Gründung „Betreff: Nehmt mein Geld“

Protonet-Gründer Ali Jelveh mit der "Maya", einem persönlichen Server, der besonders sicher sein soll. Über 2000 Privatleute investierten letztes Jahr in das Start-up.

Protonet-Gründer Ali Jelveh mit der "Maya", einem persönlichen Server, der besonders sicher sein soll. Über 2000 Privatleute investierten letztes Jahr in das Start-up.© Protonet

Vor einem halben Jahr legte das Hamburger Start-up Protonet die erfolgreichste Crowdfinanzierung hin, die es je gab: In sechs Tagen sammelte die Firma drei Millionen Euro ein. Investoren schrieben Bettelbriefe, dass man doch bitte ihr Geld nehmen sollte. Jetzt luden die Gründer zu einer Art Hauptversammlung ein. Die Euphorie ist hartem Alltag gewichen.

„Ich kenne Hauptversammlungen ja auch nur aus dem Fernsehen“, sagt Protonet-Gründer Ali Jelveh, als er am vergangenen Samstag in T-Shirt und Turnschuhen auf die Bühne tritt. „Ich hoffe, wir machen heute eine coole Show für Euch.“ Das Publikum lacht, scheinbar erleichtert, dass der Mann mit dem Mikro anders redet als die Vorstände von Thyssen Krupp oder Volkswagen. „Ich war schon oft genug auf Hauptversammlungen, bei denen selbst der Justiziar einschläft“, sagt einer der Zuhörer später.

Protonet ist kein Aktienunternehmen, es hat sein Kapital durch Crowdfinanzierung eingesammelt. Die Firma ist nicht verpflichtet, Rechenschaft abzulegen. „Aber wir wollen Transparenz schaffen“, sagt Gründer Jelveh.

Anzeige

Hauptversammlung auf der Reeperbahn

200 Investoren sind ins Hamburger Schmidt Theater gekommen, mitten auf der Reeperbahn. 90 Prozent sind männlich, eher 40 Jahre und älter, sogar einige Schlipsträger sind da. Geldgeber sehen offenbar immer gleich aus, egal ob sie bei Thyssen Krupp oder in ein Start-up investieren. Die Crowd ist weder jung noch hip. Aber sie ist zahlungskräftig.

Ein gutes halbes Jahr ist es her, dass sie einen Weltrekord möglich machte. Damals rief Protonet Privatanleger auf, Geld in die Firma zu stecken. Die Gründer rechneten mit 500.000 Euro – wenn es gut läuft. Schließlich hatten sie im Vorjahr gerade einmal 300.000 Euro Umsatz gemacht. Es dauerte keine zehn Stunden, da waren 1,5 Millionen Euro beisammen. Die Server kapitulierten, Telefonleitungen brachen zusammen. Aus der Not kamen einige Investoren persönlich im Protonet-Büro vorbei, um doch noch irgendwie ihr Geld loszuwerden.

„Betreff: Nehmt mein Geld“

Jelveh projiziert eine Email eines Investors namens Steffen auf die Bühne des Schmidt-Theaters. „Nehmt mein Geld“, steht in der Betreffzeile. In der ersten Reihe im Schmidt Theater reißt einer die Arme hoch. Es ist offenbar Steffen. Das Publikum lacht.

Dass Jelveh an diese verrückten Tage erinnert, in denen es im Team vor laute Euphorie Heiratsanträge gab, an denen vom „heute Journal“ bis „Russia today“ sämtlich Fernsehsender berichteten, und am Ende sogar drei Millionen Euro eingesammeltes Kapital standen, ist klug gemacht. Die Stimmung unter den Investoren ist gut – auch wenn es die Zahlen nicht durchweg sind.

Einen Umsatz von rund 1,3 Millionen Euro hatte sich das Start-up für 2014 vorgenommen, geworden sind es rund 300.000 weniger. Die Kosten dagegen fielen höher aus. Am Ende steht für das Jahr ein Minus von beinah einer Million Euro.

Aufmerksamkeit reicht nicht

„Was mir viel mehr weh tut als die Zielverfehlung“, sagt Protonets Finanzchef Boris Siegenthaler, „ist das Potential, das wir nicht realisieren können. Wir haben durch das Crowdfunding so viel Aufmerksamkeit bekommen, aber wir konnten sie nicht konvertieren. Wir haben den Hebel nicht gefunden, wie wir die Leute, die über uns lesen, dazu zu bringen, auch eine Box zu kaufen.“

Protonet teilt ein Schicksal vieler Unternehmen: Ihr Produkt bewerben die Machen zwar als „einfachsten Server der Welt“. Dennoch ist es offenbar für viele nicht einfach zu verstehen, warum sie sich so einen Server anschaffen sollen.

