wohlstand, Soziales, Teilhabe und Ökologie abbilden. Auch Internationale Organisationen wie OECD und WWF haben eigene Indizes entworfen.

„Das Problem ist, dass wir von der Vielfalt an Messmöglichkeiten überflutet werden“, sagt Prof. Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Es gibt nicht den einen richtigen Indikatoren-Satz.“

Degrowth statt Wachstum

„Die Abbildung von Sorgearbeit und Umweltverbrauch ist nett und hilfreich“, sagt Unmüßig. „Wenn das nicht in politischem Handeln mündet, hilft das überhaupt nichts.“ Die Empfehlungen der Enquete-Kommission Wachstum seien politisch folgenlos geblieben. Die Internetseite der W3-Indikatoren befindet sich immer noch im Aufbau.

„Es bleibt nichts anderes übrig, als dass die globale Mittelklasse und globale Eliten etwas abgeben“, sagt Unmüßig. Einer ähnlichen Argumentation folgte die Debatte auf der „Degrowth“-Konferenz Anfang September in Leipzig, deren Thema Kritik an der Wachstumsgläubigkeit der Wirtschaft auf Kosten des ökologischen Gleichgewichts ist. Es gehe aber nicht so sehr um das Sinken des BIP als um den Verbrauch von Natur und ökologischen Ressourcen und eine gleichberechtigte Teilhabe, sagt der Sprecher und Mitinitiator der Konferenz, Christopher Laumanns.

Wachstum und seine Nebenwirkungen

Maik Heinemann, Professor für Wachstum, Integration und nachhaltige Entwicklung an der Universität Potsdam, sieht die „Degrowth-Debatte“ kritisch, räumt aber ein: „Es gibt Begleiterscheinungen des Wachstums, die wohlstandsschädlich sein können.“ Und: Wohlstand könne prinzipiell auch bei konstanten Einkommen wachsen.

Wirtschaftswissenschaftler Grömling will sich von der Idee des Wachstums nicht komplett verabschieden. „Technologischer Fortschritt ist die Triebfeder für Wachstum“, warnt er. Auch das Bruttoinlandsprodukt behalte seine Berechtigung, sind sich Heinemann und Grömling einig: „Es gibt wenige Indikatoren, die international so vergleichbar sind wie das BIP“, sagt Heinemann. „Das BIP ist ein toller Indikator, um die materielle Entwicklung einer Gesellschaft abzubilden“, sagt Grömling. Aber: „Es erfüllt nicht den Zweck eines alleinigen Wohlstandsmaßes.“

Neue Berechnung des Bruttoinlandsprodukts

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der dominierende Gradmesser für die Leistung einer Volkswirtschaft. Es gibt den Wert der Güter – also Waren und Dienstleistungen an, die innerhalb eines bestimmten Zeitraumes in einem Land produziert wurden. Dazu gehören alle Wirtschaftsbereiche, der private Konsum, Investitionen, Export und Import sowie die Ausgaben des Staates. Berechnet wird das BIP in Deutschland vom Statistischen Bundesamt.

Zum 1. September haben die statistischen Ämter in ganz Europa ihre Berechnung ausgeweitet. So werden Forschung und Entwicklung künftig eingerechnet. Auch die Schattenwirtschaft wird nach gleichen Kriterien miteinfließen – also etwa Drogenhandel, Zigarettenschmuggel und Prostitution. Auch die Anschaffung militärischer Waffensysteme wird künftig als Investition und nicht mehr als Ausgabe eingerechnet.

Mit der neuen Methode steigt die absolute BIP-Höhe – und zwar nach Schätzung von Eurostat EU-weit um zwei Prozent auf EU-Ebene. Die Zuwachsraten etwa im Quartalsvergleich ändern sich nicht, weil die Statistiker alle Daten bis in die 60er Jahre zurück überarbeiten und an die neuen Kriterien angleichen.

1 Kommentar
  • Dr. Böhm 7. Oktober 2014 07:38

    Es wäre doch so einfach! 1. Bei ausreichendem Wohlstand und das bedeutet für mich genügend Nahrung, Kleidung und eine trockene Unterkunft mit angenehmer Temperatur braucht man kein Wachstum.
    2. Die individuellen Bedürfnisse sind verschieden, vielleicht gibt es Menschen, die sich im Iglu bei 4°C wohlfühlen, andere brauchen 30 Zimmer und einen Fernseher in jedem davon.
    3. Wenn wir noch eine soziale Marktwirtschaft hätten, wäre dies alles kein Problem, bei moderater Steuer- und Sozialversicherungsbelastung könnte sich jeder auf seinem Niveau frei entfalten, im Notfall würde die Gemeinschaft einspringen.
    Voraussetzung für diesen Traum wären verantwortungsvolle Politiker, die von der Marktwirtschaft überzeugt sind. Was wir jetzt haben, ist nicht die soziale Marktwirtschaft, sondern die asoziale Planwirtschaft. Faules Gesindel wird subventioniert durch „Hartz IV“ Leistungen welche Arbeit entbehrlich machen, fleißige und erfolgreiche Menschen werden mit übertriebenen Abgaben und einem Wust von Regelungen belastet, so daß eine „Work-Life-Balance sehr schwierig wird. Die von diesen Personen erwirtschafteten Mittel werden von verantwortungslosen Politikern an allen Ecken und Enden verschwendet. Aktuelles Beispiel: Auch unsere deutschen Politiker brechen einen sinnlosen Streit mit Russland vom Zaum, verschwenden den Wehretat in Afganistan und diversen afrikanischen Ländern haben aber zur Landesverteidigung oder zur vertraglich zugesagten Hilfe an Nato Staaten nicht mehr die erforderlichen Mittel.

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