Fleischeslust in Kambodscha Das Eine-Million-Dollar-Würstchen

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Rolf Lanzinger zeigt in der Kühlkammer seiner Fabrik in Phnom Penh einer seiner Bestseller: eine Bratwurst nach deutscher Art.

Rolf Lanzinger zeigt in der Kühlkammer seiner Fabrik in Phnom Penh einer seiner Bestseller: eine Bratwurst nach deutscher Art.© Andrzej Rybak

In seiner Wahlheimat Kambodscha hangelte sich Rolf Lanzinger von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob - bis er bei einem Metzger anheuerte und deutsche Würstchen zu einem Kassenschlager in Fernost machte.

Für Rolf Lanzinger ging es schon häufiger um die Wurst. Fleischwurst zum Beispiel: Zehn Kilogramm leicht gefrorenes Schweine- und Rindfleisch, Schinken, Speck, Niere, Magen. Dazu etwas Chili, Pfeffer, Ingwer, Weizenstärke, Soja, Salz, Phosphat. Das Ganze mit Eiswasser vermengen, Naturdarm drum herum. „Kein großes Geheimnis“ so eine Wurst, sagt Rolf Lanzinger.

Es ist ein bemerkenswerter Satz für den Vertreter einer Branche, die in Deutschland vor ­allem mit eingepferchten Tieren, Futtermittelskandalen und überklebten Haltbarkeitsdaten Schlagzeilen macht. Es ist ein Satz, der signalisieren soll: Glaub mir, ich bin anders! Und wahrscheinlich gibt es einen wie Lanzinger wirklich kein zweites Mal in dieser Branche.

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Lanzinger, 57 Jahre alt, bezeichnet sich selbst als „Marktführer für Qualitätswurstwaren“ – aber nicht irgendwo, sondern in Kambodscha. 1992 ist der Deutsche aus Hohentwiel bei ­Konstanz nach Phnom Penh in Kambodscha gekommen. Etwa 300 Restaurants, Bars und Hotels in dem Land versorgt Lanzinger mit seinen Delikatessen. Rund eine Million US-Dollar Umsatz erwirtschaftet sein 18-Mitarbeiter-Betrieb Dan Meats so jedes Jahr. Wann immer in dem asiatischen Land eine Brat-, Knack- oder Wiener Wurst auf dem Teller landet, kommt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihm.

„Dies hier ist mein zweites Leben“

Auch nach mehr als 20 Jahren sieht Lanzinger in seiner neuen Heimat noch immer ein bisschen wie ein deutscher Badetourist aus. Sein Gesicht ist von der Hitze gerötet, auf seiner Stirn sammeln sich Schweißperlen, um den Nacken hat Lanzinger häufig ein Handtuch gelegt. Während er gemütlich auf einer der vielen Motorradrikschas in Kambodschas Hauptstadt durch die Straßen tuckert, sagt er: „Dies hier ist mein zweites Leben.“

Sein erstes Leben führt er in Deutschland – 1992 nimmt es eine Wendung. Damals beschließt der Bundestag erstmals, dass sich die Bundeswehr an einer Uno-Mission beteiligt. Lanzinger ist 34 Jahre alt und schließt sich der Truppe als Krankenpfleger an. 448 deutsche Soldaten fliegen nach Kambodscha, um die ersten Wahlen nach der Vertreibung der Roten Khmer zu sichern. ­Lanzinger, den seine Kameraden Lanzi ­rufen, soll eine Feldklinik aufbauen.

Phnom Penh empfängt die Soldaten „unheimlich dreckig“, so ­erinnert sich Lanzinger heute. Kein Strom, kein fließendes Wasser. „Die erste Nacht habe ich im Hotel unter dem Bett verbracht, ganz in der Nähe wurde ­geschossen.“

Aufbruchstimmung in Kambodscha

Nach zwei Jahren ist die Mission abgeschlossen. Zu Hause in Deutschland findet sich ­Lanzinger nicht mehr zurecht. Seine Heimat kommt ihm abweisend und unfreundlich vor. „Es gibt keine Menschen auf der Welt, die so schön lächeln können wie die Khmer“, sagt er. Ihm fehlen die kambodschanischen Freunde, die vielen Geräusche und Gerüche, das Klopfen der Suppenverkäufer, die lautstark ihre Ankunft bekunden. In Kambodscha hat er junge Menschen getroffen, die dem Massenmord von Pol Pot entkommen sind und nun ein neues ­Leben aufbauen wollen. Überall im Land spürt er Aufbruch. Da will Lanzinger dabei sein.

