25.02.2010

Private Krankenversicherung: Raus aus der Beitragserhöhungsspirale

Von: Uwe Schmidt-Kasparek
Das schmerzt: Viele Privatversicherte haben Post mit Beitragserhöhungen bekommen
Das schmerzt: Viele Privatversicherte haben Post mit Beitragserhöhungen bekommen
© Getty Images
Gerade politisch gerettet, erhöht die Branche jetzt drastisch die Beiträge für ihre Kunden – um bis zu 30 Prozent. Eine Kündigung der Police zieht meist hohe Verluste nach sich. Letzter Ausweg: Inhouse-Tarifhopping.

Der Ärger richtet sich gegen eine Zahl: 18 Prozent plus. Und gegen eine Versicherung: die Central Krankenversicherung. Horst-Dieter Uhlmann, Westfale aus Bielefeld, 67 Jahre alt und Rentner, ist sauer. Ab sofort soll er 300 Euro im Monat Krankenkassenbeitrag zahlen. "Unglaublich", sagt Uhlmann. Und gleichzeitig erhöhte der Versicherer auch noch seine Selbstbeteiligung um 100 auf nun 1150 Euro. "Das habe ich erst beim zweiten Lesen bemerkt", klagt der Mann. Dabei hatte der Rentner diesen Eigenanteil erst im Jahr 2007 vereinbart, um seinen Beitrag zu senken. "Und jetzt zahle ich schon wieder mehr als 2007." Willkommen beim neuen Poker der privaten Krankenkassen.

Im vergangenen Jahr hatten sie auf stärkere Tariferhöhungen verzichtet, auch um die politische Diskussion um ihren Fortbestand nicht anzuheizen. Jetzt holen sie wieder kräftig auf. Wie Rentner Uhlmann bekamen viele Privatversicherte zum Jahreswechsel unerfreuliche Post mit Beitragserhöhungen im Einzelfall um bis zu 30 Prozent. Wer die höheren Beiträge nicht zahlen will, kann gegensteuern. Eine Kündigung fällt meist wegen zu hoher Verluste aus. Aber mit einem Tarifhopping inhouse, beim eigenen Versicherer, lässt sich oft viel Geld sparen. Allerdings ist die Tarifstruktur undurchsichtig, ebenso wie die Punkte Mehrleistung, Risikozuschlag und Selbstbeteiligung. Und die Versicherer sind bei diesen Fragen naturgemäß wenig hilfreich.

Beispielrechnung
Wo sich Geld sparen lässt
Privat Krankenversicherte können bei fast jedem Anbieter einen günstigeren Tarif mit ähnlichen Leistungen wählen.

Versicherer
DKV
Inter
Central
Continentale
Allianz
Signal
Versicherter
Mann, 59 Jahre
Mann, 57 Jahre
Mann, 50 Jahre
Frau, 50 Jahre
Frau, 56 Jahre
Frau, 68 Jahre
Alter Tarif
AM1, SM6, 
Vario G125, A110, A220, Z120
CV3N 250
GS1 Plus
VS 600, VSZ 2
AZ1, VSG 100
Neuer Tarif
Bestmed Komfort 4/2
CC S20
CV3N 500
CS2 Plus
Aktimed Plus 90
GR2, EG, GS2
Euro monatlich
Bisheriger Beitrag
457
295
390
520
598
487
Beitrag nach Tarifwechsel
274
175
315
335
532
303
Bemerkung
392 + 140 Tarifstrukturzuschlag
Zusätzlicher monatlicher Selbstbehalt
27
–50
17
79
14
34
Effektive Ersparnis pro Monat¹
156
170
58
106
52
150
Ersparnis in Prozent
34,1
57,6
14,9
20,4
8,7
30,8
1) volle Berücksichtigung der Selbstbeteiligung; Quelle: Aktuariat Peter Schramm; Diethardt; www.pkv-gutachter.de

Harte Prüfung Auch wenn die Ersparnis abhängig von Alter, Versicherungsdauer, Versicherer und Tarif sehr unterschiedlich ausfallen kann – in den Capital-Beispielen liegt sie immer zwischen neun und 58 Prozent. Privat Krankenversicherte sollten deshalb ihre Tarife überprüfen. Möglicherweise können sie in einen deutlich günstigeren wechseln. Wer nach Januar 2009 einen Vertrag abgeschlossen hat, hat einen gesetzlichen Anspruch, den Tarif mit den Basis-Altersrückstellungen zu wechseln. Die Tabelle zeigt den Sparvorteil, den Versicherungsmathematiker Peter Schramm für Capital errechnet hat.

