Gründung Berliner Ideen: Wo Bücher den Ton angeben

Techno, Elektro, House: Die Musikkultur in Berlin pulsiert und lieferte David Armengou die Inspiration für eine ungewöhnliche Geschäftsidee: Ein Buchladen, spezialisiert auf elektronische Beats. Welche Hürden er nehmen musste - und welche Tipps er für andere Gründer parat hat, erzählt Armengou im impulse-Gespräch.

Ein Katalane, der im Berliner Wedding einen Buchladen für zeitgenössische Musik eröffnet. Es ist eine ungewöhnliche Kombination an einem ungewöhnlichen Ort: abseits der hippen Szenelokale in einem schlichten Wohngegend. Während auf der vierspurigen Badstraße, einer Nord-Süd-Verbindung Berlins, der Verkehr tobt, geht es in der angrenzenden Grüntalerstraße ruhig zu. Wer danach sucht, findet hier den Buchladen Echo von David Armengou. Seine blauen Stühle auf dem Gehweg sind seit einem Jahr ein Farbklecks im Viertel.

Armengou setzt bei dem Laden auf Purismus: außen ein Fenster und eine Glastür, innen ein schlauchartiger Raum, kaum vier Meter breit, weiß gestrichen. Neonröhren hängen an den Decken. Lichtinstallationen umranden an der Wand Zitate wie „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ von Nietzsche. Schallplatten in gestapelten grauen Boxen stehen neben dem DJ-Pult. Auf Paletten am Boden liegen Großdrucke von Fotografien. Schräg geschraubte, schmale, graue Holzleisten dienen als Bücherregal, auf den Tischen drängen sich bunte Buchcover von Berliner Clubkultur wie „Lost and Sound“ und „Musik“ von Hermann Hesse. Echo soll Gegensätze verbinden.

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Idee

Vor  gut 15 Jahren kam Armengou als Philosophie- und Germanistikstudent aus Barcelona nach Berlin, landete mitten in der pulsierenden Elektro- und Technoszene und blieb. 2002 eröffnete er mit Freunden in Mitte den off-space „Carlos Depot“, eine wilde Mischung aus Kunst, Musik und Events. Nach der Schließung 2004 und einem Ausflug ins Verlagswesen, beschloss er Musik, Kunst und Bücher zu verbinden. Die Suche nach einem Raum dauerte nicht lange. Er entdeckte ein runtergekommenes Ladenlokal in der Grüntalerstraße und mietete es. „Mich hat hier alles an den Prenzlauer Berg in den 90er Jahren erinnert“, sagt der 40-Jährige. „Hier sind die Mieten noch moderat und im Kiez tut sich viel.“

Finanzen

Ohne die Hilfe von Freunden gäbe es den Laden nicht. „Es war ein leerer Raum ohne Toilette und alles musste renoviert werden“, erzählt Armengou. Schichten von Tapeten wurden herausgerissen und einfache Möbel selbst konstruiert. „Der Umbau hat 12.000 Euro gekostet. Eigentlich sehr wenig, wenn man bedenkt, dass der Raum in einem sehr schlechten Zustand war“, erzählt er. „Ich habe alles gemeinsam mit Freunden renoviert. Alleine hätte ich das nie geschafft.“

Die Designerin Andrea Horn gestaltete das Logo, die Künstlerin Petra Trefzger die Inneneinrichtung. „Wir haben alles minimalistisch, eckig gehalten, dass passt zum Techno und der Elektromusik. Die Bücher bringen Wärme und eine Seele in den Raum.“ Zur Eröffnung von Echo kam im Sommer 2013 die Szene zusammen: Es wurde eine Ausstellung von dem Hamburger Künstler Stefan Marx gezeigt und DJs wie Oskar Offermann und Edward Musik legten auf.