Er bittet seine Vorgesetzten um Entlassung, wie es im Bundeswehrjargon heißt. Lanzinger ­verkauft seine Habe in Deutschland und zieht nach Phnom Penh. Anfangs schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch, schläft bei Freunden auf der Couch. Dann gründet er die Cux-Enterprise (Cux steht für Cuxhaven, wo sein bester Freund und Partner wohnt) und handelt mit Ersatzteilen für die schweren russischen Lieferwagen Ural und Kamaz. Das Geschäft läuft gut. Es hätte viele Jahre so weitergehen können. Doch 1997, als der kommunistische Ministerpräsident seinen Konkurrenten ins Exil zwingt, brechen in Phnom Penh schwere Unruhen aus. Drei Tage wird in der Hauptstadt scharf ­geschossen. Lanzingers Haus liegt inmitten der Kampfzone, er kann nicht vor die Tür. Die ­Lagerräume seiner Firma werden geplündert. Als die Unruhen sich legen, ist Lanzinger pleite.

Freunde bieten ihre Hilfe an, um das alte ­Import-Export-Geschäft neu aufzubauen. Aber der Unternehmer hat genug vom Handel. „Immer wieder mit dem Zoll über die Freigabe der Teile zu streiten, das kann man doch nicht ewig tun“, sagt er. Wieder sucht er nach ­Gelegenheitsjobs, wird bei einem dänischen Schlachtmeister fündig, für den er den Vertrieb übernimmt und erste Kontakte zu Hotels und Restaurants im Land schließt.

Vom Angestellten zum Chef

Als sein Kompagnon nach einiger Zeit aussteigt, um zurück nach Dänemark zu ziehen, übernimmt Lanzinger das Geschäft für einen symbolischen Preis und richtet es neu aus. Statt selbst zu schlachten (Lanzinger: „Dieses Gequieke!“), kauft er das Fleisch zu und ver­arbeitet es zu Wurst und Schinken. Bis heute ist seine Produktion zu etwa 80 Prozent aus Fleisch, das er von Farmern vor Ort kauft. Nur wenn die Qualität zu schlecht ist, weicht er auf Importfleisch etwa aus Australien aus. „Als ich mit den Blauhelmen hier war, haben alle darüber geklagt, dass es weder anständige Wurst noch Aufschnitt gibt“, sagt der einstige Feldwebel. „Ich war sicher, dass zumindest die Ausländer bei mir einkaufen würden.“ Dass auch die Kambodschaner so viel Geschmack an deutschen Wurstwaren finden, ahnt er nicht.

Bis vor der Übernahme hat Lanzinger Wurstwaren nur verkauft; wie sie zubereitet werden, weiß er nicht genau. Am Anfang läuft alles schief: Mal sind die Würste zu wabbelig, mal zu hart, mal zu pfeffrig, mal zu lasch. Lanzinger wäre wohl in die Insolvenz geschlittert, ­wäre nicht eines Tages ein Mitarbeiter des ­Gewürzherstellers Hela für eine Kundenvisite zu ihm nach Phnom Penh gekommen. „Ich habe von diesem Vertreter in drei Stunden mehr erfahren, als ich in einem ganzen Jahr gelernt hatte.“ Ein bisschen Glück gehöre eben auch zum Unternehmertum dazu, sagt Lanzinger.

Der Hela-Außendienstler ist viel herum­gekommen, hat Fleisch- und Wurstfabriken auf der ganzen Welt besichtigt. Er gab die ent­scheidenden Tipps, riet „die Messer in den Fleischwölfen immer wieder zu schärfen und eisgekühltes Wasser bei der Produktion zu be­nutzen.“ Der Vertreter verrät Lanzinger auch einen unter Fleischverarbeitern bekannten Kniff: die Zugabe von Phosphatsalzen. Sie öffnen die Zellstruktur des Fleisches, sodass mehr Wasser gebunden und die Wurst knackiger wird.

100 Kilo Wurst an einem Tag

Von da an geht es aufwärts mit Dan Meats. Immer seltener misslingt eine Produktion. Die Qualität der Würste wird besser – und das konstant: „Die Chili-Wurst schmeckt heute genauso wie vor einem Monat, darauf kann sich der Kunde verlassen“, sagt Lanzinger. Schon bald fertigt er 100 Kilogramm Wurst am Tag.

