Persönliche Krise Ist die Firma das alles wert?

  • INSIDER
Das schlechte Gewissen, die Frage nach dem Sinn - in Krisen kommen viele Zweifel auf. Jetzt heißt es: erst mal den Kopf freikriegen!

Das schlechte Gewissen, die Frage nach dem Sinn - in Krisen kommen viele Zweifel auf. Jetzt heißt es: erst mal den Kopf freikriegen!© french_03 / photocase.de

Gründen, obwohl im Privaten gerade die Welt untergeht? Als sein Großvater plötzlich starb, stellte sich Patrick Meinel die Sinnfrage. Wie er die Krise überstand.

Uniabschluss und Unternehmensgründung gleichzeitig – im Mai 2015 gab es viel zu tun. Ich begann mit meiner Bachelorarbeit, arbeitete parallel am Relaunch meiner Unternehmenswebseite MuffinFactory und plante, ein Fabrikgebäude zu kaufen.

An einem Samstagabend kam ich erst spät von der Arbeit nach Hause und traf meine Mutter und meine Oma an – sehr ungewöhnlich für diese Uhrzeit. Was sie mir erzählten, konnte ich kaum glauben: „Opa ist gestorben!“

Anzeige

„Was, wie, wann, wo?“, fragte ich. Trotz Antworten und Erklärungen war es ein großer Schock für mich. Opa war ja erst 72 Jahre alt gewesen, sein Tod kam völlig unerwartet.

Mein Opa war ein cooler Typ. Er war ein Mechaniker und konnte so ziemlich alles reparieren und instand halten, was man sich vorstellen kann. Er tüftelte gerne und kümmerte sich um Haus und Hof. Ein Opa wie aus dem Bilderbuch mit weißem Haar und weißen Bart. Als Kind bin ich oft mit ihm Traktor gefahren, wir hatten ein gutes Verhältnis.

Vorzeitiger Abschied von Opas Beerdigung

Jetzt tut es mir sehr Leid, dass ich wegen des Studiums und der Gründung meines Unternehmens in den letzten Monaten viel zu wenig Zeit für meine Großeltern hatte. Für andere Menschen hatte ich ja auch Zeit, zum Beispiel für meine Freunde. Aber bei der Familie war es ein bisschen anders: Wenn man wie wir alle zusammen in einem Mehrfamilienhaus wohnt, ist es selbstverständlich, dass der eine dem anderen über den Weg läuft. Längere Besuche bei den Großeltern waren hingegen seltener. Im Nachhinein ist das für mich ein großer Fehler, ein unwiederbringlicher Verlust.

Ein weiterer Tiefschlag kam am Tag der Beerdigung. Ich war da, keine Frage. Aber leider musste ich kurz darauf schnell weg, weil ich dabei war, ein Fabrikgebäude zu kaufen, und einen Termin im Bauarchiv mit einer Bautechnikerin hatte. Da fragte ich mich schon, ob mein eingeschlagener Weg als Unternehmensgründer all das wert ist. Auch zweifelte ich daran, was meine Familie wohl von mir dachte.

Glücklicherweise haben meine Oma und meine Mutter viel Verständnis für meine Situation. Die beiden verstehen gut, dass ich für die Gründung meines Unternehmens Opfer bringen muss. Deshalb gab es wegen meiner vorzeitigen Abfahrt zwar keinen Streit, ich hatte aber dennoch sehr mit meinem Gewissen zu kämpfen.

Die Arbeit gibt Halt in der Krise

Erst später wurde mir bewusst, dass der Stress im Frühsommer und Sommer 2015 mir keine Zeit gegeben hatte, wirklich zu trauern. Vielmehr habe ich unterbewusst einfach weitergearbeitet und funktioniert – so als wäre einfach nichts gewesen. Bilanzen, E-Mails, Bauamt, Finanzamt, Webdesign und Bachelorarbeit – die Arbeit nahm mich voll ein. Und dann sorgten auch noch Gespräche mit meinen Freunden und Sport für Ablenkung.

