Gründer-News Griechische Gründer: „Das Land hat das Potenzial zu einem Comeback“

Start-up-Gründer Nikos Anagnostou an seinem Schreibtisch in Athen.

Start-up-Gründer Nikos Anagnostou an seinem Schreibtisch in Athen. © impulse

So düster die Gegenwart ist – griechische Gründer setzen trotz Krise auf Unternehmergeist. Zwei Selbstständige erzählen, warum wir sie und ihr Land nicht vorzeitig abschreiben sollten.

Es gibt Tage in Athen, da fällt es auch dem optimistischsten Gründer schwer, weiter an sein Land zu glauben. „Am Abgrund friert selbst mir das Lächeln ein“, sagte Nikos Anagnostou am Ende einer Woche, in der die Krise beinahe sein Baby dahin gerafft hätte. 2013, mitten in der Rezession, hatte er sein drittes Start-up Discoverroom gegründet. Er entwickelt Apps für kleine, familiengeführte Hotels und Ferienhäuser, mit denen diese zum Beispiel ihre Buchungen managen können.

Eigentlich läuft es ganz gut. Anagnostou hat Investoren für seine Idee gewinnen können und seit diesem Jahr verdient er Geld mit seinen Produkten. Die Zahl der zahlenden Kunden steigt, die meisten davon sind aus Griechenland. Doch dann kommt der Brüsseler Showdown zwischen der griechischen Regierung und ihren Gläubigern dazwischen.

Anzeige

Geld ins Ausland überweisen? Das wurde zum Problem

Als die endgültige Pleite und der Austritt aus der Eurozone zum Greifen nahe sind und die Europäische Zentralbank den Geldfluss an die griechischen Banken vorübergehend stoppt, da verhängt die Regierung  zeitweilig Kapitalverkehrskontrollen. Die griechische Wirtschaft kommt tagelang komplett zum Erliegen.

Keinen einzigen Neukunden registriert Anagnostou in diesen Tagen auf seiner Plattform – doch das kann er noch verschmerzen. Das eigentliche Problem für ihn und die meisten anderen Start-ups ist ein anderes: Sie nutzen häufig Cloud-Services von Anbietern außerhalb des Landes, etwa in den USA. Um die Rechnungen dafür zu bezahlen, müssen sie Geld ins Ausland überweisen. Das wird plötzlich zum Problem – und für viele junge Unternehmen zur Bedrohung. „Da kam echte Panik auf.“

Knapp zwei Wochen später kann Anagnostou schon wieder lachen. Athen und Brüssel haben sich geeinigt und das griechische Parlament hat dem Deal trotz aller Härten zugestimmt. Am Dienstag beginnen die offiziellen Verhandlungen mit den Geldgebern über ein neues Finanzpaket; bis zum 12. August sollen sie dauern, bevor die Länder der Eurogruppe endgültig den Weg frei machen können. „Wir sind jetzt erst einmal froh, dass es weiter geht und wir den Euro zumindest vorerst behalten“, sagt Anagnostou. Inzwischen gewinnt er auch wieder neue Kunden für sein Start-up.

Wer es schafft, weiß, wie man Probleme löst

Mit Zuversicht in die Zukunft blicken lässt den Unternehmer, was in den letzten zehn Jahren in Athens Gründer-Szene entstanden ist. „Vor zehn Jahren war da nichts, heute gibt es immer mehr junge Gründer, die ihr Handwerk verstehen und denen es egal ist, in welchem Zustand die Wirtschaft um sie herum ist. Die wollen einfach machen – etwas aufbauen.“

Und viele haben bereits diese Erfahrung gemacht: Wer es in Griechenland mit all seinen bürokratischen Hürden und Hindernissen und der fehlenden staatlichen Unterstützung schafft, ein Start-up zum Fliegen zu bringen, für den sind Auslandsmärkte dann oft die leichtere Übung. „Hier musst du schneller lernen als anderswo – und die es schaffen, die wissen, wie man Probleme löst, das ist sicher“, sagt Anagnostou.

