Gründung Graue Gründer – „Warum gehst Du nicht in Rente?“

In die Rente oder beruflich nochmal richtig durchstarten?

In die Rente oder beruflich nochmal richtig durchstarten?© Darren Baker - Fotolia.com

Monika Funsch hat sich mit Mitte 50 selbstständig gemacht – und berät nun andere Ältere mit Gründungsambitionen. Während immer weniger junge Menschen Unternehmen starten, wird die Generation 50+ immer umtriebiger. Was motiviert sie?

Frau Funsch, Sie beraten vor allem Gründer jenseits der Lebensmitte. Warum tun die sich das noch an?

Das hat man mich auch gefragt, als ich mit Mitte 50 mein Beratungsunternehmen gegründet habe. „Warum gehst Du nicht einfach in Rente?“, hieß es dann. Es gibt zwei maßgebliche Gründe, sich selbstständig zu machen. Der eine ist, aus der Not heraus zu gründen, etwa, weil man keinen Job mehr findet. Das ist generell die schlechteste Voraussetzung, aber manchmal die bessere Alternative. Der andere Grund ist, dass man von sich aus eine berufliche Veränderung anstrebt, dass man endlich das tun will, was man schon immer wollte, zeigen will, was man wirklich kann. Man will seinem Leben neue Impulse geben.

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Klingt ein bisschen nach Midlife-Crisis.

Es geht nicht unbedingt um eine Krise, aber oft gibt es in dem Alter familiäre Umbrüche. Gerade bei Frauen kommt mit über 50 eine Phase, in der die Kinder aus dem Haus sind, in der sie ihre Familienstruktur überdenken, oder die Partner sich neu einrichten wollen oder müssen. Sie wissen: Ich kann was und will nicht nur das Anhängsel meines Mannes sein. Und bei Männern fällt oft der Druck ab, die Karriereleiter noch weiter nach oben steigen zu müssen. Sie können etwas Neues wagen. Dazu haben sie die körperliche und geistige Fitness. Die heute 60-Jährigen sind die 40-Jährigen von gestern.

Sie könnten sich auch nach einem neuen Job umsehen.

Mit über 50 hat man auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance. Ich selbst war laut Aussage der Arbeitsagentur überqualifiziert und zu alt, um vermittelt zu werden. Ich wusste nach meinen letzten beiden Anstellungen als Personalmanagerin aber ohnehin, dass ich nie wieder angestellt arbeiten wollte, mit Chefs, die meinen, alles besser zu wissen, aber nicht unbedingt alles besser können. Ich hatte Mobbing unter den Mitarbeitern erlebt, unter den Kollegen gab es einen enormen Leistungsdruck. Es war klar: Ich will jetzt etwas Eigenes machen. So geht es vielen.

Das hört sich eher nach Notgründungen an und nicht nach innovativen Geschäftsideen.

Aus der Not heraus zu gründen heißt nicht, dass die Geschäftsideen nicht innovativ sind. Und in Wahrheit gibt es ja selten Geschäftsideen, die absolut neu sind. Umso wichtiger ist es, das eigene Angebot attraktiver zu gestalten als die anderen, ein Alleinstellungsmerkmal zu haben. Dabei helfe ich zum Beispiel meinen Klienten. Wichtig ist auch: Man muss ein Gründertyp sein oder werden.

Was ist denn ein Gründungstyp?

Das Wichtigste ist zunächst, dass der Gründer für seine Geschäftsidee brennt. Dazu kommen noch viele andere Merkmale, etwa Risikobereitschaft, ein gefestigtes Selbstbewusstsein, gutes Fachwissen, Kommunikationsbereitschaft. Viele, die heute 50 sind, kommen noch aus einer Arbeitswelt, in der man als Angestellter nicht unbedingt unternehmerisch denken musste.

Ist das heute anders?

Ganz anders. Von heutigen jungen Angestellten wird erwartet, dass sie sich aktiv am Markt orientieren. Viele Ältere waren es hingegen gewohnt, jeden Tag die Arbeit auf den Schreibtisch zu bekommen und diese einfach abzuarbeiten. Als Selbstständige müssen sie nun aktiv werden und selbst Akquise betreiben, sich selbst und das eigene Produkt verkaufen. Das fällt Älteren häufig schwer. Plötzlich haben sie auch andere Ansprechpartner: Bankberater, Geschäftspartner, Kunden, Berater, Investoren. Sie befinden sich in einer anderen Welt, müssen völlig umdenken. Dazu kommt der große Zeitdruck.