Dabei sind die Zeiten eigentlich günstig. Denn Protonets Produkte sind eine Antwort auf die Datenskandale der letzten Jahre. „Maya“ heißt die kleine Version des Servers, den sich Freiberufler ins Büro stellen können, als persönlichen Cloud-Speicherdienst. Größere Firmen wählen die Version „Carla“. Auf dem Server hinterlegen Nutzer ihre Daten. Sie können von unterwegs darauf zugreifen und mit mehreren Kollegen gemeinsam arbeiten. Der Service funktioniert ähnlich wie die Speicherdienste von Google, Dropbox oder Skype – mit dem Unterschied, dass die Daten auf dem eigenen Server gespeichert werden.

Die Bürger ergeben sich den Datenkraken

Eigentlich müsste die NSA-Affäre da wie eine zusätzliche Marketingkampagne gewirkt haben. Aber Protonet konnte den Schwung nicht ganz nutzen, viele Bürger haben sich den Datenkraken scheinbar wehrlos ergeben. Und wen es nicht interessiert, dass andere auf persönliche Unterlagen zugreifen können, der schafft sich auch keinen persönlichen Server an. Ein Geschäft mit dem IT-Distributor comline musste rückabgewickelt werden, weil die Nachfrage nicht groß genug war.

Protonet will nun massiv in den Vertrieb investieren. „Es reicht nicht, einfach Boxen zu Distributoren zu schicken“, sagt Jelveh. Man sei selbst dafür verantwortlich, wie gut der Fachhandel möglichen Kunden das Produkt auch erklärt.

„Legèr, aber kompetent“

Die Investoren scheinen die Strategie mitzutragen. „Die Zahlen sind schon in Ordnung“, sagt einer in der Pause. Die Veranstaltung sei super, „leger, aber kompetent. Das schafft schon Vertrauen.“ Nur die Zahlen zur Liquidität bereiteten ein wenig Bauchschmerzen. „Dass in zehn Monaten das Licht ausgeht, wenn kein neues Geld fließt, finde ich schon überraschend.“

Als Ali Jelveh mit seiner Präsentation fertig ist, scheinen die meisten Zuhörer trotzdem zufrieden. Die Fragen ans Management fallen eher zahm aus. Und die Erreichung eines Tagesziels kann der Gründer immerhin verbuchen, als er ins Publikum blickt: „Ich sehe niemand, der schläft.“

4 Kommentare
  • Jochen 26. Februar 2015 11:24

    Diese Markt ist verteilt. Hier zählt nur der Preis. Den meisten Kleinunternehmen reicht eine Box von Qnap, etc. für einige 100 EUR. Da kann man noch so tolles Webmarketing machen. Und Außendienstler zu jedem Handwerker in der Republik zu schicken rechnet sich nicht.

    Meine Prognose: Protonet wird in 1-2 Jahren Insolvenz anmelden. Schade um das Geld der Crowd.

  • Patrick 25. Februar 2015 11:56

    Schließe mich an. Als ich mich über die Box informiert habe für ein tatsächliches Interesse eines Kunden waren viele der Funktionen die die Datenkraken zur Verfügung stellen nicht da. Wenn man eine Alternative dazu darstellen möchte, sollte man auch entsprechende Funktionen anbieten, die einen Wechsel ermöglichen.

    Hinzu kommt das über-regionale Sharing. Mit den mickrigen 5 mbit Upload die ich bei meiner 100 mbit Download-Leitung habe, kann ich niemals einen solch schnellen Zugriff für die Außenstehenden ermöglichen, falls ich denn möchte (VPN-gestützt, etc.). Das ist ja auch noch eine bisschen politisch langfristige Frage, was man den Schafen erlauben möchte.. dirigiert durch Bigbrother USA.

  • Jan 24. Februar 2015 13:33

    it’s the software stupid.
    die könnten über diesoftware doch deutlich leichterskalieren. verstehe nicht, dass das nicht gemacht wird.

  • Richard 23. Februar 2015 16:02

    Das Problem bei Protonet ist eindeutig die Preisgestaltung bzw. Preis-/Leistungsverhältnis. Es gibt Mitbewerber – wie z.B. Synology – die vergleichbare Lösungen für den halben Preis oder noch weniger anbieten. Und dabei stellt Synology schon das Flaggschiff dar, preislich sowie qualitativ. Also der Mercedes unter den Anbietern.
    Klar, die Protonet-Leute haben ein stylisches Produkt, eine schicke Oberfläche (die man leider nicht separat erwerben kann) und entsprechende Publicity. Aber das reicht eben nicht. Vielleicht sollte Protonet „nur“ seine Software-Oberfläche – welche m.E. das Protonet-Herzstück ist -verkaufen und die Hardware selber anderen überlassen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.