Land der Arbeiter und Angestellten
Deutschland ist Weltmeister im Verteilen von Fördermitteln, dennoch starten nur wenige ein eigenes Unternehmen. Die meisten scheuen das Risiko - weil sie es nie anders gelernt haben.

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Tierarzt wollte er werden, bis er hörte, dass man in dieser Funktion nicht nur Hamster pflegen, sondern auch "Kälber aus der Kuh holen" muss. Das war Rainer Brüderle dann doch zu blutig, und er verfolgte seinen zweiten Berufswunsch: Unternehmer werden. Als Klassensprecher schulte er Führungsqualitäten, daheim half er dem Vater, der in Landau einen Wäscheladen betrieb. Am Ende wurde er Politiker. In der Berliner Riesengebirgs-Schule gibt er an diesem Frühlingstag dennoch den braven Kaufmannssohn und wirbt bei den Jugendlichen für den "Traumberuf Chef".
Das ist auch bitter nötig. Für die Mehrheit der Deutschen ist Chef zu sein eher ein Albtraum. In kaum einem anderen Land schrecken die Bürger so sehr vor der Selbstständigkeit zurück. Lediglich vier von 100 Erwachsenen gründen gerade ein Unternehmen oder planen dies konkret. Im Vergleich der OECD-Länder und anderer innovationsbasierter Volkswirtschaften landet Deutschland damit lediglich auf Platz 15 von 20. Das zeigt der Global Entrepreneurship Monitor (GEM), der Ende April veröffentlicht wird und aus dem exklusiv Daten für impulse berechnet wurden.

Wer in Deutschland Unternehmer wird
Die Forscher der Leibniz Universität Hannover und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben für den Länderbericht Deutschland mehr als 6000 Erwachsene befragt. Weltweit nahmen 180.000 Menschen teil, in 54 Staaten. Einen größeren und aktuelleren Datensatz zum Thema Gründer gibt es nicht. Die Ergebnisse sind ernüchternd:
- Viele Deutsche würden aus Angst zu scheitern erst gar keine Firma anmelden, das sagen immerhin 43 Prozent.
- Deutschlands Entrepreneure zählen zu den Ältesten der Welt.
- Nur einer von drei Deutschen kennt persönlich einen Gründer.
- 32 Prozent der angehenden Unternehmer handeln aus "Mangel an Erwerbsalternativen", nicht weil sie eine Marktchance ausnutzen oder eine Idee umsetzen wollen.
Weltmeister im Verteilen von Fördergeld
Deutschland - ein Land der Arbeiter und Angestellten. Daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nichts geändert. Jugendliche träumen von einer Karriere bei Konzernen oder einer Verbeamtung.
"Es geht immer um Sicherheitsdenken. Das ist nicht nur ein Nachteil, aber es ist wahnsinnig innovationsfeindlich", sagt Thomas Heilmann, der Unternehmer, der nicht nur eine, sondern gleich zwölf Firmen gegründet hat, darunter den Stromhändler Ampere. Heute engagiert er sich, als Vizechef der Berliner CDU, auch politisch. Heilmann war Anfang 20 und hatte einen gut bezahlten Job bei McKinsey, als die Mauer fiel. Er ging in den Osten, gründete dort eine Werbeagentur. Seine Freunde hielten ihn für verrückt. Ein gutes Gehalt im Tausch gegen eine Butze im Osten? Wie absurd.
Dabei braucht die Wirtschaft solche Typen. Gründer schaffen Arbeitsplätze, entwickeln Innovationen und stimulieren den Wettbewerb. Sie sorgen für radikale Brüche mit bisherigen Strukturen, einen stetigen Prozess kreativer Zerstörung - so wirken sie aufs ganze System wie eine Verjüngungskur.
Diese Erkenntnis ist weder originell noch neu. Politiker versprechen seit Jahren, Gründer zu fördern, um die Zahl neuer Firmen, die 2009 bei 446.700 lag, anzuheben. Wirtschaftsminister Brüderle startete jetzt die Initiative "Gründerland Deutschland". Geplant sind Infoveranstaltungen, eine Reform des Insolvenzrechts, ein zweiter High-Tech Gründerfonds und ein Wettbewerb.
Das Problem: Der Nutzen solcher Programme ist fraglich, wie die GEM-Daten belegen. Während die Zahl derer, die ein Unternehmen planen oder gründen, seit zehn Jahren unverändert um vier Prozent der Erwerbstätigen dümpelt, ist Deutschland längst Weltmeister beim Verteilen von Fördergeldern. In keinem Land gibt es so viele staatliche Hilfsangebote, sagen Experten.
Rolf Sternberg, Leiter des deutschen GEM-Teams und Wirtschaftsgeografieprofessor an der Leibniz Universität Hannover, ist skeptisch: "Die Hypothese, dass staatliche Fördermittel Gründungsaktivitäten fördern, lässt sich mit den Daten aus den vergangenen zehn Jahren nicht zweifelsfrei belegen." Viele Experten machen den "Förderdschungel" dafür verantwortlich. Nur die Hälfte aller Gründer lässt sich beraten, ein Drittel nutzt staatliche Offerten. "Das ist schade. Unsere Daten zeigen: Diejenigen, die sich Hilfe holen, geben seltener auf und gründen erfolgreicher", sagt Sternberg. Ein Viertel aller Entrepreneure startet mit Geld vom Staat. Die Programme sind vielfältig - und schwer zu überschauen.
© 2010 impulse













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