Gründer-News Herr Samwer, führt der Weg zum Erfolg immer über rote Zahlen?

Rocket-Mitgründer und Chef Oliver Samwer spricht im Interview über Erfolg im Internet.

Rocket-Mitgründer und Chef Oliver Samwer spricht im Interview über Erfolg im Internet. © RocketInternet

Rocket Internet entwickelt Start-ups vom Online-Handel bis zur Putzhilfe-Vermittlung - doch die schreiben allesamt rote Zahlen. Warum Rocket-Chef Oliver Samwer trotzdem an den Erfolg seiner Ideen glaubt.

Der Berliner Start-up-Entwickler Rocket Internet greift weltweit auf breiter Front an: Dutzende Firmen sind in allen möglichen Ländern aktiv, das Geschäft reicht vom Online-Handel für Möbel (Home24) über den Lebensmittel-Lieferservice (HelloFresh) bis zur Putzhilfe-Vermittlung (Helpling). Gewinne erwirtschaftet jedoch Rocket jedoch keine. Rocket-Chef Oliver Samwer erklärt in einem Interview, warum das aus seiner Sicht der richtige Weg ist, um zu gewinnen.

Herr Samwer, auch die großen Unternehmen im Portfolio von Rocket Internet schreiben noch allesamt Verluste. Wie lange wird das noch so gehen?

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Oliver Samwer: Wir haben schon zum Börsengang im vergangenen Herbst gesagt, jedes Geschäftsmodell braucht unterschiedlich lange Zeit bis zur Gewinnzone. Für E-Commerce sind es meist sechs bis neun Jahre nach Gründung, für Marktplätze fünf bis sieben Jahre, weil sie nicht so viel Cash-Investment brauchen, für Finanz-Start-ups sechs bis acht Jahre. Jede unserer Firmen ist auf Kurs. Auch Zalando hat fünf bis sieben Jahre gebraucht. So lief es auch bei anderen Unternehmen: Irgendwann lassen sie ihr Marketing-Budget gleich, dann kommen die Gewinne.

Muss der Weg zum Gewinn immer erst über jahrelange Verluste führen?

Ja, das ist notwendig, um im Internet zu gewinnen. Die Alternative wäre, ich folge dem klassischen deutschen Ansatz und sage, nach zwei Jahren muss man profitabel sein, sonst ist es nix. Nur, dann brauchen wir uns gar nicht mit dem Silicon Valley oder China anlegen oder überhaupt erst eine Milliardenfirma bauen. Das ist einfach eine notwendige Bedingung im Internetmarkt, dass man zunächst eine kritische Masse erreicht. Wenn es keine Wettbewerber gäbe, ginge es auch anders. Aber so muss man erst diesen Abstand gewinnen, bevor man die Kosten stabilisieren kann.

Aber ist es notwendig, auf breiter Front mit so vielen Firmen in so vielen Ländern anzugreifen? Verliert man nicht den Überblick?

Unser Vorbild sind da Unternehmen wie Würth, BMW oder Siemens. Die sind in vielen Ländern aktiv. Das liegt doch ein bisschen in der deutschen Seele, dass wir so exportorientiert sind. 30 Länder, 60 Länder, 110 Länder – was macht das denn für einen Unterschied? Wenn ein Geschäftsmodell in einem Land funktioniert – warum nicht auch in einem anderen? Das ist dann ja gerade der Vorteil, dass wir die Kosten auf sehr viele Märkte verteilen können. Eine extra Website für Malaysia kostet doch kaum etwas, wenn ich schon die Erfolgsfaktoren für mein Geschäft in Deutschland oder Frankreich ausgemacht habe.

Rocket Internet springt aber auch in immer neue Geschäftsbereiche. Passen sie überhaupt noch zusammen?

Was ist denn jetzt der große Unterschied, ob man Kunden für einen Online-Schuhhandel gewinnt, oder für Möbel, Konsumgüter und Lebensmittel? Google, Facebook, Display-Werbung – es läuft immer gleich. Auch große Teile der Technologie kann man wiederverwenden. Am Ende sind wir wie eine VW-Plattform – die Autos sehen unterschiedlich aus, greifen aber auf gleiche Bauteile zurück.

Inwieweit sind Sie bei dieser Dimension noch persönlich bei den einzelnen Unternehmen involviert?

