Hubba Wie der erste Co-Working-Space nach Thailand kam

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Erster! Amarit Charoenphan gründete im Jahr 2011 Hubba, Thailands ersten Co-Working-Space.

Erster! Amarit Charoenphan gründete im Jahr 2011 Hubba, Thailands ersten Co-Working-Space.© Tanja Demarmels

Obwohl Thailänder lieber alleine arbeiten, gründete Amarit Charoenphan 2012 den ersten Co-Working-Space des Landes. Wie er sie am Ende doch überzeugte.

Ich weiß: Die Idee, einen Co-Working-Space zu gründen, klingt heute alles andere als originell. Schließlich gibt es weltweit mehr als 3000 solcher Bürogemeinschaften, in denen sich Unternehmer und andere Kreative einen Arbeitsplatz teilen.

Doch so normal und verbreitet das Konzept in Deutschland oder Europa auch sein mag: Für mich und meinen Bruder war es ein Abenteuer, als wir vor gut drei Jahren mit unserer Firma Hubba die erste Bürogemeinschaft Bangkoks aufmachten. Und für unser Land war es ein kleiner Kulturschock.

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Bis dahin gab es in ganz Südostasien nur einen Co-Working-Space – in Singapur. Heute betreibt meine Firma allein in Thailand sechs Standorte, ein weiterer liegt in Laos. Es war ein langer Weg bis hierhin. Unterwegs mussten wir sogar eine alte Frau anflunkern.

Co-Working statt Frust im Home Office

Die Idee zu Hubba kam mir im Herbst 2011 nach einer schmerzhaften Erfahrung. Damals stand meine Wohnung in Bangkok nach einer Flut unter Wasser. Und so zog ich für einige Wochen zurück in mein Elternhaus. Wir haben 13 Hunde. Mein Bruder und ich hatten zu jener Zeit die Idee, eine App zu entwickeln, die es Bürgern ermöglichen sollte, mit ihrer Regierung in Dialog zu treten. Die Sache hatte nur einen Haken: Ich hatte bis dahin noch nie ein Programm geschrieben. Die App sollte nie fertig werden.

Ein Zuhause ist nicht gerade der beste Ort, um eine Firma zu gründen. Wann immer ich mit meinem Programm nicht weiterkam, saß ich frustriert in meinem Zimmer oder einem Café – und prokrastinierte. Ich vertrieb mir die Zeit, indem ich online nach Orten suchte, an denen ich effizienter arbeiten könnte.

Bei meiner Recherche stieß ich immer wieder auf ein Wort: Co-Working-Space. Es gab sie überall, in England, den USA, sogar in Singapur. Je mehr ich über die geteilten Büroräume erfuhr, desto mehr dachte ich: „Verdammt! So etwas braucht Thailand auch.“ Leider lag ich mit dieser Einschätzung falsch.

Thailand ist nicht Deutschland

In den USA oder Europa sind die Leute es gewohnt, in Teams zu arbeiten. Mitarbei­ter, Unternehmer oder Firmen verstärken ihre Produktivität, indem sie sich austauschen und gemeinsam nach Lösungen für ihre Probleme suchen.

In Thailand ist das anders. Die meisten Leute haben sich an einen Büroalltag gewöhnt, in dem sie allein ihre Jobs verrichten. Als ich etwa befreundeten Gründern von meiner Idee erzählte, fragten sie mich nur: „Wozu brauche ich so etwas?“ Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Schließlich hatte keiner von uns jemals einen Co-Working-Space betreten – nicht einmal ich selbst.

Familie und Freunde als erste Investoren

Alles was ich hatte, war die kühne Vision, dass etwas, das in Europa, Amerika oder Singapur gut funktionierte, eines Tages hoffentlich auch in Thailand klappen würde. Mit dieser Vision ging ich zu meinem Bruder, der als Erster an mich und die Co-Working-Idee glaubte. Wir nannten unsere neue Firma Hubba – eine Zusammensetzung der Worte „Hub“ (Englisch für Knotenpunkt) und „ba“ (Thai für verrückt).

Für die Anschubfinanzierung unseres verrückten Plans gingen mein Bruder und ich volles Risiko ein. Wir plünderten unsere Sparkonten und fragten Freunde und Familie nach finanzieller Unterstützung. Sie waren unsere ersten Business Angels.

