• Wie Männer und Frauen mit neuen Unisex-Tarifen sparen

    Ab Ende 2012 dürfen Versicherungen Männern und Frauen keine unterschiedlichen Preise mehr berechnen. Welche Vorteile beide Geschlechter daraus ziehen können und wie.

    Die Versicherungstarife der Zukunft stammen aus bayerischen Klöstern. In ihrer Abgeschiedenheit erforscht Marc Luy vom Vienna Institute of Demography seit 15 Jahren die Lebenserwartung von Männern und Frauen, und er machte eine bedeutsame Entdeckung: Hinter den Klostermauern, also abseits von Alkohol, Drogen, Partys und Arbeitsstress, leben die Ordensbrüder fast genauso lang wie ihre Schwestern. Draußen hingegen sterben Männer im Schnitt sechs bis sieben Jahre früher als Frauen. Der Schluss daraus: Frauen werden nicht einfach älter, weil die Natur es gut mit ihnen meint. Sondern, weil sie mehr auf ihre Gesundheit achten und anders arbeiten als Männer. Kurz: Bei gleichem Lebenswandel leben Männer ähnlich lang wie Frauen.

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    Die Ergebnisse der Klosterstudie waren für den Europäischen Gerichtshof Grund genug, nach Geschlecht getrennte Versicherungstarife für diskriminierend zu erklären. Im Frühjahr 2011 urteilten die EU-Richter: Versicherer dürfen nur noch Verträge mit sogenannten Unisex-Tarifen verkaufen. Spätestens ab 21. Dezember 2012 gehören die derzeit üblichen Bisex-Tarife der Vergangenheit an. Konsequenz: Frauen müssen demnächst draufzahlen, wo Männer ein höheres Schadenrisiko tragen, zum Beispiel bei Kfz- und Risikolebensversicherungen. Wo dagegen die Frauen heute höhere Beiträge zahlen, wird es künftig für die Männer teurer. Das gilt unter anderem für Krankenversicherungen, vor allem aber für die Altersvorsorge.

    Auf und Nieder
    Die EU-Richter haben entschieden, dass Versicherer beim Preis nicht mehr nach Geschlechtern unterscheiden dürfen. Wie sich das Unisex-Prinzip auswirkt:
    Rente Weil Männer im Durchschnitt früher sterben als Frauen, bekamen sie bislang bei gleicher Sparrate mehr Geld aus der Rentenversicherung. Das ändert sich nun: Versicherer rechnen, dass Männer künftig, je nach Todesfallleistung, zwei bis sieben Prozent weniger Rente ausgezahlt bekommen. Ausnahme: die Riester-Rente. Da gelten schon heute Unisex-Tarife.
    Risikoleben Hier zahlen Frauen drauf: 20 Prozent höhere Kosten und mehr sind zu erwarten.
    Berufsunfähigkeit Männer mit Akademiker- und Büroberufen sollten schnell eine solche Versicherung abschließen, denn Unisex-Tarife können durchaus zehn Prozent teurer werden.
    Kfz- und Unfallpolice Sie werden für Frauen teurer, weil Männer in mehr Unfälle verwickelt sind.
    Krankenversicherung Bei der privaten Krankenversicherung wird’s kompliziert: Zunächst profitieren Frauen, weil sie in jungen Jahren höhere Kosten verursachen. Allerdings haben Altkundinnen ein Wechselrecht, könnten also in die Unisex-Tarife schlüpfen, die so wieder teurer werden. Klar ist nur: Männer zahlen immer drauf.

    Dort dürfte der Unterschied besonders drastisch ausfallen: “Die Rentenversicherung wird für Männer deutlich unattraktiver”, sagt Michael Steinmetz, Geschäftsführer der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), des Berufsverbands der Versicherungsmathematiker. Wie viel teurer die lebenslange Rente für Männer ganz genau wird, weiß bisher niemand, die Branche rechnet noch. Ein Tarifbeispiel der DAV gibt aber erste Hinweise: So könnten Männer im Rentenalter derzeit 100.000 Euro in eine lebenslange monatliche Sofortrente von rund 703 Euro umwandeln, Frauen bekämen wegen ihrer höheren Lebenserwartung dagegen nur etwa 616 Euro raus. Wirft man die Geschlechter nun in einen Tariftopf, würden beide theoretisch dasselbe bekommen, könnten also 659,50 Euro Rente im Monat erwarten.

