Gründung Digitale Wirtschaft: Droht eine neue Blase?

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Droht uns eine neue Blase bei Webfirmen?

Droht uns eine neue Blase bei Webfirmen?© klublu - Fotolia.com

Der geschätzte Wert von Start-ups hat wieder schwindelerregende Höhen erreicht. impulse-Blogger Thomas Funke fragt sich: Stehen wir nach der spektakulären dot.com-Blase im Jahr 2000 vor dem Platzen einer neuen Blase?

Der geschätzte Wert von Start-ups hat wieder schwindelerregende Höhen erreicht. Wir haben es alle mitbekommen: Whatsapp, ein Unternehmen mit 50 Mitarbeitern wurde kürzlich für 19 Milliarden US-Dollar von Facebook übernommen, circa ein Sechstel des Börsenwertes von Siemens, dem „wertvollsten“ deutschen Unternehmen, welches weltweit 366.000 Mitarbeiter (73.200 mal so viele!) beschäftigt.

Nicht schon wieder, hab ich mir da im ersten Moment gedacht. 14 Jahre nach dem Platzen der Dot-Com-Blase im März des Jahres 2000 entwickelt sich eine weitere Blase, die kurz vor dem Platzen steht. Die reine Anzahl an Software-Start-ups hat einen erneuten Höhepunkt erreicht – und vielleicht sind auch die aktuellen Erfindungen bis auf wenige Ausnahmen keine wirklichen Neuerungen, sondern nur inkrementelle Verbesserungen bereits bestehender Angebote.

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Wer braucht schon eine weitere Photo-Sharing-App oder einen Kurznachrichtendienst? Schnell war mein Schluss: Es besteht abermals die Gefahr, dass Geld gedankenlos in Start-ups – Fässer ohne Boden – gesteckt wird! Und auch Marc Andreessen, Mitgründer von Netscape, der die erste Dot-Com-Blase vom ihrem Schmelztiegel heraus beobachten konnte, warnt:

„als das vergangene Mal die Blase platzte, dauerte es zehn Jahre, bis die Psychologie wieder auf null gesetzt werden konnte“,

Zudem keimen immer mehr heftige Diskussionen über soziale Spannungen und Ungleichheiten in solch wirtschaftlich erfolgreichen Regionen wie dem Silicon Valley auf, die die kritische Sichtweise der aktuellen Entwicklungen noch mehr befeuern. Es scheint vieles dafür zu sprechen: Wir sind mitten in einer neuen Blase. Oder doch nicht? Ich bin anderer Meinung: Diese jetzige Gründungswelle in der Digitalwirtschaft ist eine entschieden andere! Warum?

1. Der heutige Boom steht auf solideren Säulen

Die Basisbestandteile für die heutigen digitalen Dienste und Produkte sind ausreichend weit entwickelt, günstig und breit verfügbar. Was heißt das? Durch die Verbesserung der Breitbandtechnologie sind mehr Menschen, schneller und günstiger mit dem Internet verbunden. Neue Produktkategorien – Smartphone und Tablet – ermöglichen es Menschen, sich nicht nur zu Hause oder im Büro, sondern auch unterwegs mit dem Internet auf neuartigen Wegen (Touchscreen, Sprachbefehle) zu verbinden. Fast zwei Milliarden Smartphone-Nutzer gibt es weltweit – und damit eine Zahl kritischer Größe an Kunden.

Anders als zur Jahrtausendwende, als die Menschheit den Weg ins Web mühsam über langsame Modems fand, sind die neuen Smartphones immer empfangsbereit und online. Die Zahl der Internetnutzer steigt stündlich. Jeder dritte Mensch ist bereits „online“. Um 50 Millionen Menschen zu erreichen, benötigte das Telefon 75 Jahre, das Radio 38 Jahre, das Fernsehen 13 Jahre, das Internet nur noch vier Jahre und die beliebtesten „Apps“ heutzutage wenige Wochen, zeigt eine Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. Im Durchschnitt verbringen Menschen 26 Prozent ihrer Freizeit im Internet und 12 Prozent auf mobilen Endgeräten. Dem Fernsehen (noch 42 Prozent) und Radio werden dadurch zunehmend Anteile abgenommen. Gründer und Unternehmer auf der ganzen Welt nutzen diese Reichweitenvorteile des Internets anstelle von traditionellen Kanälen, um ihre Produkte und Dienstleistungen weltweit anzubieten oder zu vermarkten. Diese neu gewonnene Flexibilität bietet jungen Firmen die Chance, im Konzert der Großen mitzuspielen.

2. Der Einfluss der Millenials

Hinzu kommt, dass die Generation der Millennials sich mehr und früher denn je mit dem Thema Unternehmensgründung beschäftigt – früher als jede Generation vor ihnen im gleichen Alter (18 bis 30 Jahre). Laut einer aktuellen Befragung von 12.000 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren in 27 Ländern durch die US-amerikaische Kauffmann Foundation sehen mehr als zwei Drittel eine gute Chance, Unternehmer zu werden. Neue Wertevorstellungen, von der Sichtweise „Arbeit zum Geldverdienen“ hin zu „Arbeit ist mehr als Geld verdienen“, die dadurch verschwimmenden Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben. All dies bewirkt, dass Millennials die Bestrebung nach einem herkömmlichen Karrierepfad aufgeben. Manch einer, der noch vor einigen Jahren Berater oder Investmentbanker werden wollte, gründet heute lieber.

