Gründung „Fuck Up Nights“: Schöner Scheitern in Berlin

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Patrick Wagner (44) setzte gleich zwei Firmen in den Sand, darunter ein Plattenlabel - und findet es befreiend, darüber zu erzählen.

Patrick Wagner (44) setzte gleich zwei Firmen in den Sand, darunter ein Plattenlabel - und findet es befreiend, darüber zu erzählen. © dpa

Wer spricht schon gerne über seine Niederlagen? Bei den "Fuck Up Nights" in Berlin machen die Leute auf der Bühne genau das. Ein Abend mit einem gescheiterten Schokoladen-Pionier, einem Werber und einem Shitstorm-Opfer.

Mo Drescher ist ein ruhigerer Typ mit Trend-Vollbart. Er hat eine steile Karriere als Werber hinter sich. Dann hat er sich mit seinen Partnern mit einer eigenen Agentur verhoben. Beispiel: Die Büroräume sollten aussehen wie in der Serie „Mad Men“, eine teure Sache. „Wir waren die nächste Werbeagentur, die die Welt nicht brauchte.“ Nach dem „Mega-Crash“ erlebte er „Schadenfreude, unendliche Trauer, gähnende Leere“. Niemand rief an. Drescher war froh, eine starke Familie zu haben.

Bei den „Fuck Up Nights“ im „Rainmaking Loft“ in Kreuzberg, zwischen Café und Start-up-Büro, erzählen Drescher und andere junge Unternehmer von ihren Erfahrungen beim Scheitern – und ihren, teils krachenden, beruflichen Niederlagen. Die Idee entstand 2012 in Mexiko im Umfeld der Start-up-Szene. Bei jungen Internetunternehmern sind zündende Ideen, die Flops werden, häufig. Man lerne mehr aus den Niederlagen als aus den Erfolgen, heißt es auf der Homepage von „Fuck Up“ (etwa: Mist bauen, etwas versemmeln). Demnach gibt es mittlerweile in 25 Ländern solche Abende, bei denen die Leute auf der Bühne ihre Debakel schildern.

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Die Botschaft: berufliche Niederlagen nicht mehr als persönliches Scheitern empfinden, es geht weiter. „Was ist denn eigentlich das Problem, wenn man eine Firma in den Sand setzt?“, fragt einer der Berliner Veranstalter, Patrick Wagner (44). Bei ihm waren es gleich zwei, darunter ein Plattenlabel. Er hat bei einer „Fuck Up Night“ in Düsseldorf davon erzählt. „Für mich war es befreiend.“ In Berlin soll es die Pleiten-Abende nun monatlich geben.

Zu scheitern und dazu zu stehen macht sympathisch

Im „Rainmaking Loft“ laufen zur Einstimmung Videos mit Unfällen und Pannen. Der Erste auf der Bühne ist der Schokoladen-Spezialist Holger In’t Veld. Er redet sich sehr unterhaltsam in Rage, aber bleibt etwas wolkig, was den Ablauf seiner Flops angeht. Als jemand aus dem Publikum wissen will, was er denn damals in die Steuererklärungen geschrieben habe, sagt In’t Veld: „Alter, was fragst du denn!“ Gelächter.

Auch Julia Schramm ging richtig baden – und landete bei Google unter den Shitstorm-Opfern ganz weit oben. Mit Mitte 20 hatte sie es in den Bundesvorstand der Piratenpartei geschafft. Doch der Rummel als Spitzenpolitikerin wuchs ihr über den Kopf. Bei der „Fuck Up Night“ in Berlin erzählt die 29-Jährige, wie das damals war, als sie mit ihrem eigenen Buch in der Urheberrechtsdebatte zur „Gier-Piratin“ abgestempelt wurde. Wie sich die Presse damals für ihre vielen Tweets oder plötzlich für ihr früheres Praktikum bei der FDP interessierte. „Es lief, es lief halt nur scheiße“, bilanziert sie. Sie habe die Größenverhältnisse nicht einschätzen können. „Ich bin an Zielen gescheitert, die ich mir nie gesetzt habe.“ Und sie erzählt von ihrem Rücktritt: „ein halbes Jahr gar nichts außer Baldrian-Zigaretten“. Das Publikum im rappelvollen Saal ist angetan.

In Schönheit scheitern und dazu stehen, das macht sympathisch. Es gehört Mut dazu, sich auf der Bühne so zu offenbaren. Das spüren die Zuschauer.

Drei Geschichten mit Happy End

Die drei Geschichten haben alle ein Happy End. Holger In’t Veld will einen neuen Laden eröffnen. Mo Drescher ist jetzt Berater für Nachhaltigkeit. Julia Schramm schreibt für den „Merkel-Blog“ und arbeitet für die Amadeu Antonio Stiftung. „Ich werde dafür bezahlt, Nazis zu bekämpfen, und das ist ist ziemlich cool.“

 

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