Diesen Abend hatte sich Karin Temme anders vorgestellt. Wochenlang hatte sie alles vorbereitet, Bilder restauriert, Kunden angeschrieben. Dann war es so weit: Vernissage auf der Düsseldorfer Antique & Kunstmesse zwecks Kundenbindung und Kundenakquise für die selbstständige Gemälderestauratorin. Alles lief bestens, viele Gäste, Sekt und Schnittchen, die Stimmung war gut – bis das Handy klingelte. Die Pastorin aus dem 200 Kilometer entfernten Preußisch Oldendorf: Der Zustand im Hause der Mutter sei nicht mehr tragbar, so gehe es auf gar keinen Fall weiter. Und jetzt? Statt Kunst, Kultur und Kunden ab sofort Kamillentee und kranke Mutter? Oder Heim? Klar war: das auf keinen Fall. Klar war auch: Es muss eine Lösung her. Schnell.
Plötzlich ist alles anders. Der moderne Lebensstil des Jeder-für-sich, des Karriere-first, des Hinziehen-wohin-der-Job-einen-Verschlägt funktioniert nur, solange alle gesund sind. Er gerät an seine Grenzen, wenn es heißt: Wohin mit Mama, Papa, Oma, Opa – womöglich weitab vom eigenen Wohnort? Wenn es heißt: Job oder Fürsorgepflicht?

Das Thema Pflege kommt auf die jungen Generationen mit einer Wucht zu, deren Ausmaß sich derzeit nur schätzen lässt. 2,25 Millionen Menschen sind bereits jetzt in Deutschland pflegebedürftig, und angesichts der steigenden Lebenserwartung werden es Jahr für Jahr mehr. Diejenigen, deren Eltern heute zu Pflegefällen werden, dürfte es später noch viel schlimmer treffen. Bis zum Jahr 2050 werden nach Prognosen von Bernhard Gräf, Demografieexperte bei der Deutschen Bank Research, mehr als vier Millionen Menschen auf Pflege angewiesen sein. Gleichzeitig fehlt der Nachwuchs, der die Alten dann betreuen kann. "Der demografische Wandel wird die Gesellschaft mit voller Wucht treffen – mit dramatischen Folgen", warnt der Ökonom. Erstaunlich: Kaum einer stellt sich darauf ein. Ein Pflegefall wird so schnell zur Falle.

Experten raten allen Generationen, sich vorzubereiten, und zwar frühzeitig. "Je eher, desto besser", sagt Silke Lachenmaier, Pflegefachfrau der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. "Weil sich die Dinge dann noch gestalten lassen." Ob Mama zu Hause alt werden darf, ob dafür eventuell berufliche oder bauliche Veränderungen vorgenommen werden müssen; ob die Entscheidung zugunsten einer Seniorenresidenz oder einer Alten-WG fällt. Ist der Pflegefall erst eingetreten, ist mancher Weg versperrt.
Auch mit der Finanzplanung sollte rechtzeitig begonnen werden. Trotz Pflichtversicherung geht für die Pflege schnell ein kleines Vermögen drauf. Reichen Rente und Erspartes nicht aus, droht die Altersarmut. Oder die Kinder und Enkel werden zur Kasse gebeten. Ein Albtraum – sowohl für die Alten als auch für die Jungen.
Karriere oder Mama?
Wer Kinder hat, ist im Vorteil. Darauf vertrauen, dass die es schon richten werden, sollten Eltern allerdings nicht. Denn je höher das Bildungsniveau, desto größer das Bedürfnis, sich auch beruflich zu verwirklichen – selbst wenn die Beziehung zu den Eltern bestens ist. Beispiel: Karin Temme. Sie ist Mitte 50, und sie liebt ihren Beruf. Außerdem sichert er ihre Existenz und bringt ihr finanzielle Unabhängigkeit. "Vollzeitpflege könnte ich nicht leisten", sagt sie. Selbst ein Umzug sei nicht drin – "als selbstständige Gemälderestauratorin bin ich in der Kunststadt Düsseldorf etabliert und hätte auf dem Dorf keine berufliche Zukunft".

Dennoch liegt viel Verantwortung bei ihr. Nach dem Tod des Vaters hat sie gemeinsam mit ihrer Mutter besprochen, wie die sich ihr zukünftiges Leben vorstellen könnte. Die Antworten waren eindeutig. Die vertraute Umgebung, die Nachbarschaft im Ort Preußisch Oldendorf und das Haus, in dem die Familie seit Jahrzehnten wohnt: "Ich wollte mein Zuhause auf gar keinen Fall aufgeben müssen", sagt die 83 Jahre alte Elfriede Temme. Damit sie möglichst lang allein zurechtkommt, hat die Familie mit einem altersgerechten Umbau frühzeitig vorgebeugt: Breite Türen gab es schon, aber Bad und WC wurden rollstuhlgerecht umgebaut und im ganzen Haus Haltegriffe angebracht. Seit vergangenem Jahr werden solche Umbauten sogar über zinsbegünstigte Kredite der KfW gefördert.
So viel Weitsicht ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Jungen wollen an das Thema nicht ran, und für die Alten kommt das Altsein trotz Jahrzehnten der Vorbereitung meist erstaunlich überraschend. "Heute ist man mit 70 im Durchschnitt so fit wie früher mit Anfang 50", sagt Frieder Lang, Professor und Leiter des Instituts für Psychogerontologie an der Universität Erlangen. In der eigenen Wahrnehmung also noch viel zu jung, um sich mit der Planung der "Sackgasse Lebensende" zu beschäftigen.
Altern heißt nämlich unter Umständen auch: sich von Liebgewonnenem trennen, um die Lebensqualität zu erhöhen. Was schwerfällt. Das hat Klaus-Günther Besenthal erlebt. Die Familie hatte ein Reihenhaus im Hamburger Stadtteil Langenhorn gemietet. Als seine Frau an chronischem Rheuma erkrankte und von Jahr zu Jahr an Beweglichkeit einbüßte, hat Klaus-Günther sie zu Hause gepflegt.
Wer Geld hat, muss zahlen
Zwei Stockwerke, enges Treppenhaus, enge Türen – nicht eben behindertengerecht. "Meine Eltern hingen sehr an dem Haus, das sie über Jahre liebevoll eingerichtet hatten", erklärt der Sohn, ein 48 Jahre alter EDV-Spezialist. Zwar hatten sich die Eheleute ein Apartment in einer betreuten Wohnanlage angesehen – sich dann aber gegen einen Umzug entschieden. "Ein Fehler", sagt Klaus-Günther Besenthal heute, "das ging zulasten der Lebensqualität."
Quelle: capital.de
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