Lanzinger wohnt in demselben Haus, in dem auch produziert wird. Im Erdgeschoss der ­kleinen Villa steht die Metzgerei mit den ­großen Fleischwölfen und einer Ladenzeile, wo die Laufkundschaft Aufschnitt und andere Wurstspezialitäten kaufen kann. Hinten im Garten räuchert Lanzinger Schinken oder kocht Fleisch in mannshohen Töpfen.

Um dem kambodschanischen Gaumen zu entsprechen, verwendet Lanzinger für seine Würste relativ viel Chili und sehr wenig Salz. Auch der Pfeffer stammt aus der Region und kommt bei den einheimischen Kunden gut an, die nach Lanzingers Aussage jedes Jahr mehr werden. „Es gibt eine wachsende Mittelschicht in Kambodscha, die immer mehr Fleisch isst.“

„Die Leute vertragen keine ­Kritik“

Mit dem Wachstum muss Lanzinger auch mehr und mehr Mitarbeiter einstellen. Die 18-köpfige Belegschaft zu führen ist für ihn ­eine Herausforderung; sind die Mentalitäten in seiner neuen Heimat doch andere als in Deutschland: „Die Leute vertragen keine ­Kritik, vor allem nicht, wenn sie öffentlich geäußert wird und sie ihr Gesicht zu verlieren glauben“, sagt Lanzinger. Die Firma sei für sie wie ­Familie. Lanzinger redet daher täglich mit der ­Belegschaft, hört sich ihre Probleme an und plaudert über Privates. Das schafft Nähe.

Er streckt auch schon manchmal das Schulgeld vor oder zahlt eine Arztrechnung – Kosten, die dann vom Lohn abgezogen werden. Mit rund 250 US-Dollar bekommen seine Angestellten außerdem ein wesentlich höheres Monatsgehalt, als sie bei der Konkurrenz verdienen würden, zusätzlich ist jeder Mitarbeiter krankenversichert. „Ich weiß, es klingt nach Platitüde, aber sie sind das Herz der Firma“, sagt der Unternehmer. „Wenn sie gehen ­würden, müsste ich neue Leute suchen und ­anlernen – darunter leidet die Qualität.“

Je erfolgreicher Lanzingers Geschäft läuft, desto mehr Trittbrettfahrer und Ganoven versuchen, Geld von ihm zu erpressen, erzählt er. Immer wieder tauchten zweifelhafte Beamte bei Dan Meats auf, angeblich um die sanitären Konditionen zu überprüfen. Können sie weder schreiben noch Ausweise der Gesundheits­behörde vorlegen, schmeißt Lanzinger sie raus. „Höflich, aber entschieden“, sagt er. „Wenn du einmal zahlst, zahlst du immer.“

„Sie müssen ein Spion sein!“

Behördengänge sind nach wie vor nicht Lanzingers Stärke. Immer wieder vergreift sich der Fleischer im Ton, wird laut. Aus Deutschland sei er es eben gewohnt, dass bestimmte Sachen funktionierten, sagt er – auch wenn er schon 20 Jahre in Phnom Penh lebt. „Mir rutscht diese deutsche Mentalität einfach raus.“

Nur in Sachen Steuermoral ist Lanzinger voll integriert. Kleine Betriebe, die ­maximal zehn Personen beschäftigen, zahlen in Kambodscha einen niedrigeren Steuersatz als die ­großen. Deswegen hat Lanzinger Dan Meats aufgeteilt: Neun Mitarbeiter arbeiten offiziell in Phnom Penh, neun in Sihanoukville an der Küste. Meist helfen die Leute des einen Betriebs im anderen aus. Das schert die Behörden nicht. „Zahlt man in Kambodscha brav alle Steuern und Abgaben, ist man bald pleite“, sagt Lanzinger. Kein Einheimischer tue das.

Manche Schwierigkeiten kamen aber selbst für Lanzinger unerwartet. „Irgendwann wurde ich mal von der Polizei vorgeladen“, erzählt der Deutsche. „Sie sagten, ich müsse ein Spion sein!“ Warum sonst sollte jemand von Deutschland nach Kambodscha ziehen? Lanzinger erwiderte mit brutaler Ehrlichkeit: „Euer Land ist für Deutschland so unbedeutend, dass es ­niemandem in den Sinn käme, einen Spion nach Phnom Penh zu entsenden.“ Dieses Argument hatte die Polizisten sofort überzeugt.

 

impulse-2-2016Ein Artikel aus der impulse-Ausgabe 02/16.

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