Stefan Lenz hatte zur Jahrtausendwende große Pläne. Er wollte expandieren und ein neues Werk in Mecklenburg-Vorpommern bauen. Lenz leitet das Medizintechnikunternehmen Bauer und Häselbarth (B+H) in Ellerau bei Hamburg, das 60 Mitarbeiter beschäftigt. Alles schien gut zu laufen. Die Hausbank sagte einen Kredit über eine halbe Million D-Mark zu. Dann machte sie plötzlich einen Rückzieher.
"Die wollten ein Basel-II-Rating plus Umsatz- und Liquiditätsplanung", sagt Lenz. Damit konnte er nicht dienen. Die Bank verlängerte den Kredit nicht, B+H blies den Neubau ab. So wie Lenz vor knapp zehn Jahren schlagen sich etliche Mittelständler noch heute ohne betriebswirtschaftliche Steuerungsinstrumente durch den Arbeitsalltag. Entschieden wird aus dem Bauch heraus.
"Wer sich auf seine Intuition verlässt, muss nicht automatisch weniger erfolgreich sein", sagt Gerhard Guder, Mittelstandsreferent an der Hamburger Handelskammer. Oft stellen sich dann aber die Banken quer. Wer nicht rechnet, bekommt keinen Kredit. Das kann dann schon mal die Existenz kosten.
Die Zahlen immer im Blick
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Immerhin: "Die Aufgeschlossenheit gegenüber betriebswirtschaftlicher Steuerung ist größer als noch vor ein paar Jahren", sagt Mittelstandsreferent Guder. So setzten sich inzwischen die meisten Unternehmer mit der Betriebswirtschaftlichen Auswertung (BWA) auseinander. Das Zahlenwerk, das der Steuerberater monatlich erstellt, gibt Auskunft über die laufenden Einnahmen und Ausgaben.
Daran kann ein Unternehmer sofort erkennen, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Neben der BWA setzen Entscheider oft noch auf Liquiditäts- und Rentabilitätsplanung. Sie bilden die Grundlage für alle Entscheidungen - und auch für das Rating der Banken. Vor allem Jungunternehmer haben das längst verinnerlicht. "Wer einmal einen Businessplan erstellt hat, bleibt der Liquiditäts- und Rentabilitätsplanung treu", sagt Mittelstandsreferent Guder.
Unternehmen, die so planten, seien auch "krisenfester als die, die einen Blindflug machen". Wer seine Geschäft noch gezielter auf Stärken und Schwächen abklopfen will, kann sich Hilfe von außen holen: Unternehmensberatungen wie Coretelligence aus Bad Oeynhausen haben sich auf die Interpretation von Kennzahlen spezialisiert.
Eine Mischung aus Erfahrung und Zahlen
"Wenn der Unternehmer in die Lage versetzt wird, die Zahlen unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten, kann er damit auch inhaltlich umgehen", sagt Coretelligence-Chefin Marianne Wilmsmeier. Denn über viele Bereiche eines Unternehmens sagt die BWA nichts aus: etwa über Lagerumschlag oder Zahlungsmoral. "Die Interpretation von Kennzahlen hilft bei der Standortbestimmung und Identifikation", sagt Peter Englisch, Partner und Leiter Mittelstand bei Ernst & Young.
Noch einen Schritt weiter geht das internationale Unternehmernetzwerk TEC. Dessen Mitglieder, zu denen Führungskräfte aus ganz Deutschland zählen, stellen den Kennzahlen zukunftsgerichtete Szenarioanalysen an die Seite. "Erfahrene Manager wagen den Blick in die Glaskugel", sagt TEC-Deutschlandchef Wolfgang Hartmann. Aus mehreren Meinungen ließen sich in der Folge Zukunftsszenarien ableiten.
Allerdings hat das ein bisschen was von Kaffeesatzleserei. "Spannender wäre es, das Potenzial eines Unternehmens zu messen", sagt Mittelstandsexperte Englisch. B+H-Chef Lenz verlässt sich lieber auf die Fakten: Nach dem geplatzten Neubau engagierte er eine externe Rechnungsprüferin. Wenn Investitionen anstehen, erstellt sie die Zielplanung für B+H. Ein Werk in Mecklenburg-Vorpommern hat Lenz inzwischen - wenn auch kein neues.
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