In Amerika gibt es einen Spruch: „You fake it till you make it“ – also sinngemäß: Du gaukelst so lange Selbstvertrauen und Erfolg vor, bis du tatsächlich erfolgreich bist. Genau diese Taktik haben mein Bruder und ich anfangs angewandt. Wir hatte keine Wahl. Schließlich konnten wir nicht wissen, ob unser Plan eines Co-Working-Spaces in Thailand aufgehen würde. Wir waren ja die Ersten, die es probierten.

Mietvertrag dank Notlüge

Entsprechend kreativ verhielten wir uns bei der Immobiliensuche. Die Vermieterin des Bürogebäudes, in dem wir heute in Bangkok sitzen, ist eine alte und sehr nette Dame. Hätten wir ihr erzählt, was wir tatsächlich vorhaben, hätte sie wohl einen panischen Rückzieher gemacht, und wir hätten noch lange nach einer Immo­bilie suchen müssen.

Also behaupteten mein Bruder und ich, erfolgreiche Berater zu sein, die gerade neue Büroräume für ihre Firma suchten. Wir hatten genügend Geld eingesammelt, um die Lüge aufrechtzuerhalten. Außerdem trugen wir wirklich schicke Anzüge. Ende 2011 bekamen wir die Schlüssel. Ein halbes Jahr später feierten wir Eröffnung.

Die ersten zwei Monate waren furchtbar. Unser Co-Working-Space in Bangkok bietet Platz für knapp 200 Leute. Nach acht Wochen hatten wir einen einzigen Mieter. Wir hatten unsere eigene Kultur unterschätzt. Für mich ist ein Co-Working-Space mehr als ein Ort, an dem Leute sich ein Büro teilen, um Geld zu sparen. Co-Working-Spaces sind Orte, an denen neue Geschäftsideen entstehen. Sie werden dann mit Leben gefüllt, wenn aus Kooperation und Kollaboration eine Gemeinschaft erwächst.

Kunden mit Netzwerktreffen und Events überzeugt

Um erfolgreich zu sein, mussten wir unse­ren potenziellen Kunden diese Botschaft klar­machen, sie erziehen. Wir drehten Videos, orga­nisierten Rundgänge, bauten Informa­tionsgrafiken. Am hilfreichsten waren jedoch unsere Events, die bis heute eine wichtige Erlösquelle für uns sind.

Bei den Veranstaltungen, zu denen bis zu 400 Gäste erscheinen, erhalten Gründer Finanztipps, treffen Geldgeber oder tauschen sich untereinander aus. Gleichzeitig erleben die Gäste den Geist unseres Hauses: Jeder muss bei uns am Eingang die Schuhe ausziehen, zudem haben wir einen Garten, den wir gemeinsam pflegen. So wurden wir zum Treffpunkt der Bangkoker Start-up-Szene – und die Berührungsängste schwanden.

Die Konkurrenz wächst – und wir auch

Inzwischen haben auch andere Unternehmer in Thailand Co-Working-Spaces gegründet. Ich sehe sie jedoch nicht als Bedrohung, sondern eher als Bestätigung, dass wir mit unserer Vision heute noch immer richtig liegen. Allein in Bangkok sind von unseren 200 Büroplätzen inzwischen etwa 150 belegt. Seit knapp zwei Jahren ist unsere Firma profitabel – und wir möchten weiter wachsen: Aktuell schauen wir nach Standorten in Indonesien und Malaysia.

In diesem Jahr haben wir außerdem insgesamt 315.000 Euro von Risikokapitalgebern aus Singapur, Thailand und den USA einsammeln können. Mit diesem Geld wollen wir in nächster Zeit einen Ableger unseres Co-Working-Spaces vorantreiben, der sich speziell an Handwerker und Designer richtet. Ein anderes Projekt, das wir dank der Finanzierung stemmen können, heißt Node. Die Plattform funk­tioniert ähnlich wie der Privatunterkunftvermittler Airbnb, nur dass auf unserem Portal statt Wohnungen Büros vermietet werden.

Ach ja: Unsere Vermieterin in Bangkok weiß übrigens inzwischen, wie wir unser Geld verdienen. Sie hat meinen Bruder und mich eines Tages in einem Fernsehbericht wiedererkannt – kurz darauf hat sie ihre Nichte zu uns geschickt, die selbst Unternehmerin ist. Offenbar hat ihr unsere Idee imponiert.

cover-11-15Ein Artikel aus der impulse-Ausgabe 12/15.

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