EnergyNest Wie ein Start-up das Energiespeichern revolutionieren will

Auch wenn die Sonne nicht scheint oder gerade kein Wind weht, wird Energie benötigt. Ein norwegisches Start-up hat eine Energiespeichermethode aus Beton und Stahl entwickelt.

Auch wenn die Sonne nicht scheint oder gerade kein Wind weht, wird Energie benötigt. Ein norwegisches Start-up hat eine Energiespeichermethode aus Beton und Stahl entwickelt.© Artenauta / Fotolia.com

Energiespeicher sind ein Schlüsselthema für die Energiewende. Die vorhandenen Technologien sind teils teuer, teils nicht marktreif. Ein norwegisches Start-up kommt jetzt mit einer völlig neuen Idee.

Bis zum Jahr 2050, so sieht es die Klimapolitik der Bundesregierung vor, soll die Energie in Deutschland fast vollständig aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne erzeugt werden. Ein Problem dabei: Energie wird auch benötigt, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Deshalb muss überschüssige Energie gespeichert werden, die sich bei Bedarf wieder in Wärme und Strom verwandeln lässt und in die Netze eingespeist werden kann.

„Wir haben eine Lösung gefunden“, sagt Christian Thiel, Vorstandschef des norwegischen Start-up-Unternehmens EnergyNest. „Das fehlende Bindeglied, das es uns zukünftig ermöglicht, erneuerbare Energie wirtschaftlicher zu nutzen.“ Das sind große Worte für eine Firma mit zwölf Mitarbeitern, die seit fünf Jahren existiert. Doch eine unabhängige Prüfung durch die Prüf- und Beratungsgesellschaft DNV GL ergab ein großes Potenzial für die einfache und günstige Technik. Die norwegische DNV GL – entstanden aus der Fusion von Det Norske Veritas und Germanischer Lloyd – ist vergleichbar mit Dekra oder Tüv.

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EnergyNest setzt auf Beton. Nicht irgendeinen Beton, sondern eine geheime Spezialmischung, die der Materialwissenschaftler und Mitgründer des Unternehmens, Pål G. Bergan, gemeinsam mit dem deutschen Konzern HeidelbergCement entwickelt hat. Dieser Beton kann große Mengen Wärme besonders lange speichern, bei geringen Verlusten. Durchzogen ist der Beton von einem Gerüst aus Stahlrohren, in die Wasserdampf oder Spezialöl mit einer Temperatur bis zu 450 Grad und unter hohem Druck geleitet wird. Ein Speichermodul ist ein rechteckiger Kasten mit den Maßen eines 40-Fuß-Containers. Er speichert etwa zwei Megawattstunden Energie.

Module wie Legosteine

Wie Legosteine lassen sich die Module aufeinandersetzen, so dass jede Fabrik und jede Kommune Speicher nach ihrem Bedarf einrichten kann. Um zum Beispiel eine Großstadt wie Hamburg energetisch durch eine windstille Nacht zu bringen, müssten rechnerisch so viele Speicher vorhanden sein, wie ein großes Containerschiff an Bord transportieren kann. Für Fabriken, die überschüssige Prozesswärme aus ihrer industriellen Produktion speichern wollen, könnten die Aggregate flexibel nach Bedarf angepasst werden, 10 oder 100 oder 1000 Speicherbausteine.

„Speicherung ist teuer, wenn es um große Energiemengen geht“, sagt Thiel. „Unsere Technik ist simpel und preisgünstig; sie kostet höchstens ein Drittel soviel wie eine Batterie.“ Ein Modul kostet rund 50.000 Euro. Der deutsche Manager mit Wohnsitz in Hamburg und beruflichen Stationen bei BMW, UBS, McKinsey und dem Windanlagen-Hersteller Senvion pendelt regelmäßig ins Hauptquartier nach Oslo, ist aber auch weltweit unterwegs. Der erste thermische Energiespeicher von EnergyNest steht bei einem Solarkraftwerk in Masdar City (Abu Dhabi) und ist bereits seit mehreren Monaten rund um die Uhr in Betrieb.

System aus einfachen, umweltfreundlichen Materialien

DNV GL hat das Versuchsprojekt geprüft und ist zu einem positiven Ergebnis gekommen. „Das Prinzip funktioniert.“ Die EnergyNest-Technik eigene sich vor allem, um größere Energiemengen über einen längeren Zeitraum zu speichern; kleinere und kurzfristige Anwendungen blieben eher der elektrochemischen Batterie vorbehalten. Thiel nennt weitere Vorteile: Die Module bestehen aus einfachen, umweltfreundlichen Materialien und können in der Nähe ihres Einsatzortes hergestellt werden, sie sind wartungsarm, günstig im Betrieb und halten mindestens 50 Jahre. Technisch kann das EnergyNest-System sowohl Wärme wie auch Strom ausspeichern.