Die Trauer kam erst einige Monate später, mehr oder weniger in Etappen. Im Nachhinein bin ich sogar froh darüber. Denn wäre ich wie gelähmt der absoluten Traurigkeit verfallen, hätte ich meine Ziele wahrscheinlich nicht erreichen können.

Noch heute denke ich oft darüber nach, wie das alles gelaufen ist – und habe eine wichtige Konsequenz daraus gezogen: Ich nehme mir jetzt mehr Zeit für meine Familie. Das heißt konkret, dass ich nicht mehr nur kurz Hallo und Tschüss in die Küche rufe. Vielmehr gehe ich regelmäßig mit meiner Oma zum Mittagessen und sonntags trinken wir gemeinsam Kaffee.

Dass es in meinem Privatleben auch mal gut laufen kann, sehe ich an mir selbst und meiner Freundin: Sie hat sich endlich meiner erbarmt, nachdem ich sie ein halbes Jahr beknien musste. 🙂

impulse-Akademie: Strategie & Inspiration für Ihr Unternehmen
1 Kommentar
  • Heide Aurisch 16. Februar 2016 22:46

    Patrick Meinels Beitrag hat mich sehr berührt. Seit 1993 selbständig kenne ich die Sinnfrage, die sich mir sehr oft stellte. Mit zwei schwierigen vorpubertierenden Kindern und Schulden in 5-stelliger Höhe aus einer Bürgschaft hatte ich immer meine Eltern vor Ort, die da waren, sodass ich mich dem Job, Unternehmerin im Transportgewerbe und einem halben Duzend Mitarbeiter kümmern konnte. Es kamen viele Aufträge und Mitarbeiter hinzu, andere Pläne, neue Geschäftsfelder, ein Mann, der mich bis heute unterstützt und auf Händen trägt, aber eines kam nie: Zeit, sich seinen Instinkten hinzugeben, abzuschalten, inne zu halten, einige Wochen wegzugehen, um sich darauf zu besinnen, was wirklich zählt. Bevor meine Mutter 2007 viel zu früh verstarb, hatte sie mit mir einen Pakt geschlossen: Du mußt für Deine Familie da sein! Arbeite weniger! Denke an Deine Gesundheit! Und höre verdammt noch mal mit dem Rauchen auf! Seit dem habe ich schrittweise alle Aufträge gekündigt und die Mitarbeiter weitervermittelt, Fahrzeuge verkauft, Schulden getilgt und Ende 2014 auch das noch verbleibende Geschäftsfeld des Transportunternehmens, einen privaten Briefdienst, verkauft. Mein Mann und ich hatten bereits seit langem andere unternehmerische Pläne: Wir wollen uns mit Ruhe, Freude und Gelassenheit einer genialen unternehmerischen Idee widmen und Zeit für unsere Familie haben. Diese Leichtigkeit der Gedanken dauerte nur wenige Wochen an: Mitte 2015 ereilte mich die unerbittliche Nachricht einer bevorstehenden Steuerprüfung und gleichfalls eine streitige Auseinandersetzung mit dem Käufer meines Briefdienstunternehmens. Da bleibt kein Platz mehr für Gestaltungsspielraum, weil Kopf und Körper nur noch aufs Überleben programmiert sind. Wenn sich nun jemand denkt, dass es schlimmer nicht mehr kommen kann, der sei hiermit belehrt: es geht immer noch mehr. Während einem kurzen Erholungswochenende ereilte uns die Nachricht der schweren Erkrankung meines Vaters, der immer gesund war und uns bis wenige Tage vorher noch mit kleinen aber immens wichtigen Handreichungen in der Firma zur Seite stand. Er verstarb nur wenige Tage danach und hinterließ 1000 offene Antworten auf Fragen, die nie gestellt wurden, weil man dachte, mit den Antworten nicht umgehen zu können oder später sicher ein besserer Zeitpunkt käme. Ich habe Angst vor dem Moment, der mir Einhalt abverlangt und Zeit, um in mich zu gehen und zu verarbeiten, zu trauern, getrieben von Ehrgeiz und Aufträgen

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.