An den Märkten greift die Furcht vor dem Horrorszenario einer gleichzeitigen Deflation und Rezession um sich. Bei der Flucht in die letzten noch als sicher geltenden Staatspapiere nehmen Anleger selbst niedrigste Zinsen in Kauf. So fiel die Rendite der Bundesanleihen mit 30-jähriger Laufzeit am Mittwoch erstmals unter drei Prozent. Die Papiere rentierten zeitweilig mit nur noch 2,967 Prozent. Ähnlich ist die Lage bei langfristigen US-Staatsanleihen. "Die Finanzmärkte überschätzen das Risiko einer Deflation", sagte Währungsexperte Paul De Grauwe von der Universität Leuven.
Auslöser dieser Fluchtbewegung waren die Äußerungen des Chefs der US-Notenbank Fed, Ben Bernanke. Er hatte sich vergangene Woche pessimistisch zur wirtschaftlichen Entwicklung der USA geäußert und weitere Bondkäufe der Fed angekündigt. In der Folge rechnen Investoren nun mit einer langen Phase wirtschaftlicher Schwäche und niedriger Zinsen in den USA und Europa.
"Die Fed hat mit ihrer Entscheidung von vergangener Woche die Angst vor einem Double Dip verstärkt", sagte Jürgen Michels, Chefökonom für Europa bei der Citibank. Mögliche Inflationsgefahren würden von den Investoren einfach weggewischt, sagte etwa Kornelius Purps, Rentenmarktanalyst der italienischen Großbank Unicredit. Dagegen steige die Angst vor einem dauerhaften Deflationsszenario und weiter fallenden Zinsen. "Von diesem Standpunkt aus müssen sich die Investoren die heutigen Renditen sichern und fragen daher verstärkt die ultralangen Laufzeiten von qualitativ hohen Staatsanleihen nach", so der Analyst.
Der Abwärtstrend der Zinsen offenbart zugleich einen Nebeneffekt der bisherigen Geldpolitik: In der Krise haben die Notenbanken die Märkte mit billigem Geld geflutet, das nun auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten um den Globus vagabundiert. Wegen konjunktureller Risiken meiden die Anleger dabei aber Aktien. Nach der Euro-Schuldenkrise scheuen sie zudem noch immer risikoreichere Staatsanleihen aus Staaten wie Griechenland, Spanien oder Portugal. "Wer auf Sicherheit setzt, für den wird es zunehmend schwierig, Alternativen zu finden", sagte Ingmar Przewlocka, Rentenfondsmanager bei der Munich-Re-Tochter Meag.
Die Minirenditen selbst bei Staatsanleihen mit Laufzeiten von mehr als 30 Jahren bringen allmählich Versicherungen und Pensionskassen in Bedrängnis. "Wenn sich die Zinsen und Interbankensätze derart stark bewegen wie in den vergangenen Wochen, dann könnten vor allem Pensionskassen nervös werden, weil es ihre Risikoabsicherung verteuert", sagte David Schnautz, Rentenmarktstratege der Commerzbank.
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