    Für Frauen ist das attraktiv, für Männer, die ja weiterhin im Schnitt früher sterben, ein schlechtes Geschäft. Zumal die Halbe-halbe-Rechnung ohnehin nur Theorie ist: “Wir gehen davon aus, dass künftig deutlich weniger Männer eine Rentenversicherung abschließen”, sagt Steinmetz. Das wiederum heißt, dass die Mathematiker mit einem höheren Frauenanteil rechnen müssen, sodass die Unisex-Rente für Männer noch unattraktiver wird. Ein Teufelskreis: “Je niedriger man den Männeranteil ansetzt, umso höher wird der Preis.” Männer, die eine private Rentenversicherung oder eine Rürup-Police abschließen wollen, sollten handeln, bevor das Unisex-Urteil greift. Frauen können auf die neuen Tarife warten. Ähnliches gilt für viele Betriebsrentenverträge, die letztlich auch Rentenversicherungen sind. Das Urteil gilt zwar formell nur für privatrechtliche, nicht für solche berufsbedingten Versicherungen. “Arbeitgeber, die auf Nummer sicher gehen wollen, sollten aber bei Neuzusagen auch in der betrieblichen Altersversorgung ab Ende Dezember nur noch Unisex-Tarife abschließen”, rät Michael Keegan, Firmenanwalt des Kölner Versicherers HDI-Gerling. Sollte in späteren Verfahren ein Gericht die alten Verträge kassieren, haften Chefs womöglich.

    Für Frauen kann es sich lohnen zu warten

    Auch Versicherungen gegen Berufsunfähigkeit (BU) werden für Männer teurer. “Vor allem bei Akademikerberufen”, sagt Christian Schröder, Leiter Produktmanagement Leben beim Dortmunder Volkswohl Bund. Ein Grund: Dort treten gehäuft psychische Erkrankungen auf, die überwiegend Frauen treffen und für die Männer künftig mitzahlen müssen. Der Volkswohl Bund war der erste Anbieter, der eine Unisex-Rentenpolice auflegte – die derzeit, was kaum überrascht, fast nur Frauen abschließen. Bei der BU hat selbst der Volkswohl Bund noch keine neuen Verträge im Angebot.

    Für Frauen kann es sich also lohnen zu warten. Derlei Taktieren ist allerdings bei der BU, anders als bei reinen Sparprodukten, riskant. So wirbt die Versicherungsrechtlerin Bianca Hövelmann von der Gothaer für zügige Abschlüsse: “Die Risikoabsicherung sollte niemand nur wegen der Unisex-Tarife verschieben. Die Gefahr, zwischenzeitlich krank zu werden oder einen Unfall zu haben, ist viel zu groß.” Die Gothaer bietet allen, die jetzt unterschreiben, einen späteren Wechsel an. Zeigt sich in einem halben Jahr, dass der Unisex-Tarif günstiger wäre, stellt der Versicherer den Vertrag rückwirkend auf die besseren Konditionen um. Auch die Lebensversicherer des Talanx-Konzerns, HDI-Gerling, Targo, PB Versicherungen und Neue Leben, bieten eine Umtauschoption, weitere Versicherer arbeiten daran.

    Einen anderen Weg geht bisher nur die Allianz: Der Marktführer kalkuliert seit Mitte Mai mit sogenannten Übergangstarifen: Das Geschlecht, das von Unisex-Tarifen profitieren würde, kommt bei allen Produkten zur Vorsorge und zum Risikoschutz bereits in den Genuss besserer Konditionen – für das andere Geschlecht bleibt alles beim Alten. Die Übergangsverträge sollen sich also für beide Seiten rechnen, bis sich das Fenster dann zum Jahresende schließt. Denn dann muss auch die Allianz endgültig auf Unisex-Tarife umstellen.

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