19.05.2009
von: René Martens

Geschäfte unter Freunden

Egal ob Musikfirmen, IT-Dienstleister oder Handwerker: In der Krise entdecken junge und traditionelle Branchen das alte Genossenschaftsmodell neu - und haben Erfolg damit.

Der Berliner Admiralspalast ist bekannt für seine Musicals, die Plattenfirma City Slang für Independent-Rock aus den USA und das Dance-Label K7 für die von renommierten Musikern und Bands zusammengestellte Compilation-Reihe "DJ Kicks".



Dass diese Institutionen der Popkultur etwas mit Genossenschaften zu tun haben, scheint auf den ersten Blick recht abwegig. Trotzdem gehören alle drei Firmen einer Genossenschaft an: der Berlin Music Commission (BMC).

Traditionell findet man Genossenschaften - als Rechtsform im Jahr 1849 entstanden - vor allem im Bankgeschäft, im Wohnungsbau und in der Landwirtschaft. Mittlerweile haben aber auch andere Branchen die Vorteile entdeckt: Dienstleister jeglicher Art, die Energiewirtschaft, das Gesundheitswesen - und eben die Musikbranche. "Wir erleben gerade einen historischen Pendelschwung vom egoistischen zum kooperativen Wirtschaften, sagt BMC-Vorstand Olaf Kretschmar. "In der derzeitigen Finanzkrise spielen Netzwerke eine wichtigere Rolle als jemals zuvor."



BMC setze Projekte um, die allen Genossen nützen, ein einzelnes Unternehmen aber überfordern würden. "Man muss für effektive Maßnahmen eine gewisse Investitionshöhe erreichen, sonst verbrennt man Geld", erläutert Kretschmar.

Ein Beispiel für ihre Schlagkraft lieferte die Genossenschaft vor wenigen Wochen beim South by Southwest in Austin, einem der weltweit wichtigsten Musik- und Medienfestivals. "Wenn man da als einzelnes Label eine Band platziert, bringt das wenig. Die geht unter, denn insgesamt treten fast 2000 Gruppen auf", sagt Kretschmar. Um besser wahrgenommen zu werden, organisierte die Musikgenossenschaft deshalb ein eigenes "Berlin Fest", wo nur Berliner Künstler auftraten.

Der Vorteil einer Genossenschaft lässt sich schnell zusammenfassen: Sie bindet ihre Mitglieder stärker ein als ein Verein, ist aber nicht so hierarchisch wie eine GmbH. Das sieht auch Reinhard Hoffmann so. Er ist Vorstandsmitglied von Towerbyte in Jena - ein Verbund aus 28 Firmen, die insgesamt fünf Etagen im 131 Meter hohen JenTower belegen und zuletzt 18,1 Millionen Euro erwirtschafteten. Die Genossenschaft ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine vermeintlich alte Organisationsform auch in jungen Branchen wie der IT-Dienstleistung gut funktioniert.

Altgedient - und trotzdem hochmodern Die Zahl der genossenschaftlichen Neugründungen hat sich laut Deutschem Genossenschafts- und Raiffeisenverband seit 2005 verdreifacht. Der Grund: In schlechten Zeiten setzen viele auf Kooperationen. Besonders im Gesundheitswesen und im Energiesektor stößt das Modell auf Resonanz.

Obwohl sich jedes Mitglied der Genossenschaft auf einen anderen Bereich des E-Commerce spezialisiert hat, profitieren alle von den Synergien - etwa bei der Marktbeobachtung: "Unser Geschäftsfeld hat eine hohe Innovationsgeschwindigkeit, der Markt ändert sich schnell, die Gefahr, Trends zu verschlafen, ist groß", sagt Hoffmann.

Bei Towerbyte behält jedes Mitglied das Marktsegment, das es bedient, im Blick. Der Vorteil: Nicht jedes Unternehmen muss alle Entwicklungen am Markt verfolgen. Darüber hinaus vermitteln sich die Unternehmen untereinander Kundenkontakte. "Wenn ein Kunde mehr benötigt, als eine Firma leisten kann, wird er an ein anderes Unternehmen aus dem Verbund weitergeleitet", sagt Hoffmann.

 

Towerbyte ist immer offen für neue Mitglieder. Als beispielsweise das Thema Suchmaschinenmarketing an Bedeutung gewann, "hat Towerbyte systematisch nach einem Unternehmen aus diesem Bereich gesucht", sagt Hoffmann. Die neu angeworbene Firma Finnwaa arbeitet nun in diesem Segment für die anderen Mitglieder der Genossenschaft - und natürlich auch für externe Unternehmen.

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© 2009 ftd

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