Die Verbindung von Musik und Büchern ist eine charmante Idee – aber kann man davon wirklich leben? „Seit dem Frühling kann ich die Miete von 760 Euro durch den Verkauf von Büchern, Platten, Kunst und den Events finanzieren“, sagt Armengou. Vorher habe er seine Ersparnisse genutzt. „Einen Kredit wollte ich nicht aufnehmen und auch einen Businessplan gibt es nicht, das Finanzielle managt ein Steuerberater, ich kümmere mich um die Bücher.“ Die Bücher und Platten im Laden bestellt er meist auf Kommission. „Den Gewinn investiere ich wieder in Bücher, Platten und Sondereditionen, die mir persönlich gefallen.“

Hürden

Probleme gebe es manchmal mit den Anwohnern wegen der Musik am Abend. „Jetzt plane ich, die Ausstellungen und Buchpräsentationen auf den frühen Abend vorzuverlegen, damit es um 22 Uhr leise ist.“ Ein anderer Raum für Musikveranstaltungen, weiter vom Zentrum entfernt, sei keine Option. „Hier ist der Buchladen ohnehin abgelegen, mit wenig Laufkundschaft. Die Leute kommen hierher, weil sie von dem Laden gehört haben oder ein konkretes Buch kaufen möchten“, erzählt Armengou.

Dabei sei es ein Vorteil gewesen, bisher keine Homepage, sondern nur eine Facebook-Seite  zu haben: „Das ist so ungewöhnlich, dass es neugierig macht. Viele Interessierte sind vorbeigekommen, weil sie den Buchladen sehen wollten und sich im Internet kein Bild davon machen konnten.“

Das größte Lob war der Besuch von Alexander Hacke, der Bassist der Band Einstürzende Neubauten. „Er schaute sich alles begeistert an, wie ein Kind auf dem Spielplatz und hat mir gesagt, dass er den Laden toll findet“, erinnert sich David Armengou. „Das war das schönste Kompliment überhaupt, wenn Leute sich so gut mit der Musik auskennen und sich über die Bücher freuen.“

Ziele

Im Gegensatz zu Berlin gebe es in seiner Heimatstadt Barcelona viele Buchläden mit Cafés. „Ich fände es schön, das auch hier zu etablieren. Dann würde ich auch Frühstück anbieten.“ Bisher sei montags noch geschlossen und an anderen Tagen erst ab 15 Uhr geöffnet, aber das könnte sich bald ändern. Der Laden würde immer bekannter, obwohl er abseits hinter dem Gesundbrunnen-Center liege. „Es kommen Touristen, die in Blogs über Echo gelesen haben und sich für die Musikgeschichte von Berlin interessieren und in der Techno-Bibliothek mit unverkäuflichen Sammlerstücken stöbern wollen.“

Auch über die Kunstausstellungen und die Events mit Livemusik oder DJ würde der Laden sich herumsprechen. Trotz Kunst und Schallplatten überwiegen bei Echo aber die Bücher. Irgendwann könnte aus dem Buchladen aber auch ein Plattenladen werden, siniert David Armengou. „Ich habe viele Platten von independent Labels und seltene Editionen wie Edition Fieber oder Corvo Records, betont er. „Ich möchte noch viel ausprobieren.“

Tipps

Einen Buchladen zu einem so spezialisierten Thema wie elektronische Musik zu eröffnen, sei ein Risiko gewesen, auch finanziell. Aber sein Lieblingsspruch sei: „Lebe immer mit dem Versuch, das Unmögliche zu verwirklichen“. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hat David Armengou sein Projekt angestoßen. „Man muss sich nur trauen“, ist der Familienvater überzeugt. „Wenn man seine Träume verwirklichen möchte und den Willen hat, sie durchzusetzen, wird es auch funktionieren.“ Anfangs habe er gedacht, gegen Amazon keine Chance zu haben. Aber wenn man sich spezialisiert, wird man von den Kunden geschätzt und unterstützt. Es gleicht einer Lawine, wie der Laden immer bekannter wird. Er ist wie ein Schiff im Wind. Wo es mich hintreibt, ist egal, Hauptsache es macht Spaß.“

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