Finanzen + Vorsorge Wie Mittelständler flüssig bleiben

Wer brachliegende Vermögenswerte wie Immobilien, Maschinen oder offene Forderungen über Factoring oder Leasing zu Geld macht, wappnet sich für einen Einbruch der Konjunktur.

Er hat es schon einmal getan: 2009 hatte sich bei MBM aus St. Egidien am Fuß des Erzgebirges ein siebenstelliger Verlust angesammelt. In wenigen Monaten war der Umsatz der Dreherei, die Unternehmen wie Bosch Rexroth, Stihl und Recaro mit Stahlteilen versorgt, um 67 Prozent eingebrochen. Die Banken wollten nicht helfen, also wandte sich Chef Heinrich Braukmann an den Hamburger Spezialfinanzier Maturus. Der kaufte MBM 25 Dreh- und Schleifmaschinen ab – und überlässt sie den Sachsen seitdem gegen eine monatliche Gebühr. Sale-and-Leaseback heißt diese Konstruktion im Fachjargon. Braukmann freut sich: „So konnten wir den Verlust fast komplett ausgleichen.“

Braukmann würde es wieder tun, auch wenn es 2010 und 2011 wieder besser lief für MBM. Er will sich absichern für den Fall, dass die Wirtschaft 2012 erneut einbricht. „Wir haben noch Maschinen, die dafür infrage kommen“, sagt er. Für viele Mittelständler werde es kaum eine andere Möglichkeit geben, um schlechte Zeiten zu überstehen: „In der letzten Krise haben sie ihre Reserven aufgebraucht. Die müssen jetzt an ihre Aktiva ran.“

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Dadurch wandelt sich die Rolle von Leasinggebern deutlich. Sie werden von Wachstumsbegleitern zu Krisenhelfern, die brachliegende Vermögenswerte aktivieren: Maschinen, Grundstücke, Gebäude, Vorräte und Forderungen. „Unternehmen wenden sich zunehmend an uns, um Liquidität zu schöpfen“, sagt Joachim Secker, Chef des Branchenprimus GE Capital. Sie wollen ihre Kriegskassen füllen, bevor die Konjunktur sich noch weiter abkühlt.

Im Aufschwung nutzten Firmen das Leasing, um ohne Bilanzverlängerung investieren zu können: 2011 wuchs das Geschäft um fast zwölf Prozent. Auch das Factoring, also der Verkauf von Forderungen, legte zu. Unternehmer treten dabei offene Rechnungen an einen Dienstleister ab. Von dem erhalten sie sofort bis zu 90 Prozent ihres Geldes. Der Dienstleister treibt die Rechnungen ein und überweist den Restbetrag abzüglich einer Gebühr.

Bisher diente auch Factoring vor allem dazu, neue Aufträge vorzufinanzieren. Doch der Deutsche Factoring-Verband registriert ein verlangsamtes Wachstum im zweiten Halbjahr 2011. GE Capital verzeichnet etwa seit Oktober ein Minus von 25 Prozent beim Leasing-neugeschäft. Dafür interessieren sich Firmen wie MBM vermehrt für Leasing und Factoring als Krisenprophylaxe: Sie wollen sich so Liquiditätspolster zulegen.

Bisher diente auch Factoring vor allem dazu, neue Aufträge vorzufinanzieren. Doch der Deutsche Factoring-Verband registriert ein verlangsamtes Wachstum im zweiten Halbjahr 2011. GE Capital verzeichnet etwa seit Oktober ein Minus von 25 Prozent beim Leasing-neugeschäft. Dafür interessieren sich Firmen wie MBM vermehrt für Leasing und Factoring als Krisenprophylaxe: Sie wollen sich so Liquiditätspolster zulegen.

Zwar wachsen die Umsätze für Factoring-Anbieter nicht mehr in den Himmel, dafür registriert Matthias Bommer, Chef von Vantargis Factoring, neues Interesse: „Wir haben über 60 Anfragen am Tag, viel mehr als sonst.“ Es gehe nicht mehr um Wachstum, sondern darum, sich wetterfest zu machen, sagt Bommer. Er erwartet, dass Banken bald wieder anfangen werden, Linien zu kürzen. Dann ist der Verkauf der Forderungen oft die einfachste Alternative, sich Bargeld fürs Tagesgeschäft zu verschaffen.

Frank Weiffenbach, Geschäftsführer des Zerspanungsspezialisten IWA-Metall in Preußisch Oldendorf, hat genau das vor zweieinhalb Jahren getan. Seine Kunden aus der Auto- und Luftfahrtindustrie zahlten ihre Rechnungen plötzlich nicht mehr nach 30, sondern erst nach 60 oder 70 Tagen. Weil gleichzeitig der Umsatz um 35 Prozent einbrach und die Bank ihn abblitzen ließ, verkaufte er seine Forderungen. Andere Aktiva kamen nicht infrage. „Meine Maschinen sind schon geleast, die kann ich dafür nicht nutzen“, sagt Weiffenbach. Wenn nötig, könnte er immerhin noch fünf weitere Großkunden ins Factoring nehmen, deren Forderungen er bislang nicht abgetreten hat.