Auf den ersten Blick sehen die Zahlen noch nicht einmal so schlimm aus. "Wir erhöhen die Beiträge im Schnitt nur um fünf Prozent", heißt es etwa beim Marktführer Debeka, der in den vergangenen vier Jahren die Beiträge immerhin konstant hielt. Drei Prozent meldet die Allianz, die Signal Iduna 3,6, und die Axa hebt die Tarife im Schnitt um 3,9 Prozent an. Die Ergo Versicherungsgruppe geht bei ihren Versicherungstöchtern Victoria dagegen schon von sechs Prozent und bei der DKV von acht Prozent aus.

Doch diese noch recht moderat klingenden Durchschnittswerte sind nur die halbe Wahrheit. Im Einzelnen liegen die Werte deutlich höher. Bei der Central laut Pressesprecherin Karin Koert-Lehmann zwischen null und 25 Prozent. "In Einzelfällen wird bei uns auch die 20-Prozentmarke überschritten", räumt auch Ergo-Sprecherin Monika Stobrawe ein. Und besonders hart trifft es Kunden mit dem Axa-Tarif Vital 250 für ambulante und stationäre Heilbehandlung: "Er wird in der Spitze um 25 bis 30 Prozent teurer", sagt Sprecher Klaus Tekniepe. Grund seien vor allem stark gestiegene ambulante Behandlungskosten. Gleichzeitig gebe es weniger Aussteiger, die kündigen und so ihre Alterungsrückstellung an die Tarifgemeinschaft verlieren. "Zudem", so Tekniepe, "gab es Nachholbedarf, weil der Tarif fünf Jahre nicht angepasst wurde."

Durchschnittszahlen statt Gesamtbeitrag

Derart drastische Beitragserhöhungen nennt kein Unternehmen freiwillig, lieber wird mit Durchschnittszahlen operiert. Die Hallesche Krankenversicherung spricht von einer Anpassung von fünf bis zehn Prozent. "Tatsächlich zahle ich aber fast 14 Prozent mehr", ärgert sich Guido Nagel aus Hamburg. Die Hallesche rechtfertigt sich mit ihrem besonders komplexen Tarifwerk. "Mögliche Extremwerte will ich daher nicht ausschließen", so Pressesprecher Andreas Bernhardt. Doch zum Ärger über höhere Preise kommt eine schleppende Regulierung. "Eine Zahnbehandlung wurde nur in Raten bezahlt. Nach zwei Monaten warte ich immer noch auf den Restbetrag", klagt Kaufmann Nagel, "das belastet schon mein Verhältnis zum Arzt."

Zur Kasse gebeten werden auch Beamte. Sie müssen einen Teil ihres Gesundheitsschutzes privat über Ergänzungstarife absichern. So schraubt die DBV-Krankenversicherung, die ausschließlich Beamte und öffentlich Bedienstete versichert, ihre Prämien nach oben. Regine Melichor aus Düsseldorf etwa zahlt für ihre Ergänzungspolice, die 30 Prozent der Krankheitskosten übernimmt, künftig für sich und ihre Kinder pro Monat neun Prozent mehr.

Die Preisspirale dreht sich weiter

Die Gründe für die steigenden Beiträge sind die altbekannten. Wie jedes Jahr passen die privaten Krankenversicherer ihre Tarife der längeren Lebensdauer an. Zudem seien die Preise für Arzneimittel um 16, für Zahnersatz um 19 und die Honorare von Ärzten um 13 Prozent gestiegen, heißt es bei der Halleschen Krankenversicherung. Laut dem Verband der privaten Krankenversicherung sind die ärztlichen Leistungen als größter Kostenblock entscheidend: "Obwohl die Gebührenordnung für Ärzte nicht gestiegen ist, zahlen wir mehr. Das muss an der Menge der Behandlungen liegen", mutmaßt Verbandsdirektor Volker Leienbach.

Gefunden bei
capital.de

Der wahre Grund für den kräftigen Aufschlag dürfte aber ein anderer sein: Ende 2008 hatten sich private Kassen mit Preisanhebungen zurückgehalten. Damals galt die private Krankenversicherung als Auslaufmodell, die SPD forderte ihre Abschaffung. Im neuen Koalitionsvertrag wird nun nicht nur die Existenz der PKV bestätigt, sondern auch ihre Weiterentwicklung. Die privaten Krankenversicherer sind die Gewinner der Wahl.

Einfach kündigen macht oft keinen Sinn

Wettbewerb müssen die Anbieter kaum fürchten. Kunden, die vor 2009 einen Vertrag abgeschlossen haben – was für die meisten der gut neun Millionen Privatpatienten zutrifft –, haben kaum eine Alternative. Einfach so zu kündigen und zu einem anderen Unternehmen zu wechseln, immer der erste Impuls verärgerter Kunden, macht leider in den meisten Fällen wenig Sinn. Es ist zwar möglich – nach jeder Beitragserhöhung gilt ein Sonderkündigungsrecht –, doch wer seine Kasse verlässt, verliert alle für das Alter angesparten Rückstellungen. Und das kann ein hoher Betrag sein.

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Quelle: capital.de
© 2010 Capital

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