30.12.2009

Mittelstand: Ohne Geld kein Boom

Von: Katrin Berkenkopf und Herbert Fromme
"Liquidität ist die Schicksalsfrage des Mittelstands"
Zoom "Liquidität ist die Schicksalsfrage des Mittelstands"
© Getty Images
Etliche Mittelständler sitzen finanziell auf dem Trocknen. Das Paradoxe daran: Der Aufschwung könnte an ihnen vorbeiziehen, weil ihnen das Geld für nötige Investitionen fehlt.

Es gibt erfreulichere Anlässe als die Jahresendgespräche vieler Firmenchefs und ihrer Finanzleute mit den Hausbanken. Das Vertrauensverhältnis ist in einigen Fällen dauerhaft erschüttert. Die Banken machen die Schotten dicht - und haben aus ihrer Sicht recht. Denn die Aufsichtsregeln zwingen sie dazu, bei riskanteren Kreditgeschäften mehr Eigenkapital vorzuhalten, und das ist teuer.

Seit Beginn der Krise hätten viele Firmen aus der Not heraus gegen die mit den Finanzinstituten vereinbarten Eckpunkte zur Kreditgewährung verstoßen, sagt Axel Weller, Gesellschafter beim Beratungsunternehmen Management Partner. Dazu gehören Vorgaben zur Ebit-Marge oder der Eigenkapitalquote. Brauchen die Betriebe jetzt frisches Geld, bringen die Banken das Thema auf den Tisch und nutzen es für Neuverhandlungen der Kreditlinien.

"Schnell geht gar nichts"

Das bedeute im Ernstfall nicht nur eine Verschlechterung der Bedingungen und hohe Gebühren für einen neuen Vertrag, sondern nehme vor allem Zeit in Anspruch. "Schnell geht gar nichts", weiß Weller aus zahlreichen Gesprächen mit Mandanten. "Liquidität ist das Kernthema", sagt er. Zu den traditionellen Maßnahmen der Liquiditätsverbesserung gehören das schärfere Eintreiben ausstehender Forderungen, Verzögerungen bei eigenen Zahlungen und der Abbau von Lagerbeständen. "Diese Möglichkeiten sind bei vielen Firmen aber bereits erschöpft", sagt Weller.

Resultat der Liquiditätsklemme könnte eine paradoxe Entwicklung sein: Gerade wenn es bei den Unternehmen wieder bergauf geht und die Nachfrage nach ihren Produkten anzieht, müssten sie möglicherweise Mitarbeiter entlassen, meint der Berater. Denn reduzierte Personalkosten sorgen sofort für neue Liquidität.

Zum Verkauf gezwungen

Weller sieht bei vielen Firmen die Einsicht wachsen, dass sie noch Jahre brauchen werden, um wieder das Niveau von vor der Krise zu erreichen. "Es wird daher eine ganze Reihe von Unternehmen geben, die ihre gesamten Geschäftsprozesse umstellen müssen", sagt Weller. Einige Firmen werden also gezwungen sein, Geschäftsbereiche aufzugeben oder zu verkaufen, um sich dann auf die Sanierung der übrigen zu konzentrieren.

"Liquidität ist die Schicksalsfrage des Mittelstands", sagt auch Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, und verweist auf die neuen Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Sie hat als Hauptursache für die steigende Zahl der Insolvenzen mangelnde Liquidität ausgemacht. Ob die Banken ihre kürzlich gemachten Zusagen zur Kreditvergabe an den Mittelstand einhalten werden, müsse sich erst noch zeigen. Weitere Zurückhaltung könne den Aufschwung abwürgen. "Der Mittelstand steckt in einer akuten Kreditklemme", meint Ohoven.

Welche Kreditklemme?

So weit will der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) noch nicht gehen. In seinem aktuellen Mittelstandspanel, das gemeinsam vom BDI, Ernst und Young und der IKB Deutsche Industriebank in Auftrag gegeben wurde, stellt der BDI fest, dass es derzeit noch keine Kreditklemme bei den Unternehmen gebe. Dies könne sich aber schnell ändern, wenn die Wirtschaft wieder anziehe und der Finanzbedarf für Investitionen steige.

"Die kritische Rolle des Kosten- und Liquiditätsmanagements und des Zugangs zu externen Finanzierungsmöglichkeiten wird von unseren aktuellen Panelergebnissen deutlich hervorgehoben", sagt Peter Englisch, Partner bei Ernst und Young. "Auch wenn in den letzten Monaten Finanzierungs- und Liquiditätslücken von nicht wenigen der befragten Unternehmen durch privates Vermögen geschlossen wurden, ist dies keine Lösung zur Bewältigung des aufkommenden Wachstumskurses." Für die Banken sei es natürlich ein Spagat, die Kapitalbedürfnisse der Unternehmen für ihr Wachstum zu berücksichtigen und gleichzeitig die eigene Risikoabsicherung im Auge zu behalten.

Wenn sich die Konjunktur wieder erholt, werden die Firmen voraussichtlich ihre Läger wieder auffüllen. "Auch sollten im Verlauf des Jahres 2010 die Investitionsaktivitäten und damit die Nachfrage nach Investitionskrediten wieder verstärkt zunehmen", sagt Kurt Demmer, Chefvolkswirt der IKB. "Wenn die Banken - aus verschiedenen Gründen - den sich abzeichnenden Kreditbedarf nicht vollständig decken können, wird dies im Einzelfall zu schwierigen Situationen führen, zumindest aber Wachstumschancen blockieren."

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