Ich arbeite ziemlich viel. Aber natürlich haben wir Leute, die in einzelnen Regionen sind oder auf bestimmte Geschäftsmodelle spezialisiert. Doch ich glaube, der Erfolgsfaktor von Rocket ist, dass wir alle operative Ameisen sind, nicht strategische Vögel. Ein Wort wie „Vision“ passt nicht so recht zu uns. Die Vision entsteht daraus, dass wir versuchen, Unternehmen aufzubauen. Ich mache mir nicht so viele Gedanken darüber, was wir im Jahr 2021 machen werden. Wenn wir jeden Tag weiterarbeiten, an besserer IT, besserem Marketing, schneller unsere Produkte umsetzen – dann kommt schon etwas dabei heraus.

Geht in einzelnen Märkten für Sie nicht eine Gefahr von lokalen Konkurrenten aus, die Land und Leute besser kennen?

Wenn sie als Online-Dienst nur in Indonesien aktiv sind, müssen sie alle Kosten in dem einen Land zurückverdienen – wir können sie auf 30 Länder verteilen. Deswegen bauen wir einheitlich Technologieplattformen. Und Wettbewerber hat jeder, die hat ein Schrauben-Würth auch. Am Ende geht es um dauerhaft besseres Arbeiten, höhere Geschwindigkeit, schnelleres Denken. Sehr deutsche Tugenden: Ohne Fleiß kein Preis. Wenn wir dann noch ein wenig mehr vom amerikanischen Gründergeist hätten, dann wäre alles noch viel besser.

In den vergangenen Monaten investierten Sie massiv ins Geschäft mit der Essenszustellung. Was ist so spannend daran?

Das Spannende ist die Häufigkeit. Essen wird häufig gebraucht, und dabei kommt auch schnell das Mobiltelefon zum Einsatz, zudem ist es ein Marktplatz-Geschäft – und das sind die besten Geschäfte im Internet, ohne Inventar und ähnliche Kosten. Es gibt hunderttausende Restaurants, Millionen Kunden, und wir haben die Chance gesehen, noch der größte in der Welt werden zu können, zumindest außerhalb Chinas.

Aber ist es nicht ein Markt mit niedrigen Einstiegshürden für Wettbewerber?

Unsere Unternehmen verarbeiten rund 120 Millionen Bestellungen im Jahr, das sind etwa vier pro Sekunde. Je mehr Restaurants man hat, desto mehr Kunden. Je mehr Kunden, desto wichtiger wird man für die Restaurants. Wenn jetzt jemand neu ins Geschäft einsteigen will, wird er von den Restaurants zunächst gar nicht wahrgenommen. Ich glaube, die Leute werden erstaunt sein, wie groß das Geschäft noch wird. Wenn wir eine Möglichkeit sehen, dann machen wir das auch ohne wenn und aber. Und wir sind mit Rocket, glaube ich, die einzigen in Europa, die auch ruckzuck 100 Millionen Euro investieren können.

Sie investierten jüngst auch in eine neue Zentrale in Berlin-Kreuzberg. Bleibt Berlin bei aller Internationalität des Geschäfts die Heimatbasis?

Wir glauben sehr an Deutschland. Und wir bleiben dem Standort Berlin treu und haben deshalb auch über 20.000 Quadratmeter neu angemietet, in die Rocket-Firmen einziehen sollen. Ich denke, dass wir mit allen Unternehmen, die wir unterstützt haben, schon der größte Arbeitgeber in Berlin nach der Regierung sind.

Dabei scheint die Start-up-Wirtschaft mit dem Ende des Wahlkampfs von anderen politischen Themen verdrängt worden zu sein. Macht die Regierung genug?

Ich muss schon sagen, dass die Unterstützung der Politik viel besser ist, als viele meinen, und es viel mehr Unterstützung gibt als noch Ende der 90er oder 2000. Wichtig sind stabile Rahmenbedingungen. Der Erfolg wird sich erst einstellen, wenn das Internet kein Modethema mehr ist. Am Ende ist alles ein Marathon, kein Sprint. Die Politik muss auf eine Sicht von 25 bis 30 Jahren ausgerichtet sein, auch wenn das schwierig ist, wenn alle vier Jahre Wahlen kommen. Ein Airbus wird aber auch lange entwickelt.

1 Kommentar
  • alexander klautke 18. Juni 2015 12:49

    nur schade dass herr samwer u co nur in internet- / technologie investieren.
    es gibt auch dienstleister, die bereits nach wenigen wochen gewinne erzielen können, aber die bekommen leider nirgends unterstützung.

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