Gründung Labor für Querdenker: Wie Studenten in Potsdam zu Erfindern werden

Der Campus des Hasso Plattner Instituts

Der Campus des Hasso Plattner Instituts© HPI

Analysieren, zeichnen, Prototypen erstellen: An der Potsdamer "School of Design Thinking" sollen die Studenten vor allem eins lernen: innovative Ideen entwickeln. Getragen wird das Forschungslabor von einem berühmten Software-Milliardär.

Auf den ersten Blick wirkt es chaotisch: Überall Tafeln mit hastig beschrifteten Haftnotizen, daneben Skizzen und Schemata ohne ersichtlichen Zusammenhang. Zweierteams brüten über der Frage, was ein perfektes Portemonnaie ausmacht. Es ist laut, und die Stoppuhr läuft. Dozenten geben neue Anweisungen. Man spricht Englisch.

Diese Übung vermittelt Prinzipien einer Methode, von der private Seminaranbieter schon einmal vollmundig behaupten, sie werde die Arbeitswelt revolutionieren. Die deutsche Wiege dieses Denkens steht am Potsdamer Griebnitzsee und nennt sich „School of Design Thinking“. Getragen wird sie von Milliardär und SAP-Mitgründer Hasso Plattner. Direkt nebenan liegt das nach ihm benannte IT-Institut der Universität Potsdam.

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Zeichnen und Prototypen basteln

Mit Design hat die Methode hier nicht unbedingt etwas zu tun. Vielmehr werden die Arbeitsschritte eines Designers auf andere Problemstellungen übertragen – Bedürfnisse von Nutzern analysieren, Ideen weiter verfeinern, zeichnen und Prototypen basteln. Plakate erinnern an die Prinzipien: „Früh und oft scheitern“, „Wilde Ideen ermutigen“, „Quantität zählt“. „Wir brechen bewusst mit den konventionellen Methoden von Hochschulen“, sagt Schulleiter Ulrich Weinberg. „Wir bilden Teams aus Menschen verschiedener Fachrichtungen, geben keine Noten und leiten an zur Selbstorganisation.“

Im Querdenken üben sich hier pro Semester bis zu 120 ausgewählte Studenten – parallel zu ihrem Fachstudium an zwei Tagen pro Woche. Drei- bis viermal so viele bewerben sich, um an Fragestellungen aus Wirtschaft, Verbänden und Organisationen zu arbeiten. „Das ist richtig anstrengend“, berichtet ein Student beim Tag der Offenen Tür. Denn meist stellen sich komplexere Probleme als die Tiefen einer Geldbörse: die Betreuung dementer Patienten in Krankenhäusern etwa oder kaum von Nutzern angenommene Webseiten.

Archivbild: Studenten beim Tüfteln neuer Ideen

Archivbild: Studenten beim Tüfteln neuer Ideen© HPI

Vor allem der technische Wandel der vergangenen Jahre wirft Zukunftsfragen auf: „Viele Unternehmen sind heute wie paralysiert angesichts des Veränderungsdrucks“, sagt Weinberg. Sie benötigten Mitarbeiter, die gut im Team arbeiten können. „Der klassische Bildungsapparat aber generiert Eigenbrötler und Konkurrenzdruck.“ Dabei spiele das Wissen des Einzelnen inzwischen eine untergeordnete Rolle. In der vernetzten Welt könne man sich innerhalb weniger Stunden in Themen einarbeiten.

Vom Student zum Gründer

Solche Fähigkeiten sind auch bei Personalern zunehmend gefragt. „Mitarbeiter, die über den Tellerrand denken und universell einsetzbar sind, werden immer wichtiger für den Erhalt der deutschen Wettbewerbsfähigkeit“, sagt der Präsident des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM), Joachim Sauer. Noch würden viele Unternehmen zu konventionell geführt. „Die Killerphrase ‚Das können wir nicht machen, weil wir es noch nie gemacht haben‘ muss endlich der Vergangenheit angehören.“

An ihren Fallstudien tüfteln die Studenten mehrere Wochen. Abgeschlossene Büros? Fehlanzeige. Für viele ergebe sich eine Zukunft als Gründer, sei es mit Handy-Apps, Dienstleistungen oder Möbeln, sagt Programmleiterin Claudia Nicolai. Vorgemacht haben das die Amerikaner. Zunächst waren es Professoren der kalifornischen Universität Stanford in Palo Alto, unweit vom IT-Mekka Silicon Valley, die auf diese Weise „Innovation“ lehrten. Als Plattner von ihren Erkenntnissen hörte, sei er davon sofort überzeugt gewesen, wie ein HPI-Sprecher berichtet. Er gründete zwei entsprechende Institute, 2005 in Stanford und 2007 in Potsdam, an denen die Methode auch wissenschaftlich untersucht wird.

Ob sich die Ideen tatsächlich in der Praxis bewähren? Darum gehe es gar nicht in erster Linie, sagt Weinberg. „Vielmehr setzt sich das Bewusstsein durch, dass sich neue Lösungen finden, egal wie kompliziert das Problem ist.“ Wertvoll sei es auch, dass Informatik- oder Jura-Studenten ihre kreative Ader entdecken könnten.

Die Nachfrage in der Wirtschaft steige, sagt die Architektin Kathrin Hinz, die sich an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft mit dem Thema auseinandersetzt. Wunder dürfe man von der Methode allerdings nicht erwarten, stellt sie klar.

Gefragt sind Schulungen im Querdenken für Berufstätige trotzdem: 600 waren es allein am HPI zuletzt pro Jahr, Tendenz steigend. Überzeugte Firmen riefen neuerdings alle ihre Angestellten auf, Lösungen zu finden, sagt Weinberg. Ein Umfeld dafür ist nicht schwer zu schaffen: Dafür reichen schon „Kreativzonen“ mit Möbeln auf Rollen.

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