Gründung Gründerprojekt: Durchstarten in Afrika

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Okendo Lewis-Gayle reist viel, um Unterstützer für seine Ideen zu begeistern. Dieses Bild entstand beim St. Gallen Symposium in der Schweiz.

Okendo Lewis-Gayle reist viel, um Unterstützer für seine Ideen zu begeistern. Dieses Bild entstand beim St. Gallen Symposium in der Schweiz.© Marvin Zilm für impulse

Jedes Jahr verlassen 200.000 Afrikaner ihre Heimat, um an internationalen Hochschulen zu lernen. Doch nur wenige kehren zurück. Okendo Lewis-Gyle will das ändern und unterstützt junge afrikanische Macher, die in ihrer Heimat Unternehmen gründen wollen.

Der Amerikaner Okendo Lewis-Gayle spricht schnell und nahezu ohne Pausen. Er hat so viele Ideen, Erlebnisse, Pläne. Er ist einer dieser Menschen, die sich immer engagieren. Ob als Klassensprecher, in Ehrenämtern oder vor ein paar Jahren als Studentenpräsident der Universität Southern New Hampshire. Barack Obama sagte damals bei einem Besuch an der Hochschule über ihn: „Ich bin froh, dass Lewis-Gayle sich noch nicht als US-Präsident bewirbt.“ Das kann ja noch kommen, er ist erst 31.

Ihr Startup heißt Harambe, was bedeutet das?

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Harambe bedeutet: zusammenkommen und eins werden. Davon spricht man in Kenia zum Beispiel, wenn ein Familienmitglied stirbt und sich alle treffen, um gemeinsam zu trauern. Das habe ich aber erst lange nach der Gründung erfahren. Ich habe „Harambe“ zum ersten Mal im Radio gehört, ein Lied von Rita Marley. Die Moderatorin erklärte den Wortsinn. Damals dachte ich: Das ist der Name für meine Idee.

Was genau ist Ihre Idee?

Die Harambe Entrepreneur Alliance vernetzt gut ausgebildete afrikanische Entrepreneure, die an den Topuniversitäten in Europa, den USA und Asien studiert haben. Der Hintergrund ist folgender: Jedes Jahr verlassen 200.000 Afrikaner ihre Heimat, um an internationalen Hochschulen zu lernen. Diese Zahl wird weiter steigen, allein weil Afrika eine der jüngsten Regionen der Welt ist.

Warum ist das ein Problem?

Sie kommen nicht zurück! Wenn die Studenten erst einmal in Deutschland, Nordamerika oder England leben – diesen berühmten Ländern von Milch und Honig –, stellen sie fest, dass es tatsächlich reichlich Milch gibt und der Honig sehr süß schmeckt. So war es jedenfalls bisher. Aber jetzt gibt es eine neue Bewegung vom „hoffnungslosen Kontinent“ zum „aufstrebenden Afrika“. Und diese Entwicklung zieht langsam auch intellektuelles Kapital zurück – eine Gruppe von Menschen, die wirklich etwas verändern will. Aktuelle Studien zeigen, dass 70 Prozent der afrikanischen Studenten an den Top-Businessschools in Europa und Nordamerika planen, nach ihrem Abschluss in die Heimat zurückzukehren. Das ist das neue Afrika.

Und Sie wollen diese Entwicklung fördern?

Ja! Afrikas wichtigste Ressource sind die gut ausgebildeten Menschen. Wir wollen sie mobilisieren und unterstützen, ihr unternehmerisches Potenzial zu entfalten. Afrika braucht Führungspersönlichkeiten in der Politik und der Wirtschaft. Der Kontinent ist der reichste der Erde und zugleich Heimat der ärmsten Menschen weltweit. Für dieses Missverhältnis gibt es keinen Grund. Afrika hat die Ressourcen, Afrika hat die Talente. Oft ist das Einzige, was fehlt, jemand, der hilft, die Einzelteile zusammenzufügen.

Wie helfen Sie konkret?

Wir bringen Unternehmer mit Geldgebern zusammen, vergeben Stipendien, vermitteln Mentoren und beraten beim Aufbau der Firmen. Es gibt ähn­liche Barrieren in den meisten Ländern Afrikas. Ein Unternehmen anzumelden ist ein komplizierter bürokratischer Akt. Elektronische Versorgung zu gewährleisten kann problematisch sein. Freunde aus Nigeria haben mich neulich daran erinnert: Ein Nigerianer traut keinem Nigerianer. Es gibt zu wenig Vertrauen in den Gemeinschaften. Ein Afrikaner würde eher mit einem Deutschen zusammenarbeiten als mit seinem Nachbarn. Wir brauchen mehr Handel und Geschäft innerhalb Afrikas. In unserem Netzwerk vertrauen sich die Mitglieder. Wir spüren schon, wie sich das verselbstständigt. Nur anfangs müssen wir die Mitglieder zusammenbringen, dann läuft das irgendwann von selbst. Sie helfen sich untereinander.