3. Gründen ist einfacher

Und es ist auch denkbar einfacher: Historisch teure Ressourcen wurden signifikant günstiger (ein Computer kostete vor ein paar Jahren noch mehrere tausend Euro), Outsourcing- oder Rationalisierungsprozesse erlauben Gründern, sich auf das zu konzentrieren, was sie am besten können. Man muss also nicht mehr zwangsweise ein Kind reicher Eltern oder besonders begabt sein. Es bedarf nur einer Handvoll motivierter Individuen, um zu gründen.

Auf der einen Seite nimmt also der Druck nach einer geradlinigen Karriere für Millennials ab. Auf der anderen Seite nehmen die Versuchung, der Mut und die Möglichkeiten zur Unternehmensgründung zu. Und dieser Mut von Millenials zur Gründung signalisiert einen kulturellen Wandel. Auch die kritischen Stimmen, die zurecht für die frühzeitige Validierung des jeweiligen Geschäftsmodells plädieren, sorgen dafür, dass die Szene sich im Zuge dieser Bewegung neu ausrichtet und nachhaltiger aufstellt als noch in den 90er Jahren.

4. Abseits von Silicon Valley

Noch ein wichtiger Punkt: Lange Zeit lag das Augenmerk fast ausschließlich auf dem Silicon Valley. Nun erscheinen – langsam, aber sicher – weitere, durchaus erfolgreiche Gründerökosysteme auf der weltweiten Unternehmerlandkarte. Global erfolgreiche Gründungen und vielbeachtete Start-ups entstehen nicht mehr ausschließlich im Silicon Valley. Orte, die noch vor fünf bis zehn Jahren kaum oder gar nicht bekannt waren, entfalten einen ähnlichen Zauber, wie am Beispiel Tel Aviv und dem Silicon Wadi zu sehen.

Ein weiteres Beispiel: Berlin. Hier setzte die digitale Wirtschaft laut dem Amt für Statistik Berlin/Brandenburg im Jahr 2013 schon 8,9 Milliarden Euro um und beschäftigte 62.400 Menschen. Allein die Passagierzahlen auf den Berliner Flughäfen stieg von 12 Millionen pro Jahr im Jahr 2002 auf mittlerweile 25 Millionen pro Jahr. Im Jahr 2013 wurden allein in Berlin 674 Millionen Euro Venture Capital in Technologie oder Internetfirmen investiert: ein Plus von 19 Prozent gegenüber 2012, so der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften e. V.. Auch ein gutes Zeichen ist, dass in vergleichsweise weniger Firmen (780 in 2012 und 723 in 2013), dafür aber mit größerem Summen (ab 1 Millionen Euro) investiert wird. Genau hier herrschte in den vergangenen Jahren ein Engpass.

Und: Es ist bei weitem nicht nur die Digitalwirtschaft, die sich so rasant entwickelt. In anderen Bereichen, die nicht so exponiert sind, hat sich beispielsweise Berlin ebenfalls ein Profil erarbeitet. Neben der IT und Verkehrstechnik sind es vor allem die Energiebranche und die Gesundheitswirtschaft. Die Leistungsfähigkeit der Branche zeigen die Beschäftigungszahlen. 313.000 Menschen arbeiten in dieser Region in der Gesundheitswirtschaft (Biotechnologie und Medizintechnik). 200 Firmen haben sich seit der Wende im Jahr 1990 in der Biotechnologie gegründet, 300 Betriebe in der Medizintechnik. Und das an einem Ort, an dem es früher gerade einmal die 300 Jahre alte Charité gab sowie den Pharmakonzern Schering.

Blase hin oder her

Nicht verleugnen lässt sich, dass die digitale Wirtschaft aktuell fast alle Bereiche unseres Lebens – sowohl privat als auch beruflich – verändert. Nicht nur gänzlich neue Formen des Konsums und der Kommunikation treten auf, auch Produktionsprozesse gestalten sich neu, vernetzen sich (Stichwort Industrie 4.0), und beeinflussen damit das alltägliche Leben eines jeden von uns. Der Economist beschrieb den aktuellen Trend in dieser Branche als kambrische Explosion von Gründungen, die in einer erstaunlichen Vielfalt von Dienstleistungen und Produkten resultieren und jeden Winkel der Wirtschaft durchdringen und verändern. Unter kambrischer Explosion versteht man das fast gleichzeitige, erstmalige Vorkommen von Vertretern fast aller heutigen Tierstämme vor etwa 543 Millionen Jahren.

Ich bin der Meinung: Die aktuelle Entrepreneurship-Bewegung ist keine weitere Blase. Im Gegenteil. Sie eröffnet gänzlich neue Chancen und Möglichkeiten. Wir müssen sie nur erkennen und ergreifen.

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