Steigt der Umsatz, steigt auch der Finanzierungsspielraum

Finanzierungen, die direkt auf Aktivposten der Bilanz abstellen, heißen im Jargon „Asset-Based Finance“. Sie haben den Vorteil, dass Firmen aus denselben Sicherheiten mehr Liquidität gewinnen als bei der klassischen Bankfinanzierung, sagt Heinrich Spatz, Vorstand der Finanzberatung Centconsult aus Paderborn. „Beim Factoring ist dieser Effekt am größten.“ Unternehmen erhielten fast immer mehr als 80 Prozent der Forderungssumme ausgezahlt. Dienten offene Rechnungen dagegen als Pfand für ein Darlehen, setzten Banken meist gerade mal 50 Prozent ihres Wertes an. „Außerdem ist Factoring eine atmende Finanzierung“, sagt Spatz. Heißt: Steigt der Umsatz, steigt automatisch auch der Finanzierungsspielraum.

Allerdings ist das Factoring nicht völlig unabhängig von der Konjunktur: Die Anbieter schließen gegen das Risiko, dass eine Forderung platzt, Warenkreditversicherungen ab. Und die Assekuranz zieht sich bisweilen zurück, wenn ihr das wirtschaftliche Umfeld zu rau erscheint. Zuletzt erhöhten sie 2009 die Prämien und akzeptierten Forderungen an bestimmte Schuldner nur noch bis zu einer Obergrenze. Im schlimmsten Fall kündigt der Factoring-Anbieter einen Vertrag ganz. „Das haben wir erlebt“, sagt Berater Spatz. „Bei einer Linie kann das aber genauso passieren.“

Sale-and-Leaseback spült selbst in der Krise zuverlässig Geld in die Kassen. Auch hier lässt sich aus Vermögenswerten häufig mehr herausholen als bei einem Kredit. Der Grund: Spezialfinanziers wie Maturus kennen sich mit den „Assets“, die sie ankaufen, besser aus als Kreditinstitute. Geht ein Kunde pleite, kann Maturus-Chef Carl von der Goltz die Maschinen als „aussonderungsberechtigter Gläubiger“ sofort weiterverkaufen. Vor Vertragsschluss lässt er von Experten klären, was die Maschinen noch wert sind, während Banken in erster Linie die Bonität prüfen. „Was der Bank das Rating ist, ist bei uns das Gutachten“, sagt von der Goltz.

„Das haben die Unternehmen in der letzten Krise gelernt“

Im Durchschnitt erhalten seine Kunden rund 15 Prozent des Neupreises für abgeschriebene Werte – minus Risikoabschlag. Nach vier bis fünf Jahren gehören die Maschinen dann wieder der Firma. Allerdings kostet das Spezial-leasing erheblich mehr als ein Bankkredit.

Anders bei Immobilien. „Unter Umständen ist Sale-and-Leaseback hier sogar etwas günstiger als ein Darlehen“, sagt Kai Eberhard, Geschäftsführer der sparkasseneigenen Deutschen Anlagen-Leasing (DAL). Ein Spezialist wie DAL könne die Sicherheit besser bewerten. Eberhard wandelt Bürogebäude, Lager und Produktionshallen in Bargeld um, sobald deren Verkehrswert die Grenze von 2 Mio. Euro überschreitet. 15 bis 20 Jahre laufen die Mietverträge. Dann ist das Gebäude wieder im Besitz des Kunden.

Das Interesse an dieser Dienstleistung steige in Rezessionen regelmäßig an, sagt Eberhard. „Zum Ende des Jahres 2011 haben wir etliche Transaktionen abgewickelt, für Unternehmen, die zum 31. 12. noch ihre Bilanz optimieren wollten.“ Und er kann sich sehr gut vorstellen, dass die Nachfrage in den kommenden Monaten weiter anzieht. Ausreichend Liquidität sei im Notfall eben am wichtigsten, sagt Eberhard. „Das haben die Unternehmen in der letzten Krise gelernt.“

Die wichtigsten Aktivposten
Auf der Aktivseite der Firmenbilanz schlummern häufig beträchtliche Cash-Reserven. Wo sie sich verstecken und wie Unternehmen sie bei Bedarf anzapfen können:
Forderungen Per Factoring können Firmen offene Rechnungen an einen Finanzier abtreten. Sie erhalten sofort bis zu 90 Prozent der Summe. Den Rest, wenn der Schuldner bezahlt hat, minus Gebühr.
Maschinen Besitzt die Firma Maschinen oder Fahrzeuge, kann sie diese verkaufen und zurück- leasen. Solche Anlagen sind auf dem Markt oft mehr wert, als in der Bilanz steht. Beim Verkauf hebt die Firma also stille Reserven.
Vorräte Beim Finetrading übernimmt ein Dienstleister den Einkauf von Vorprodukten. Er bezahlt Lieferanten fristgerecht, das Unternehmen kann sich gegen Gebühr bis zu 120 Tage Zeit lassen.
Immobilien Das Unternehmen verkauft ein Gebäude an eine Leasingfirma und mietet es 15 bis 20 Jahre lang zurück. Am Ende gehört es wieder dem Kunden. Stille Reserven sind je nach Vertrag steuerfrei.
Goodwill Auch immaterielle Güter wie Patente, Lizenzen oder Marken lassen sich per Sale-and-Leaseback zur Liquiditätsgewinnung nutzen. Finanziers verlangen aber eine gute Bonität.

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