Wie sieht es mit der Finanzierung von Startups aus?

An Kapital heranzukommen ist enorm schwierig. In Südafrika finanzieren manche Gründer ihr Unternehmen über Kreditkarte, weil Bankkredite so teuer sind. Investoren gibt es fast nicht. Die meisten Entrepreneure sind somit allein auf ihr Netzwerk angewiesen. Wir bauen unsere eigene Wagniskapitalgesellschaft auf.

Und woher bekommen Sie Ihr Geld?

Wir arbeiten zum Beispiel mit großen Unternehmen zusammen, denen wir Führungskräfte ver­mitteln. Zudem bieten wir auch kostenpflichtige Beratung an für fortgeschrittene Unternehmer. Langfristig sollen die erfolgreichen Alumni etwas zurückgeben.

Was für Gründer zieht es nach Afrika? Sind es die, die einige Jahre im Ausland gearbeitet haben, oder eher Hochschulabsolventen?

Wir haben festgestellt: Der wichtigste Faktor ist, dass jemand ein Risiko eingehen will. Wenn man eine Weile in Konzernen arbeitet, wird man vergleichsweise risikoscheu – man hat Kinder, Freunde, Verpflichtungen in der Nachbarschaft. Wir konzentrieren uns daher vor allem auf Uni­absolventen und Teilnehmer von MBA-Kursen.

Was haben Ihre Mitglieder bereits für Firmen gegründet?

Sam Imende ist ein gutes Beispiel für einen Harambe-Entrepreneur. Er hat einen MBA, in Amerika und China studiert. Und er ist verwegen genug zu glauben, dass man in Afrika hochwertige Produkte fertigen und es mit jedem Hersteller weltweit aufnehmen kann. Er hat eine Schuhfirma namens Enzi gegründet und produziert Lederschuhe in Äthiopien. Die gibt es nun in Hongkong und London zu kaufen. Alle Rohstoffe – außer die Sohlen – kommen aus Afrika. Die große Herausforderung ist die Qualität: Eine Schramme kann den ganzen Schuh ruinieren. Sam Imende hat hart gearbeitet, um dafür zu sorgen, dass er genau die Ware bekommt, die er benötigt. Oder nehmen wir Lulaway: Dieses Unternehmen bringt in Südafrika große Firmen und Arbeitskräfte aus den Townships zusammen. Das sind zwei getrennte Welten. Bislang kamen sie nicht zusammen. Die Lösung sind Internetcafés, die es selbst in den ärmsten Gegenden Südafrikas an jeder Ecke gibt. Die Lulaway-Gründer haben sie sozusagen in Jobcenter umgewandelt. Vor einiger Zeit habe ich Harambe vor der Südafrikanischen Handelskammer vor­gestellt und Lulaway als Beispiel genannt. Die Zuhörer riefen: „Das Unternehmen kennen wir natürlich! Wir arbeiten zusammen.“ Da wusste ich, unser Netzwerk bewegt etwas.

Haben Sie selbst Wurzeln in Afrika?

Meine Familie hat Wurzeln dort. Aber ich bin ein Ergebnis der Globalisierung. Ich wurde in Costa Rica geboren, bin in Italien aufgewachsen, mein Vater und seine Familie kommen aus den Vereinigten Staaten. Ich habe in meiner Zeit an der Uni mit einem Freund aus Simbabwe Computer nach Südafrika geschickt. Das war mein erster Kontakt mit dem Kontinent.

Warum Afrika? Warum dieses Unternehmen?

Entscheidend war eine Begegnung mit Barack Obama 2007, als er noch Senator war. Er hielt vor uns Studenten eine Rede – die Rede meines Lebens. Er sagte, ihr könnt euren Abschluss machen und einfach nur versuchen, ein Vermögen anzuhäufen. Aber wenn ihr wirklich euer ganzes Potenzial entfalten wollt, müsst ihr nach etwas streben, das größer ist als ihr. Diese Worte haben mich begeistert. Ich dachte immer, unsere Zeit auf Erden ist limitiert. Was uns Menschen aber überleben kann, sind unsere Ideen.

 
 


Der Artikel ist Teil der Serie “Young Entrepreneurs”: Deutschland zählt deutlich weniger Startups als andere Länder. Ein Nachteil, denn erfolgreiche Gründer beleben die gesamte Volkswirtschaft. Sie bringen neue Ideen, schaffen Jobs und inspirieren andere, es ihnen gleichzutun. impulse stellt regelmäßig junge Unternehmer aus aller Welt vor, die Märkte und Branchen aufmischen.

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