Bislang haben Geldgeber aus Großbritannien, den USA und Norwegen rund neun Millionen Dollar in das Projekt investiert, dazu kommen zwei Millionen Dollar öffentliche Subventionen. Der nächste Schritt ist nun der kommerzielle Einsatz in der Praxis. Einige Leuchtturm-Projekte sind schon in der Pipeline, darunter auch eines in Hamburg. Kunden können Industriebetriebe sein, Windparks und Solarkraftwerke oder Stromversorger. „Das Potenzial ist da, der Markt ist riesig“, glaubt Thiel.

3 Kommentare
  • Anonymous 21. Juli 2016 13:47

    Dem Publikum der Energiewende wird immer wieder vermittelt:

    „Energie wird auch benötigt, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Deshalb muss überschüssige Energie gespeichert werden, die sich bei Bedarf wieder in Wärme und Strom verwandeln lässt und in die Netze eingespeist werden kann.“

    Kritische Fragen: wie kommt es eigentlich zu überschüssiger Energie und wie können Speicher-Betriebe von ihr existieren? Wieso gibt es verschiedenste Speicher-Möglichkeiten und dennoch keine Speicher-„Lösung“?

    Mit etwas Vernunft gälte zu unterscheiden:

    Energiespeicher braucht man zum Puffern und damit zur Komplettierung der regenerativen Stromerzeugung. Denn die Quell-Leistungen schwanken bei durchschnittlichen Wetterlagen unentwegt zwischen Minimum und Maximum. Es ist keine Frage von dass der Wind weht und die Sonne scheint. Sondern dass wechselnde Windgeschwindigkeiten und Bewölkungen dauernd ebenso universelle wie unvorhersehbare Leistungs-Einbruchs-und-Überschuss-Größen verursachen.
    Deshalb ist die Komplettierung der regenerativen Stromerzeugung eigentlich erforderlich, BEVOR man sie ins Stromnetz einspeist. Und zudem hätte man aus mindestens 4 wichtigen Gründen die Quell-Anlagen nicht tendenziell individuell zu puffern (Akkus), sondern im gemeinsamen „Aufwasch“ = Einspeisung in dezentrale Gleichstromnetze an Power-To-Gas an zentrales Stromnetz. Überschüssige Input-Leistung an Erdgasnetz (Langzeitspeicher).

    versus

    Energiespeicher MISSbraucht man als sekundäre Applikation am Stromnetz. Wo sie nicht selektiv auf die erneuerbare Energie zugreifen können. Weshalb wir vom Kohlestrom noch lange nicht wegkommen. Der muss ja die universellen erneuerbaren Leistungslöcher stopfen und kann das beim besten Willen nicht leisten, ohne dadurch eben die überschüssige Energie zu erzeugen, auf die nunmehr Energiespeicher zugreifen wollen. Leider wurde bereits vor 30 Jahren eingeführt, die Leistungen aus Sonne und Wind einfach live ins Stromnetz einzuspeisen. Heute steckt in diesem mangelhaft behelligten Missgeschick so viel Investition und Verbindlichkeit, dass ihm praktisch nicht mehr abgeholfen werden kann. Das wiederum führt in eine komplexe Verkettung von Problemen und Projekten, die allesamt nachhaltige Unnütz-Kosten aufschaukeln. Kostenfass ohne Boden!

    Also wie jetzt überhaupt und wo welche Energiespeicher einbringen?

  • Bernhard Klimm 20. Juli 2016 11:54

    Eine offensichtlich recht robuste und kosteneffiziente Lösung für das speichern thermischer Energie. Im Gegensatz zu der Aussage im Artikel kann damit natürlich KEINE elektrische Energie („Strom“) direkt gespeichert werden. Als Ergänzung zu klassischen thermodynamischen Elektrizitätsgeneratoren aber durchaus denkbar.

  • Harald Hohensee 20. Juli 2016 09:32

    Hallo
    das ist nichts Neues , aus diesem Beton baut eine Schweizer Firma Bodenplatten
    für Häuser die als Energiespeicher genutzt werden.
    Wir entwickeln gerade aus diesem Beton Heizkörper als Raumspeicher die bei Wärmebedarf die Energie abgeben.

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