Mit Essen spielt man nicht. Manche Banken schon: Am Montag, den 10. Mai um 14.30 Uhr ist in einem Speicherhaus in Rotterdam plötzlich ein Platz leer, an dem zuvor zehn Tonnen Kakaobohnen in Jutesäcken lagerten. 20 Jahre lang wurden sie von Banken und anderen Finanzinvestoren hin und her verkauft. Die Kakaopreise steigen seit Jahren, die Geldjongleure behielten die Bohnen zwecks Spekulation. Im Frühjahr war ihnen der Preis dann offenbar hoch genug: Die Bohnen wurden an ein Unternehmen verkauft und kamen endlich in die Realwirtschaft.
Und es bleibt nicht bei Kakao. Längst haben die Spekulanten auch Grundgüter wie Zucker, Kupfer, Zink oder Öl entdeckt. Was immer der Rohstoffmarkt hergibt. Insbesondere die großen Investmentbanken drängen in den Handel mit physischen Gütern. Allein der Wall-Street-Gigant Goldman Sachs hat inzwischen physische Rohstoffe im Wert von mehr als drei Milliarden Dollar unter Kontrolle.

Gemeinsam mit Morgan Stanley und JP Morgan spinnt Goldman Sachs ein umfassendes Netz. Die Banker kaufen Lagerhäuser, Kraftwerke, Ölterminals oder Pipelines und chartern Tankschiffe. Europäische Häuser wie die Deutsche Bank oder Credit Suisse machen es ihnen nach. Der als Krisenprophet bekannt gewordene Ökonom Nouriel Roubini bezeichnet die Großbanken angesichts solcher Entwicklungen inzwischen als "Finanzsupermärkte".
Die Rechnung für das Rohstoffspiel der Banken zahlen Verbraucher und Wirtschaft: Die spekulativen Investments verknappen das Angebot und treiben damit die Preise. Und steigende Rohstoffpreise verteuern Lebensmittel und Güter. Die Einkaufskosten der Firmen klettern und damit die Preise für ihre Produkte. Erst vor zwei Jahren wurde eindrucksvoll klar, welche Auswirkungen etwa ein explodierender Ölpreis auf die Konjunktur hat: Etliche Autozulieferer ächzten unter den rasant steigenden Rohstoffpreisen. Die Banken hingegen verdienen am Preisboom. Und sie vergrößern ihre Rohstoffsparten stetig.
ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz warnt bereits: Es drohe sich eine "gewaltige Blase auf dem Rohstoffmarkt zu bilden", die sogar noch größere Probleme bereiten könnte als das Platzen der Immobilienblase vor zwei Jahren.
Auch die Politik ist alarmiert. Am 7. Juni rief Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) zum Rohstoffgipfel. Abgesandte des Ministeriums diskutierten mit Wirtschaftsvertretern über mögliche Gegenmaßnahmen. Ein weiteres Treffen ist für den 21. Juni geplant. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) kritisiert das Vorgehen der Banken. Insidern zufolge erörtert er mit seiner französischen Kollegin Christine Lagarde ein Maßnahmenpapier für mehr Transparenz an den Rohstoffmärkten. "Die enorme Preisvolatilität auf den Rohstoffmärkten ist ein großes Problem", beklagt der Minister.
Den Banken erschließt das Geschäft mit Öl, Kupfer, Aluminium oder Weizen und Kakao gleich eine ganze Reihe lukrativer Ertragsquellen. Schließlich bieten die Häuser ihren Kunden traditionell auch Absicherungsgeschäfte gegen Preisschwankungen an. Die Ironie: Es sind die Banken selbst, die durch ihre Spekulationsgeschäfte die Preise immer schwankungsanfälliger machen. Zudem legen die Institute Finanzprodukte auf Gold, Kupfer, Öl oder Weizen und Soja auf. Damit locken sie Profis, aber auch Kleinanleger und verdienen an den Provisionen.
Was vor allem Privatanlegern oft nicht bewusst ist: Diese Nachfrage treibt die Preise der physischen Güter immer weiter nach oben – ohne dass die echte Nachfrage von Industrie und Verbrauchern steigt. Dadurch wächst die Gefahr einer Spekulationsblase. Wenn Anleger die Furcht packt und sie aussteigen, stürzen die Preise ins Bodenlose, Vermögen werden vernichtet. 2008 brach etwa der Platinpreis um mehr als die Hälfte ein. Der Preis einer Tonne Nickel kollabierte von Mitte 2007 bis Ende 2009 von 50.000 auf 10.000 Dollar.
Goldman Sachs ist eine der Banken, die in der Vergangenheit stets von platzenden Blasen profitierten. Wie kein anderes Haus läuft der Finanzriese den Märkten voraus, sammelt Geld, Wissen und Erfahrung – und steigt dann als Erster aus. Auch im Rohstoffmarkt waren die Goldmänner der erste große Finanzakteur. Bereits in den 80er-Jahren kaufte der Wall-Street-Primus den Gold- und Kaffeehändler J. Aron & Company. Das Rohstoffgeschäft wurde immer weiter ausgebaut. 2003 übernahm der damalige Vorstandschef Henry Paulson für 2,4 Milliarden Dollar den Kraftwerksbetreiber Cogentrix Energy. Heute ist das Haus führend im Handel von Öl, Strom und Industriemetallen. Der letzte Zukauf war die Übernahme des US-Lagerhausbetreibers Metro International – Insidern zufolge für 550 Millionen Dollar.
Möglicherweise wanderten auch die Kakaobohnen einmal durch die Hände des Wall-Street-Giganten – wer vermag das nach all den Jahren schon zu sagen.
Quelle: capital.de
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