Was meinen Sie damit?

Das Zeitproblem ist eines von den drei großen Risiken, die späte Gründer haben: Man hat schlichtweg nur wenige Jahre, um erfolgreich zu werden, sich am Markt zu etablieren. Daher ist es wichtig, die Selbstständigkeit von Anfang an professionell anzugehen. Es gibt kaum eine zweite Chance aufgrund dieser kurzen Zeitspanne. Das zweite Problem sind die Kredite: Schon ab 45 ist es sehr schwer, ein Darlehen zu bekommen, mit über 50 ist dies fast unmöglich. Das ist eine besondere Hürde, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Was ist das dritte Risiko?

Die Konkurrenz. Von jemandem über 50 erwarten die Kunden, dass er auch schon Erfolge vorweisen kann. Die hat man als Gründer aber noch nicht, die muss man sich erst erarbeiten. Es gibt aber andere Anbieter, die mit einem ähnlichen Angebot schon 20, 25 Jahre am Markt sind und sich einen Namen gemacht haben. Das muss man erst einmal aufholen. Gleichzeitig holen sich zu wenig ältere Gründer Hilfe. Sie denken: Ich habe so viel Erfahrung, ich muss das doch alleine schaffen. Aber das ist ein Irrtum: Man hat sicher viel Berufs- und Lebenserfahrung, doch die Erfahrung als Unternehmer zu agieren, fehlt oft.

Neuen Studien zufolge stehen die älteren Gründer der jüngeren Konkurrenz jedoch nicht unbedingt nach, gehen sogar seltener Pleite. Woher rührt dieser Erfolg?

Natürlich haben sie ein enormes Potential an Lebens- und Berufserfahrung, ein großes Wissen. Ältere haben oft die besseren Kontakte, sind in ihrer Branche gut vernetzt. Sie sind häufig auch gelassener als junge Gründer, was ein Vorteil sein kann. Manche konnten auch mehr Eigenkapital ansparen als junge Gründer. Und eine solide Finanzdecke ist aus meiner Sicht das Wichtigste bei der Unternehmensgründung. Außerdem kann der erwähnte Zeitdruck auch ein Vorteil sein: Ältere Gründer müssen ihr Ziel ganz klar vor Augen haben und ihren Plan konsequent und strukturiert, aber vor allem professionell durchziehen.

Inwiefern brauchen ältere Gründer eine andere Beratung als jüngere?

Ein besonderer Ansatz in meiner Beratung ist, dass ich auf die jeweiligen Lernmuster meiner Klienten eingehe, zum Teil ist auch eine Art Lernentwöhnung vorhanden. Hier ist, im Gegensatz zu Jüngeren, die gewöhnt sind, zu lernen, die aus einem Lernprozess kommen, bei Älteren ein Umdenken notwendig. Auch lernen will gelernt sein. Außerdem habe ich einen Fragebogen entwickelt, anhand dessen man genau feststellen kann, wo mögliche Defizite liegen, die man angehen muss. Probleme haben ältere Gründer oft mit dem Marketing.

Welche Zielgruppe braucht das Produkt am meisten, bei welcher habe ich die größten Chancen? Wie mache ich PR und beziehe auch die Medien mit ein? Ich helfe, ein Netzwerk aufzubauen. Und dann heißt es hinsichtlich Akquise: üben, üben, üben. Ganz nach dem Elevator-Pitch-Prinzip. Sich selbst ins rechte Licht rücken, das fällt den meisten sehr schwer. Und ich bin natürlich da, wenn’s mal nicht so klappt. Dann fange ich meine Klienten auf und motiviere zum Weitermachen.

 

Monika Funsch, Jahrgang 1946, ist Expertin für Neuanfänge ab der Lebensmitte. Sie coacht nicht nur Gründer, sondern auch Arbeitnehmer über 40, die sich neu ausrichten wollen. Für diesen Ansatz wurde sie 2009 von der „Initiative Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

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