Rezession, hohe Arbeitslosigkeit, erdrückende Schuldenlast und ein alles nur noch schlimmer machender Sparkurs – Griechenlands Geschichte der vergangenen fünf Jahre ist eine Geschichte des Niedergangs. Doch so düster die Gegenwart ist, das Land hat das Potenzial zu einem Comeback, glaubt Anagnostou. So wie Unternehmen, die von der Pleite bedroht sind, oft ein erstaunlicher Turnaround gelingt, so könne es auch Griechenland schaffen. Die Start-up-Szene allein kann das nicht schultern, aber von den jungen Gründern geht ein Gefühl des Aufbruchs aus, den das Land braucht und der es mitreißen könnte.

Mitten in der Krise gründete sie eine Modefirma

Tatsächlich gibt es trotz der aktuellen Stimmung des Stillstands auch positive Entwicklungen in Athen. So greifen einige der in den vergangenen Jahren angeschobenen Reformen. Im wichtigen Doing Business Report der Weltbank, der das Geschäftsklima für Gründer und andere wichtige Indikatoren misst, wurde Griechenland von Platz 108 auf Platz 61 nach oben katapultiert. „Das Problem bleibt der riesige Staatsapparat, den keine der bisherigen Regierungen angetastet hat. Da muss jetzt endlich etwas passieren“, sagt Effie Siaini. Die Unternehmerin aus der Hafenstadt Patras im Westen Griechenlands ist auch Vorsitzende der Vereinigung junger Gründer.

Jungunternehmerin Effie Siaini (M.) mit anderen Gründer aus ihrer Heimatstadt Patras. ©impulse

Jungunternehmerin Effie Siaini (M.) mit anderen Gründern aus ihrer Heimatstadt Patras. © impulse

Seit zehn Jahren führt Siaini das von ihr gegründete Architekturbüro, 2009 kam noch ein Ingenieurbüro dazu, insgesamt hat sie aktuell sieben Angestellte. „Es war wie ein Hurrikan. Bei uns begann die Krise so richtig vor drei Jahren, als viele Bauprojekte gestoppt wurden, weil sie nicht mehr finanziert werden konnten, weil die Auftraggeber ihre eigenen Jobs verloren oder einfach keine Kredite mehr bekamen“, erzählt Siaini.

Seitdem kämpfen sie ums wirtschaftliche Überleben. „Wir müssen ständig existenzielle Entscheidungen treffen, wir haben erst nach Athen expandiert und später auch in andere große europäische Städte. „Das war eine gewaltige Aufgabe, unsere Architekten und Ingenieure auf ausländische Märkte mit unterschiedlichen Standards und Vorgaben einzustellen und wettbewerbsfähig zu werden.“

Seit kurzem führt vor allem ihr Ehemann die Geschäfte der beiden Firmen, denn Siaini erfüllte sich mitten in der Krise einen Traum und gründete noch einmal ein Start-up: Maraboo, eine Modefirma. Der Onlineshop mit aktuell drei Mitarbeitern hat zwar seinen Sitz in Patras, orientiert sich aber nach Europa. „Die griechischen Konsumenten können sich kaum einen Kaffee oder ein Eis leisten, Klamotten erst recht nicht“, sagt die Gründerin. Die Sparvorgaben der Gläubiger Griechenlands hätten die Situation in den vergangenen Jahren nur verschlimmert. „Wie sagt man so schön: Du musst Eier aufschlagen, um ein Omelett zu machen. Jetzt haben wir zwar höhere Steuern, aber wenn niemand etwas verdient, bleiben die Steuereinnahmen trotzdem niedrig.“

Sitz in Griechenland – aber Kunden in ganz Europa

Doch auch in Patras sieht Siaini Fortschritte. „Klar, die Kleinunternehmer leiden vielerorts. Auf der anderen Seite sehe ich auch immer mehr Technologie-Start-ups, die Highend-Produkte entwickeln und damit Erfolg haben, zumeist weil sie zwar hier arbeiten, aber ihre Kunden in ganz Europa oder den USA finden.“

Die 37-Jährige glaubt trotz allem, dass ihr Land wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen kann. „Alles beginnt mit guter Bildung. Und dann müssen wir Griechen begreifen, dass wir unglaubliches Potenzial haben, das wir überhaupt nicht ausschöpfen: im Tourismus, der Landwirtschaft und im Hightech-Sektor liegt so viel brach – wir müssen all das entwickeln, dann haben wir wirklich gute Karten.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.