11.12.2007

Versorgungswerke: Rentenchaos für Freiberufler


© Foto: Ingo Rappers
Manche Versorgungswerke zahlen doppelt so hohe Renten wie andere. Doch den Mitgliedern schwacher Anbieter bleibt keine Wahl - wechseln dürfen sie nicht.

Zahnarzt Ulrich Keck aus Weener in Ostfriesland könnte glücklich sein. Als Freiberufler muss er schließlich kein Geld in die allgemeine Rentenkasse einzahlen. Stattdessen spart er gemeinsam mit Berufskollegen per Versorgungswerk fürs Alter. Rund 2.800 Euro pro Monat kann der 52-Jährige in 13 Jahren an Rente erwarten. Wer sein Leben lang den Höchstsatz in die gesetzliche Kasse einzahlt, kommt nach heutigem Stand nur auf 1.078 Euro Altersruhegeld.

Doch trotz der üppigen Prognose steht Keck schlecht da. Denn andere Versorgungswerke wirtschaften weitaus besser mit dem Geld ihrer Mitglieder. So können etwa nordrhein-westfälische Steuerberater, die ab dem Alter von 30 Jahren den vollen Beitrag einzahlen, mit 65 Jahren über 4.000 Euro Monatsrente erwarten. Ärzte aus Bayern dürfen dagegen nur mit gut 2.000 Euro rechnen.

Grund genug für impulse, nachzuhaken und die Versorgungswerke zu vergleichen. Zu jeder Berufsgruppe mit Kammerpflicht hat die Redaktion ein Versorgungswerk herausgegriffen, das Rentenprognosen veröffent­licht, und die Daten verglichen. Die Werte wurden für einen 30-jährigen Mann umgerechnet, der stets den Höchstbeitrag von rund 1.045 Euro einzahlt und mit 65 Jahren in Rente geht. Ergebnis der Stichprobe: Wer im falschen Bundesland oder Berufsstand arbeitet, hat teilweise nur ein Drittel der Rente anderer Berufsgruppen zu erwarten.

Ursprünglich wollte impulse die Rentenwerte aller Versorgungseinrichtungen vergleichen. Immerhin verwalten fast 100 Institute für 700.000 Freiberufler ein Vermögen von über 100 Milliarden Euro. Doch die Arbeitsgemeinschaft Berufsständischer Versorgungswerke hatte offenbar eine Nachrichtensperre verhängt. Man habe die Kassen gebeten, keine Daten herauszugeben, bestätigte Geschäftsführer Michael Jung auf Nachfrage. Das Vorhaben von impulse werde den Versorgungswerken nicht gerecht, beschwerte sich Jung: "Die unterschiedliche Zahl der Mitglieder, historische Besonderheiten und versicherungsmathematische Unterschiede machen einen Vergleich der Rentenhöhen unmöglich." Zudem sei die Unter­suchung irrelevant: "Wem soll das nützen? Die Versicherten sind Pflichtmitglieder und können ihr Versorgungswerk nicht wechseln."

Föderaler Flickenteppich

In der Tat: Wer als Freiberufler einer Kammer angehört, wird nach der Zulassung automatisch dem Versorgungswerk seiner Region zugewiesen. Das ist der Kammer unterstellt, sodass je nach Bundesland und Beruf eine andere Stelle die Beiträge einsammelt – die sich nur beim Ortswechsel ändern kann. Dieses System verhindert freilich den Wettbewerb um die beste Anlagestrategie, kritisiert Heinrich Bockholt, Professor an der Fachhochschule Koblenz und Experte für Rentenfragen. "Weil jedes Versorgungswerk in seinem Gebiet ein Monopolbetrieb ist, kann es munter vor sich hin wirtschaften", schimpft er, "und niemand prüft den Erfolg." Unterschiedliche Größen oder Finanzierungsverfahren könnten die gro­ßen Differenzen der Rentenprognosen jedenfalls nicht erklären. "Da­hinter stecken schlicht bessere oder schlechtere Ergebnisse der Kapitalanlage", sagt Bockholt.

Diesen Eindruck hat auch Keck gewonnen, der vor sieben Jahren ein Viertel seiner Altersrente verlor, weil sein Versorgungswerk sich in der Internetblase verspekulierte. Unglaublich: Erst vier Jahre später gab die Geschäftsführung den Fehler zu. "Teile unserer Anwartschaften waren überhaupt nicht mehr gedeckt", ärgert sich der Mediziner. Die Verantwortlichen des Versorgungswerks mussten laufende Rentenzahlungen um bis zu 50 Prozent kürzen und die Ren­ten­prognosen senken. Keck stehen seitdem fürs Alter rund 1.000 Euro weniger pro Monat in Aussicht.

Auch andere Freiberufler berichten von frustrierenden Erfahrungen. Wie eine Ärztin, die allein durch den Umzug von Mecklenburg-Vorpommern nach Thüringen 600 Euro Rente weniger zu erwarten hat. Öffentlich sprechen will kaum jemand über die Missstände. Der Grund: "Freiberufler fürchten eine Neiddebatte", sagt Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen, der als Mitglied der Rürup-Kommission die jüngste Rentenreform mitgestaltet hat. "Im Vergleich zu anderen Rentnern klagen sie auf hohem Niveau. Das kommt nicht überall gut an."

© 2007 impulse.de

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