26.05.2010

Inflationsangst: Germanische Goldgräber

Von: Christian Kirchner
Gold steht bei Anlegern derzeit hoch im Kurs
Gold steht bei Anlegern derzeit hoch im Kurs
© Getty Images
Die Bevölkerung fürchtet sich vor der Geldentwertung. Die Goldindustrie macht damit jedoch ein gutes Geschäft: Prägeanstalten, Münzhändler und Strukturvertriebe verdienen an der Angst der Menschen.

Ein Blick auf die Bestsellerliste Wirtschaft beim Onlineversand Amazon zeigt, wie es um die Befindlichkeit weiter Teile der wirtschaftsinteressierten Leser bestellt ist: Auf Rang eins liegt das Buch "Der Staatsbankrott kommt! - Hintergründe, die man kennen muss". Auf den Plätzen 2 bis 20 tummeln sich Bücher mit dem Titel "Crashkurs", "Die Inflation kommt!", "Acht Jahrhunderte Finanzkrise", "Raus aus dem Geld-Spiel!" und "Finanzcrash - die umfassende Krisenvorsorge".

Es ist keine trügerische Momentaufnahme. Mit Crashs haben die Anleger weltweit nach 1987, 2000 bis 2003 und 2008 nun hinreichend Erfahrung gemacht. In keinem anderen Land aber frönen Menschen so gerne der Beschäftigung mit dem drohenden Untergang und den Gefahren der Inflation wie in Deutschland - und natürlich die Vorbereitung darauf, die in der Regel bei Gold endet.

Fast scheint es, als hätten die Hyperinflation 1923 und die Währungsreform 1948 vielen Deutschen ein Krisenvorsorge-Gen eingepflanzt. "Wir haben derzeit außergewöhnlich große Bestellungen aus Deutschland", sagt Deborah Thomson, die in der südafrikanischen Prägeanstalt für Rand-Goldmünzen arbeitet. 2000 Münzen bestellen Großkunden üblicherweise. Mitte Mai aber habe eine große deutsche Bank 30.000 Münzen, eine andere 15.000 geordert. Selbst beim Münzhändler um die Ecke steigen derzeit die Aufpreise für Münzen in kleinen Stückelungen auf den physischen Goldpreis. Und während die stets breit angelegte Düsseldorfer Finanzmesse IAM in diesem Jahr mangels Aussteller und Besucher ausfallen wird, verzeichnete die Münchner Edelmetallmesse im vergangenen November einen neuen Besucherrekord. Sie ist die Zentralveranstaltung einer Branche, die im Grunde an nichts glaubt, was man nicht anfassen kann, und von der inzwischen viele sehr gut leben. Selbst die Strukturvertriebe, die derzeit auf Kundenfang sind und Goldsparpläne ab 50 Euro, Einkaufsgemeinschaften oder Lagerung im Gotthardmassiv anbieten. "Die Zeit der weltweit ungedeckten Papierwährungen läuft ab" mahnt die Seite Goldeuropa.de, die nebenberufliche Mitarbeiter sucht. Betreiberin ist eine in Bratislava ansässige Firma mit dem vielversprechenden Namen Get Rich Team.

Die Hoffnungen der Goldgräber und Inflationsauguren ruhen auf der zuletzt spektakulären Entwicklung des Goldpreises: Mit knapp unter 1200 Dollar je Feinunze notiert er nur drei Prozent unter seinem Rekordhoch und hat sich binnen knapp zehn Jahren mehr als vervierfacht. Ein Blick auf die Statistiken offenbart, dass vor allem Privatanleger die Preistreiber sind. So ist laut World Gold Council bei einer zwischen 2007 und 2009 nur leicht gestiegenen Förderung die Nachfrage aus der Schmuckindustrie um ein Drittel gesunken. Der Preisanstieg hat abgeschreckt. Doch Privatanleger greifen unverdrossen zu. Und kaufen Barren, Münzen und Gold-Indexfonds. Machten sie 2007 noch 19 Prozent der Goldnachfrage aus, hat sich ihr Anteil an den aktuell 3800 Tonnen mit 38 Prozent glatt verdoppelt.

Allerdings haben die privaten Goldverkäufer auch prominente Unterstützung: Die Notenbanken weltweit sind inzwischen von Nettoverkäufern zu Nettokäufern des Edelmetalls mutiert. Im vergangenen August gaben die europäischen Notenbanken eine Drosselung ihrer Goldverkäufe bis 2014 bekannt, und im November griff Indiens Zentralbank beim Angebot des Internationalen Währungsfonds zu, 200 Tonnen Gold zu kaufen.

Dann können die Kleinanleger doch nicht so schiefliegen. Denn wer sollte besser Bescheid wissen über Inflationsgefahren und Gold als die Notenbanken selbst.

© 2010 ftd

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